Das Corona-Medikament Paxlovid beeinflusst Corona-Fallzahlen nicht

Coronainfektionen werden für die Fallzahl-Statistik mit PCR-Tests bestätigt, die nach bestimmter Virus-DNA suchen. Auf Instagram heißt es allerdings Ende August 2022, das Covid-Medikament Paxlovid würde die gleichen Symptome wie eine Virusinfektion auslösen, was zu einer inszenierten Infektionswelle führe. Das verschreibungspflichtige Medikament wird allerdings überhaupt erst bei einer Coronainfektion für wenige Tage eingesetzt und es kann auch laut Expertinnen und Experten PCR-Tests nicht positiv ausfallen lassen.

Dutzende User stimmten Ende August 2022 der Paxlovid-Behauptung auf Instagram zu. Auf Telegram erreichte die Behauptung Hunderte.

Die Behauptung: In dem Video heißt es: "Paxlovid. Die Inszenierung einer 'neuen Welle'". In dem Video heißt es, dass das Covid-Mittel Paxlovid die gleichen Nebenwirkungen einer Covid-Erkrankung habe. Es wird dann weiter behauptet: "Je mehr dieses Medikament zu sich nehmen, umso mehr Symptome wird es geben, welche wiederum Herdenläufe zu Teststationen auslösen, woraufhin wieder etliche Falschergebnisse eine neue Welle begründen werden."

Screenshot der Behauptung auf Instagram: 01.09.2022 ( Jan RUSSEZKI)

Der PCR-Test beruht auf einer Polymerase-Kettenreaktion, oft mit PCR abgekürzt, und ist ein häufig verwendetes Testverfahren, um den Virus Sars-CoV-2 im Körper nachzuweisen. Dabei wird das genetische Material aus einer Probe vervielfältigt. Ist der spezifische Erreger darin enthalten, weist der PCR-Test dessen genetische Spuren nach. Forschende bezeichnen das PCR-Testverfahren immer wieder als den “Goldstandard” für Corona-Diagnosen. Die weniger zuverlässigen Antigen-Schnelltests reagieren dagegen auf Proteine und werden oft zum Vortesten genutzt. Positive Antigentestergebnisse können zur behördlichen Isolationsanorndung führen. Für die Aufnahme in die Fallzahlen-Statistik müssen die Ergebnisse allerdings laut Robert-Koch-Institut (RKI) von einem PCR-Test bestätigt werden.

Trotz der Zuverlässigkeit von PCR-Tests wurden diese während der Pandemie immer wieder in Zweifel gezogen. So wurde etwa fälschlicherweise behauptet, PCR-Tests seien nutzlos oder könnten nicht zwischen Grippe- und Coronaviren unterscheiden. AFP hat im Kontext der Corona-Pandemie und der Maßnahmen dagegen zahlreiche irreführende und falsche Behauptungen widerlegt und sie hier gesammelt.

Covid-Medikament: Paxlovid

Laut Europäischer Arzneimittelagentur (EMA) ist Paxlovid ein antivirales Arzneimittel, das die Fähigkeit des Coronavirus verringert, sich im Körper zu vermehren. Es blockiere ein Virusenzym, das für die Vermehrung benötigt wird. Das Medikament ist seit dem 28. Januar 2022 in der Europäischen Union bedingt zugelassen.

Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) führt Paxlovid vom Pharmaunternehmen Pfizer als Anti-Covid-19-Arzneimittel. Es kann seit dem 25. Februar 2022 von Ärztinnen und Ärzten in Deutschland verordnet werden.

Laut eines BfArM-Dokuments mit Fachinformationen wird das Medikament ausschließlich dazu verwendet, Coronavirus-Erkrankungen bei Menschen zu behandeln, die keine zusätzliche Sauerstoffzufuhr benötigen und erhöhtes Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf haben.

In den Fachinformationen sowie im Beipackzettel werden auf häufige Nebenwirkungen aufmerksam gemacht. Die häufigsten seien demnach Geschmacksstörungen (bei 5,6 Prozent der Einnehmenden), Durchfall (3,1 Prozent), Kopfschmerzen (1,4 Prozent) und Erbrechen (1,1 Prozent). Im Beipackzettel wird außerdem vor möglichen schweren Nebenwirkungen bei Menschen mit bestimmten Vorerkrankungen wie Nieren- und Leberfunktionsstörungen und vor möglichen Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten gewarnt. Auswirkungen auf PCR-Tests werden in dem Beipackzettel an keiner Stelle erwähnt.

Der Verlust des Geschmackssinns, Kopfschmerzen, Durchfall und Erbrechen sind ebenfalls mögliche Symptome einer Coronainfektion.

Paxlovid wird erst bei Coronainfektion verschrieben

Paxlovid ist verschreibungspflichtig und wird erst bei einer Coronainfektion verabreicht. Das bestätigte ein Sprecher der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) am 1. September 2022 gegenüber AFP: "Paxlovid wird Patienten so früh wie möglich nach einem positiven PCR-Test verabreicht." Er betonte, dass insofern "alle mit Paxlovid Behandelten einen positiven PCR-Test und häufig sicher auch typische Covid-19-Symptome" hätten.

Die Behauptung, Nebenwirkungen von Paxlovid würden zu vermeintlichen Coronafällen führen, ist folglich unlogisch. Paxlovid wird erst bei einer Infektion verschrieben und nicht schon zuvor.

PCR- und Antigen-Tests werden durch Paxlovid nicht positiv

Wie bereits erwähnt, bekommen nur corona-positive Patientinnen und Patienten Paxlovid verschrieben. AFP hat dennoch bei Expertinnen und Experten nachgefragt, ob Paxlovid, das unabhängig von einer Coronainfektion eingenommen würde, zu einem positiven PCR-Testergebnis führen könnte.

Der Sprecher der Deutschen Krankenhausgesellschaft dementierte dies auf AFP-Anfrage und erklärte: "Generell reagiert ein PCR-Test auf das Vorhandensein von Erbinformationen des jeweiligen Virus. Ist das Virus mitsamt seiner Erbinformation nicht anwesend, reagiert der PCR-Test auch nicht, abgesehen von der allgemein bekannten geringen Fehlerquote. Nur die Virus-RNA kann zu einem positiven Test führen."

Falsche Ergebnisse sind selten, kommen aber vor. Grund dafür sind unter anderem auch menschliche Fehler. AFP hat zur Zuverlässigkeit von PCR-Tests in diesem Faktencheck genauere Informationen gesammelt.

Auch Torsten Kiesner, Sprecher des Verbandes der Diagnostica-Industrie (VDGH), erklärte auf AFP-Anfrage zu der Behauptung am 5. September 2022 die Funktionsweise von PCR-Tests und bestätigte, "ein Test reagiert auf Virusmaterial, nicht auf Medikamente oder Symptome".

Das Robert-Koch-Institut hat auf AFP-Anfrage am 1. September 2022 auf ein Papier der Gesellschaft für Virologie (GfV) über das PCR-Testverfahren vom 25. November 2020 verwiesen, in dem ebenfalls betont wird, dass PCR-Tests ausschließlich auf die gesuchten Erreger positiv reagieren.

VDGH-Sprecher Kiesner dementiert die Behauptung auch für Antigen-Tests: "Auch bei den Antigentests gilt, dass sie grundsätzlich nur auf spezifische Proteine des Coronavirus reagieren und nicht auf andere Moleküle wie etwa chemische Strukturen wie sie in einem Wirkstoff enthalten sein können."

Fazit: Die Behauptung, dass das Covid-Medikament Paxlovid zu positiven Testergebnissen und so zu überhöhten Coronafallzahlenn führen, ist falsch. Das Medikament wird erst bei einer bestehenden Covid-Infektion eingesetzt. Darüber hinaus kann laut mehrerer Expertinnen und Experten die Einnahme von Paxlovid nicht zu falsch-positiven Testergebnissen führen.