Corona-Impfung beim Hausarzt: "Mit AstraZeneca impfe ich fast nur noch Akademiker"

David Gutensohn, Luisa Jacobs, Hannah Scherkamp
·Lesedauer: 11 Min.

Seit Kurzem impfen Hausärzte bundesweit mit. Hier erzählen drei von ihnen, wie viele Dosen Impfstoff sie zur Verfügung haben – und wie sie entscheiden, wer sie bekommt.

Seit Dienstag impfen im ganzen Bundesgebiet Hausärztinnen und Hausärzte.  © Thilo Schmuelgen/​Reuters
Seit Dienstag impfen im ganzen Bundesgebiet Hausärztinnen und Hausärzte. © Thilo Schmuelgen/​Reuters

Seit Dienstag dürfen bundesweit auch Hausärztinnen und Hausärzte in 35.000 Praxen Wirkstoffe gegen Covid-19 impfen. In der ersten Woche erhält jede Praxis im Schnitt 26 Dosen. Manche Praxen sind bereits in Modellprojekten früher gestartet – und können schon von Erfolgen und Enttäuschungen berichten.

"Es fühlt sich an wie ein Befreiungsschlag"

Petra Reis-Berkowicz, 61, Hausärztin in Gefrees (Oberfranken)

Dr. Petra Reis-Berkowicz, 61, Hausärztin in Gefrees (Oberfranken) und stellvertretende Vorsitzende des Bayerischen Hausärzteverbandes © privat
Dr. Petra Reis-Berkowicz, 61, Hausärztin in Gefrees (Oberfranken) und stellvertretende Vorsitzende des Bayerischen Hausärzteverbandes © privat

Ich impfe seit vier Wochen – und wie ich impfe! Mit den 80-Jährigen aus meiner Kartei bin ich durch, mit den 70-Jährigen auch beinahe. Jetzt sind die 60-Jährigen dran. Wir rufen diejenigen an, die auf unserer Liste stehen, und bitten sie, in die Praxis zu kommen. In meinem System kann ich nach dem Alter sortieren, so lässt sich leicht eine Reihenfolge erstellen. Als erstes habe ich allerdings mein Praxisteam geimpft. Ich kann es als Arbeitgeberin nicht verantworten, dass eine von meinen Mitarbeiterinnen erkrankt. Dass Kolleginnen und Kollegen von mir die Situation nun ausnutzen und ihre Familie und Freunde impfen, kann ich mir nicht vorstellen. Hier im Ort dürfte ich mir das jedenfalls nicht leisten, alles ist eng verwoben, wir kennen uns untereinander zu gut.

In den vergangenen Wochen gab es für die Impfungen bei uns eine Extra-Sprechstunde von 14 bis 16 Uhr. Zuerst mussten die Patientinnen und Patienten mit Abstand im Wartezimmer bleiben, dann wurden sie in unseren Behandlungsräumen für die Impfung und die Nachbeobachtung verteilt. Der Ablauf hat funktioniert, wir sind eine große Landarztpraxis und immer gut organisiert. Dennoch hat sich dieses Modell nicht sonderlich bewährt, weil meine Arzthelferinnen zu wenig Pausen machen konnten. Nach dem Impfen ging es gleich weiter mit unserer normalen Sprechstunde um 16 Uhr. Ab dieser Woche impfen wir deswegen während unseren herkömmlichen Öffnungszeiten.

"Wir waren überrascht, wie viele der 80-Jährigen noch keine Impfung hatten."

Petra Reis-Berkowicz, 61, Hausärztin in Gefrees

Seit März gehört meine Praxis zu den Pilotpraxen in Bayern. Wir sind eine sogenannte Außenpraxis des Impfzentrums in Bayreuth und haben bisher vor allem AstraZeneca geimpft, ab dieser Woche ist es BioNTech. Bereits Anfang März haben wir einen Aushang gemacht und Flyer im Wartezimmer verteilt: "Bitte nicht uns ansprechen, wir sprechen Sie an!" stand dort geschrieben. Wir wollten einen geordneten Ablauf. Mitte des Monats haben wir dann zuerst die 80-Jährigen durchtelefoniert und nachgefragt, wer noch nicht geimpft ist. Wir waren sehr überrascht, wie viele von denen noch keine Impfung bekommen hatten. Die Gründe dafür waren verschieden: Einige sind nicht mobil genug, um selbstständig in ein Impfzentrum zu kommen. Viele trauen sich nicht mehr auf die Autobahn oder in den Stadtverkehr von Bayreuth, wo sich das Impfzentrum befindet. Ein paar sagten mir auch Sätze wie: "Also, hören Sie mal, jetzt habe ich monatelang meine Enkel nicht gesehen, habe mir das Essen vor die Tür stellen lassen, dann gehe ich doch nicht in ein Impfzentrum mit zahlreichen Menschen! Ich stecke mich ja dort an!" In meiner Kartei habe ich 119 Patienten und Patientinnen, die über 80 Jahre alt sind. 49 waren bereits geimpft, 42 habe ich in meiner Praxis geimpft. Einige wollten nicht oder durften keine Impfung bekommen.

Dass ich als Hausärztin jetzt impfen darf, fühlt sich an wie ein Befreiungsschlag! Mir macht die Arbeit wieder richtig Spaß. Es war jetzt höchste Zeit, dass wir wieder in den Regelbetrieb zurückgehen und die Impfzentren nicht länger alleine die Arbeit machen. Ich glaube, dass Impfungen bei Hausärzten der einzige Weg ist, um diese Krise zu bewältigen. Viele Menschen, gerade ältere, wollen meiner Erfahrung nach nicht in einem anonymen Impfzentrum geimpft werden. Die kommen lieber zu mir in die Praxis, weil ich sie, ihre Familien und alle ihre Krankheiten seit fast 30 Jahren kenne. Da besteht ein großes Vertrauen.

"In meiner Kleinstadt leben vor allem alte und alleinstehende Frauen."

Petra Reis-Berkowicz, 61, Hausärztin in Gefrees

Durch die Impfungen ist mir noch einmal bewusst geworden, wie viele ältere Menschen wir in der Gesellschaft haben, die wir schützen müssen. In meiner Kleinstadt leben vor allem alte und alleinstehende Frauen. Dass ich nun sehe, wie diese Menschen wieder lachen können und entspannter sind, das freut mich! Dieser psychische Druck und die Angst, dass man durch das Coronavirus schwer erkrankt oder sogar daran verstirbt, ist bei vielen nach der Impfung weg.

"Wenn es nach mir ginge, würden wir gar nicht impfen"

Ekkehart Walter, seit 40 Jahren Hausarzt in Heinsberg

Wenn es nach mir ginge, würden wir in unserer Gemeinschaftspraxis gar nicht impfen, die Vorgaben der Kassenärztlichen Vereinigung sind mir viel zu wirr. Jedes Mal, wenn bei uns das Faxgerät anfängt zu rumoren, wissen wir schon, jetzt kommt wieder eine neue Verordnung der Kassenärztlichen Vereinigung. Mal sollen wir Ärzte uns sofort als Impf-Praxis registrieren, dann sollen wir es wieder lassen – und am Ende gibt es nicht genügend Dosen. Das ist so ein riesiges Chaos. Der Grund, warum ich da dennoch mitmache, ist mein Kollege, der von mir in der Gemeinschaftspraxis angestellt ist. Er hat seinen Bruder an Covid verloren. Das ist ihm sehr nahegegangen und nun will er dazu beitragen, dass so schnell wie möglich alle Menschen geimpft werden.

Also habe ich meine Bestellung abgegeben: 18 Impfdosen für die jetzige Woche, zwölf wurden uns tatsächlich geliefert. Wie diese geringen Mengen zur Beschleunigung der Impfkampagne beitragen sollen, ist mir ein Rätsel. Die Impfzentren in Nordrhein-Westfalen können von acht Uhr morgens bis 22 Uhr durchimpfen. Was machen da die zwanzig Dosen am Tag für einen Unterschied, die wir Hausärzte verimpfen sollen?

"Wir können niemals so effizient sein wie in einem Impfzentrum."

Ekkehart Walter, Hausarzt in Heinsberg

In einer Hausarztpraxis können wir niemals so effizient sein wie in einem Impfzentrum. Das ist auch so eine Empfehlung der Kassenärztlichen Vereinigung, bei der ich nur den Kopf schütteln kann. Die schreiben, wir sollten einfach einen ganzen Tag die Praxis schließen und nur impfen. Das ist realitätsfern. Was sage ich denn der Patientin, die mittwochs mit Fieber vor der Tür steht, oder dem Patienten, der mit zugekniffenen Pobacken im Wartezimmer sitzt. Tut mir leid, heute impfen wir nur? Das geht doch nicht.

Wir versuchen die Impfungen also in den Praxisalltag zu integrieren. An diesem Mittwoch starten wir damit. Wir stellen den normalen Vormittagsbetrieb etwas früher ein, so gegen elf Uhr. Dann verimpfen wir die zwölf Dosen, die wir haben. Wir gehen dabei strikt nach Alter vor. Das hört sich leicht an, ist aber in Realität der absolute Wahnsinn. Ich habe 136 Patientinnen und Patienten, die älter als 80 Jahre sind. Zumindest laut unserer Datenbank. Wer das aber genau ist und welche Vorerkrankungen er hat, wissen wir nicht. Um auszuwählen, wen wir zuerst impfen, müssen wir also jedes einzelne Krankenblatt aufrufen und uns die Begleiterkrankungen angucken. Wir fangen bei Nachnamen mit A an und prüfen bei jedem einzelnen das Geburtsdatum. Alle vor 1940 Geborenen schauen wir uns genauer an. Manchmal merken wir dann, dass die Patientin vor fünf Jahren verstorben ist. Wir müssen die Akten zehn Jahre lange aufbewahren, das heißt, da sind einige Verstorbene in der Kartei. Die nächste Frage ist, ob die Leute schon woanders geimpft wurden. Um das zu erfahren, müssen wir sie anrufen. Es ist ein irrwitziger Aufwand. Damit das alles funktioniert, arbeiten unsere Praxishelferinnen gerade ihre Mittagspausen durch und opfern ihre freien Tage.

"Ich hoffe, dass es schneller geht, sonst sind wir hier zwölf Stunden in der Woche mit den Geimpften beschäftigt."

Ekkehart Walter, Hausarzt in Heinsberg

Die Impfzentren veranschlagen für jeden Menschen, den sie impfen, etwa eine Stunde: für die Registrierung, die Kontrolle der Papiere, das Aufklärungsgespräch und so weiter. Ich hoffe, dass es bei uns schneller geht, sonst sind wir hier zwölf Stunden in der Woche mit den Geimpften beschäftigt. Fest steht, dass sie nach der Impfung bis zu einer halben Stunde kontrolliert werden müssen, falls direkte Reaktionen auftreten. Das lässt sich natürlich in einer normal großen Praxis, unter Einhaltung der Corona-Abstandsregeln auch nur mit Schwierigkeiten einrichten. Wir haben in unserem Wartezimmer insgesamt acht Stühle. Wenn ich die nach Mindestabstand belege, passen da aktuell drei Leute rein. Einen kann ich noch vor die Tür, einen ins Labor setzen. Dann gibt es noch einen kleinen Durchgang zum Balkon und einen langen Flur. Wir hoffen, dass es so aufgeht, dass der letzte geimpft wird, wenn der erste seine Wartezeit schon hinter sich hat – einfach damit alle irgendwo sitzen können.

Ich denke nicht, dass wir Probleme haben werden, unseren Stoff loszuwerden. Bislang bekommen wir nur BioNTech geliefert. Ein kleines Risiko gibt es aber immer, denn ist er einmal aufgezogen und impfbereit, können wir ihn nur sechs Stunden lang lagern. Dann muss er weg. Für den Fall hat mein Kollege eine Liste von zwölf Leuten, die jederzeit bereitstehen, um sich impfen zu lassen. Auf diese Weise wurden auch mein Kollege und ich geimpft. Eine Praxis im Nachbarort hatte in einem Alten- und Pflegeheim geimpft und festgestellt, dass sie viel zu viel Impfstoff hatten. Die haben dann alle Kollegen und Kolleginnen angerufen, aber auch Rettungsstellen und Feuerwehren in der Umgebung und so etliche Leute geimpft, die noch nicht an der Reihe gewesen wären. Sonst wäre der Stoff im Müll gelandet und das wäre bedauerlich.

"Die Impfeinladungen sind schwieriger als gedacht. Die Verunsicherung ist groß"

Sibylle Katzenstein, 53, Hausärztin aus Berlin

Sibylle Katzenstein ist Ärztin für Allgemeinmedizin und Geriatrie und führt seit 2016 eine Hausarztpraxis in Berlin-Neukölln. © privat
Sibylle Katzenstein ist Ärztin für Allgemeinmedizin und Geriatrie und führt seit 2016 eine Hausarztpraxis in Berlin-Neukölln. © privat

Ich bin seit einer Woche Teil eines Pilotprojekts, in dem Hausärztinnen und Hausärzte nach über drei Monaten schleppender Impfkampagne jetzt endlich einsteigen dürfen. 220 Dosen AstraZeneca habe ich in der vergangenen Woche verimpft. Die Impfeinladungen sind jedoch schwieriger als gedacht. Die Verunsicherung ist groß. Viele der Risikopatienten warten lieber auf einen noch weit entfernten Impftermin mit dem vermeintlich besseren Impfstoff. Sie haben gehört, dass AstraZeneca erst nur für Jüngere und jetzt nur für Ältere empfohlen wird und mit großen Risiken behaftet ist.

Der Impfstoff trägt Risiken für jüngere Frauen, ältere Männer waren nicht betroffen von den gefürchteten Komplikationen. Dagegen steht das Risiko, sich mit Corona zu infizieren und Folgeschäden zu erleiden. Ängste lassen sich mit Statistiken nicht beheben. Mit AstraZeneca impfe ich fast nur noch Akademiker, die sich selbst belesen haben.

"Wir brauchen ein pragmatisches Vorgehen und keine verunsicherten Ärztinnen."

Sibylle Katzenstein, 53, Hausärztin aus Berlin

Ärztinnen und Ärzte sind trotz dieser Verunsicherung an die Impfreihenfolge gebunden. Es wird mit strafrechtlichen Konsequenzen gedroht und über Bußgelder für sogenannte "Impfvordrängler" diskutiert. Wir brauchen dringend ein pragmatisches Vorgehen und keine verunsicherten Ärztinnen und Patienten.

Soll man einen 58-jährigen Lehrer impfen, der ein beruflich hohes Risiko trägt, an Covid-19 zu erkranken? Was passiert, wenn der knapp unter 60-Jährige nach sorgfältiger Aufklärung einen Impfschaden erleiden sollte? Ich finde auch: Eine Frau, deren Mutter im Sterben liegt und mit ihr Zeit verbringen möchte, sollte geimpft werden, unabhängig von ihren Grunderkrankungen. Wir Hausärztinnen kennen unsere Patientinnen und Patienten. Nicht nur ihre Krankheiten, sondern auch die Lebensumstände – das ist ein entscheidender Vorteil zu der vermeintlich gerechten Impfpriorisierung. Die Entscheidung, wer geimpft wird, sollte bei den Hausärzten und ihren Patienten liegen.

Wir müssen auf Schnelligkeit setzen und uns nicht länger mit einer lähmenden Bürokratie aufhalten. Es ist schon jetzt unwahrscheinlich, dass das politische Versprechen, jedem bis September ein Impfangebot zu machen, noch eingehalten werden kann. Ich fordere, dass zumindest bei AstraZeneca die Impfreihenfolge aufgehoben wird. Damit könnte die Impfkampagne maßgeblich beschleunigt werden.

"In Mexiko impft jeder, der impfen kann."

Sibylle Katzenstein, 53, Hausärztin aus Berlin

Mein Bruder lebt in Mexiko, dort werden die Menschen Stadtteil für Stadtteil geimpft. Die Bürokratie beschränkt sich auf einen Zettel, in dem der Name, die Wohnadresse und das Alter vermerkt werden. Jeder, der impfen kann, egal ob Arzt, Pflegekraft, Rettungssanitäter oder Hebamme wird in Anspruch genommen. In Schulen, in Supermärkten und auf öffentlichen Plätzen werden Impfungen durchgeführt. Ich wäre gerne Teil einer solchen Impfkampagne.

Vor ein paar Stunden kamen nun meine ersten BioNTech-Impfdosen an, nur 18 statt der angekündigten 48. Die lagern jetzt bei mir im Kühlschrank. Anfangs hieß es, dass der Impfstoff gar nicht in den Praxen vorgehalten werden kann. Richtig ist, dass der Impfstoff fünf Tage in einem normalen Impfkühlschrank gelagert werden kann.

"Die 18 Dosen sollen nun der groß angekündigte Impfstart in den Praxen sein?"

Sibylle Katzenstein, 53, Hausärztin aus Berlin

Die wöchentlichen 18 Dosen sollen nun der groß angekündigte Impfstart in den Praxen sein? Der durchschnittliche Arzt kann 18 Dosen an einem Nachmittag verimpfen. Zwischen niedergelassenen Ärztinnen und Impfzentren besteht kein Austausch. Wer wurde schon geimpft? Wer hat schon eine Einladung mit welchem Impfstoff? Die Hausärzte haben keinen Zugriff auf die Datenbank der Impfzentren.

Demnächst soll mehr Impfstoff kommen, sagen die Hersteller und das Bundesministerium für Gesundheit. Ich warte gespannt darauf und hoffe, dass wir dann auch unbürokratischer impfen können. Denn jeder Geimpfte ist ein Schritt aus dem Lockdown.