Corona-Schnelltests: Meine Nase ist mein Tempel

Maja Beckers
·Lesedauer: 7 Min.

Sich mit Yoga und Meditation Geist und Seele erweitern, aber Angst vor einem Stäbchen in der Nase haben? Das alles zeugt von einem verworrenen Welt- und Körperbild.

Gleich wird es hier invasiv. © Matic Grmek/​Getty Images
Gleich wird es hier invasiv. © Matic Grmek/​Getty Images

Nein, ein Stäbchen kommt ihnen nicht in die Nase! In einem Moment, in dem noch nicht alle geimpft werden können und Tests ein wichtiges Instrument sind, um Infektionen zu vermeiden, fällt in der alltäglichen Beobachtung eine überraschend große Gruppe Menschen auf, die lieber nicht wissen wollen, ob sie infiziert sind. Denn dafür muss für ein paar Sekunden ein Stäbchen in die Nase.

Dagegen wehren sich viele Eltern, die nicht wollen, dass ihre Kinder vor dem Unterricht getestet werden. Aber auch Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sind dabei, wie ein Fall zeigt, der im Februar vor dem Offenbacher Arbeitsgericht landete, wo Mitarbeitende dagegen geklagt hatten, dass ihr Chef sie ohne Test nicht aufs Gelände ließ. Ihre Anwälte begründeten die Ablehnung des Tests damit, dass die "Selbstbestimmung" und die körperliche Unversehrtheit verletzt würde, weil es sich dabei um einen "invasiven Eingriff" handele.

Während die Offenbacher Anwälte wohl mit der Querdenken-Szene vernetzt sind, sind die meisten Eltern, so man das im Alltag beobachtet, nicht unbedingt Corona-Leugner. Im Gegenteil, viele haben bei den Masken noch mitgezogen, aber beim Stäbchen ist Schluss. Da rücken die Pandemiemaßnahmen ihnen und ihren Kindern nicht nur auf den Leib, sondern tiefer. Nicht so tief wie das Coronavirus, aber trotzdem ist damit für einige offenbar eine Grenze überschritten. Das alles bedarf keiner tieferen psychologischen Deutung – Stäbchen sind unangenehm, Körpergrenzen bedeutsam, staatlicher "Zwang" wird in Deutschland rituell beargwöhnt. Im Streit ums Stäbchen lässt sich relativ kostengünstig die eigene Autonomie behaupten (im doppelten Sinn): Mein Körper ist mein Tempel und kein Schauplatz für Public Health. Und am Ende ist man dadurch nicht einmal ungeimpft, und also selbst nicht besser oder schlechter geschützt. Es ist risikoloses Querulantentum.

Überhaupt ist der Bezug von Impfgegnerschaft und Testverweigerung interessant: Auch Impfgegner teilen dieses Unwohlsein, dass in ihre Körper eingegriffen wird. Aber im Gegensatz zum Teststäbchen macht eine Impfung dort ja tatsächlich etwas. Nicht die Dinge, vor denen sie so große Angst haben, aber es gibt eine körperliche Reaktion, genau die will man ja. Die gibt es beim Stäbchen nicht.

Genau das aber macht die Sache philosophisch interessant. Am Stäbchen entscheidet sich eine reine Frage des Grenzübertritts ohne individuelle körperliche Folgen, schon gar keine negativen. Es geht um das Invasive ohne Effekt, das nur deshalb abgelehnt wird, weil es invasiv ist. Es geht also um etwas Grundsätzliches, das man daraufhin befragen kann, ob es im Rahmen eines Weltbildes schlüssig ist. Das wäre gegeben, wenn eine Person sich grundsätzlich stark gegen Grenzüberschreitungen verwehren, ihre Autonomie auch in anderen Feldern stark behaupten würde.

Nun ist der Nachweis, dass eine stäbchenskeptische Person auch sonst stark über ihre Grenzen wacht, schwer zu erbringen. Es ist aber interessant, dass es gesamtgesellschaftlich an anderer Stelle eine erstaunlich große Offenheit für grenzüberschreitende Eingriffe gibt, nämlich dann, wenn sie der Psyche gelten. Geistig invasiv dürfen Verfahren jederzeit sein. Jedenfalls für sehr viele Menschen, wenn man danach geht, wie gut sich Psychologieratgeber, Meditationsapps oder die neuesten Selbstsuggestionstricks verkaufen. Da gibt es offenbar wenig Bedenken, wenn man sieht, wie viele Menschen ihr Life auch kaum ausgebildeten Coaches überlassen oder – und sei es nur für ein bisschen Wellness – in die Esoterik einsteigen, weil man die abwegigsten Geistheilungsverfahren ja einfach mal ausprobieren kann.

Dieser Kontrast ist fester Bestandteil der Esoterikszene, aber auch darüber hinaus verbreitet: wenn Menschen zum Beispiel keine Schmerzmittel nehmen, weil die in den Körper eingreifen, aber sich nur zu gerne von der nächsten hippen Psychomethode innerlich verwandeln lassen wollen; wenn die Vorsicht, die sie gegenüber einer Knie-OP walten lassen, wie weggeblasen ist, wenn es darum geht, Energien durch sich durchleiten zu lassen, von denen sie zum ersten Mal hören; oder wenn ein Geistwesen ihre Gedanken ordnen soll, das nie eine Peer-Review gesehen hat.

Weil dabei nichts schiefgehen kann? Skeptiker und Skeptikerinnen kritisieren immer wieder, dass es abseits seriöser Psychotherapie einen riesigen Markt gibt für alles mögliche Geistesherumdoktern, der extrem nachgefragt, aber im Gegensatz zum Angebot körperlicher Maßnahmen so gut wie gar nicht reguliert ist. Denn auch wenn die Energien nicht fließen, können diese Methoden gefährlich sein, Menschen Dinge glauben lassen, abhängig machen oder manipulieren.

Der Kontrast zwischen der sorglosen Begeisterung für geistige und einer tendenziell ablehnenden Haltung körperlichen Verfahren gegenüber ist also nicht neu. Aber sich gegen ein folgenloses Stäbchen in der Nase aufzulehnen, treibt ihn auf die Spitze und führt diese Haltung ad absurdum. Denn wer in einer tödlichen Pandemie, in der Tests ein wichtiges Instrument sind, um Leben zu retten, sich Tests verweigert, weil er sein Selbst, seine "Selbstbestimmung", dermaßen von einem Wattestäbchen durchbohrt sieht, der zeigt schon eine sehr starke Bindung ans Physikalische.

Das entlarvt einen Widerspruch, der diesem Kontrast vielleicht schon immer zugrunde lag. Denn die Grenze zwischen Ich und Welt so körperlich zu definieren, ist eigentlich eine materialistische Haltung. Ein Stäbchen in der Nase als invasiv zu empfinden und, sagen wir, ein Achtsamkeitstraining nicht, spricht sogar für einen starken Materialismus, wie ihn etwa der Philosoph Daniel Dennett vertritt. Dennett geht davon aus, dass der Mensch sein Körper ist, und was wir Geist nennen, ein Effekt dieses Körpers. Das heißt, er glaubt auch, dass es im Bezug auf das Wesen des Menschen nichts grundsätzlich Rätselhaftes gibt und zwischen Himmel und Erde nur Dinge, die sich – im Prinzip – erklären lassen.

Verortet die esoterische Testskeptikerin ihr Ich also mehr in der Nase als in einem Gedanken? Das widerspricht vordergründig den meisten Ansätzen auf dem Markt der Geistesmethoden, all den Schwingungen, der Aura, einer "feinstofflichen Welt", und überhaupt der Idee, wie der britische Literaturtheoretiker Terry Eagelton in seinem Buch Materialism einmal so schön schrieb, dass "spirituelle Kräfte die Natur regieren wie Monarchen". Auf den zweiten Blick entlarvt die Testskepsis diejenigen, die zugleich kein Problem mit psychischer Einflussnahme haben, als strikte Materialistinnen und Materialisten. Die Hinwendung an das laienhaft Psychologische ist dann vielmehr eine Geringschätzung der eigenen Psyche, am Ende geht es um Gesundheit, die ihrerseits körperlich definiert ist.

Das wiederum verträgt sich mit nichts gut, was eine irgendwie konsistente Haltung zur Welt ist. Es verträgt sich aber sehr gut mit einem naiven Gegenwartsbezug, wonach man das Virus nicht ernst nehmen muss, bis es einen ereilt. "Real" sind halt in dieser materialistischen Weltauffassung weder die Warnungen der Mediziner noch die Forderungen von Politikerinnen an die Einzelnen. Real ist nur die Abwesenheit des Virus, solange ich selbst keine Symptome habe. Das verträgt sich dann auch mit der Auffassung, es sei "unverhältnismäßig", symptomfreie Menschen zu testen, obwohl längst bekannt ist, dass die Übertragung des Virus auch symptomfrei stattfindet.

Man kann natürlich wunderbar Materialist sein, ein Stäbchen in der Nase als invasiv empfinden und es trotzdem richtig finden, weil Testen Leben retten kann. Aber es mit der Begründung abzulehnen, man dulde kein Eindringen in den eigenen Körper, entlarvt einen eben auch als solcher. Und es entlarvt alle Argumentationen, es ginge einem um die psychischen Folgen des möglicherweise positiven Testergebnisses als reine Verschleierung der eigenen Widersprüche, als ein Logikproblem, gegen das sich keine Geistheilung empfiehlt.

Es mag nun ärgerlich sein, wenn Menschen sich nicht testen lassen wollen, zum potenziellen Schaden der Menschen in ihrem Umfeld. Aber vielleicht ist das der Silberstreif, der aus der Ironie dieser Situation hervorgeht: Ausgerechnet der Stäbchenaufstand aus der Achtsamkeitsszene könnte darauf hindeuten, wie viel verbreiteter materialistische Weltsichten sind, als man beim Blick auf den Esoterikmarkt und Querdenkende meinen könnte. Er könnte ein Hinweis darauf sein, dass viele gar nicht so tief im Glauben an die bunte Welt der Mentalreparaturen drinstecken, wie sie vorgeben. Oder eben: weniger an diese Dinge glauben, als sie selbst glauben.