Spahn erwartet weitere Coronavirus-Ausbreitung

Jens Spahn (CDU) nach einem Treffen der Gesundheitsminister von Bund und Ländern im Bundesgesundheitsministerium.

Die Ausbreitung verlangsamen - das ist das wichtigste Ziel bei der Bekämpfung des Coronavirus. Das setzt die Akteure im Gesundheitswesen unter großen Druck. Die Bundesregierung erlässt neue Regeln. Italien beschließt unterdessen die Schließung aller Schulen.

Berlin (dpa) - Deutschland setzt auf eine Eindämmung der Coronavirus-Epidemie im Land - und muss sich nach Einschätzung des Bundesgesundheitsministers dennoch auf weiter steigende Fallzahlen einstellen.

«Der Höhepunkt der Ausbreitung ist noch nicht erreicht», sagte Jens Spahn (CDU) am Mittwoch im Bundestag. Der Erreger Sars-CoV-2 ist mittlerweile in allen Bundesländern außer in Sachsen-Anhalt nachgewiesen worden. In der EU ist Italien am stärksten betroffen. Von Donnerstag an bis 15. März schließe das Land alle Schulen und Hochschulen, kündigte Schulministerin Lucia Azzolina an.

Bisher waren vor allem in Norditalien die Schulen geschlossen, weil das Virus dort besonders umgeht. In dem Land haben sich bisher fast 3100 Menschen mit Sars-CoV-2 infiziert, wie der Zivilschutz mitteilte. Bis Mittwoch zählten die Behörden 107 Tote.

Die wirtschaftlichen Auswirkungen sind für viele Menschen fatal, der Tourismus ist komplett eingebrochen. Der Verband Confturismo sprach von Verlusten von 7,4 Milliarden Euro in den drei Monaten März bis Mai. Städte wie Venedig und Mailand sind leer, selbst die Hauptstadt Rom - die bisher wenig Fallzahlen hat - ist wie leer gefegt. Auch die Architekturbiennale in Venedig wurde verschoben.

Eine Schließung von Schulen hält die Präsidentin der deutschen Kultusministerkonferenz hierzulande nicht für nötig. Auch eine Verschiebung der Ferientermine sei kein Thema, sagte Stefanie Hubig der «Neuen Osnabrücker Zeitung» (Donnerstagausgabe). Die AfD-Bundestagsfraktion hingegen hält eine Schließung der Schulen in Deutschland für sinnvoll, um eine weitere Virusverbreitung zu verhindern.

Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) forderte die Kassen auf, die Zahl der Karenztage für Arbeitnehmer vorübergehend auf sechs zu erhöhen. Eltern könnten dann ihre kranken Kinder zu Hause betreuen und müssten nicht für eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung in die Praxen kommen.

Die Behörden in Deutschland zielten weiter darauf, die Ausbreitung zu verlangsamen, sagte Spahn. «Die Sicherheit der Bevölkerung geht im Zweifel vor, auch vor wirtschaftlichen Interessen.» Der Bund will nun ergänzend zu anderen Beteiligten Schutzkleidung zentral für Arztpraxen, Krankenhäuser und Bundesbehörden beschaffen, wie nach Beratungen des Krisenstabs der Regierung mitgeteilt wurde. Der Export medizinischer Schutzausrüstung wie Atemmasken, Handschuhen und Schutzanzügen ins Ausland wird auf Anordnung des Wirtschaftsministeriums verboten.

Angesichts der Ausbreitung des Virus ist Schutzausrüstung weltweit knapp. Unter anderem die Kassenärzte hatten gewarnt, der Grundbestand der Praxen werde bundesweit nicht reichen, wenn die Zahl der Verdachtsfälle weiter steige.

Des Weiteren setzte Spahn die festen Personaluntergrenzen für bestimmte Stationen bis auf Weiteres außer Kraft. Kliniken dürfen damit angesichts der Covid-19-Fälle vorübergehend von Vorgaben zur Mindestbesetzung mit Pflegekräften abweichen. Und Apotheken sollen künftig leichter Desinfektionsmittel direkt vor Ort herstellen können. Dafür sei eine Ausnahmeregelung mit dem Bundesumweltministerium beschlossen worden, sagte Spahn nach Beratungen mit seinen Länderkollegen am Mittwoch in Berlin.

Der Minister räumte auch Schwierigkeiten im Umgang mit dem Virus ein. «In den betroffenen Regionen stehen alle Akteure gerade unter großem Druck», sagte er. «Natürlich sind noch nicht alle Abläufe eingespielt.» Spahn weiter: «Es dauert teilweise noch zu lange, bis Verdachtsfälle getestet werden.» Aber: «Wir analysieren die Lage laufend und stellen auftretende Probleme so schnell wie möglich ab.»

In Südhessen beispielsweise nimmt eine Kreisklinik seit dem Wochenende auch Abstriche durch das Autofenster. «Der Drive-in für Corona-Tests wird als Alternative zur normalen Untersuchung in unserer MVZ-Praxis (Medizinisches Versorgungszentrum) angeboten», sagte Krankenhaussprecher Martin Wohlrabe. Die Möglichkeit werde bisher gut angenommen. Zuvor hatten mehrere Medien berichtet.

Für die Klinik bietet das Verfahren große Vorteile: Verdachtsfälle blieben sozusagen «in ihrer eigenen Quarantänestation», erklärte Geschäftsführerin Erika Raab. Die medizinische Fachkraft, die die Abstriche nimmt, trage Schutzkleidung. Andere Klinikbedienstete und Patienten kämen mit dem Patienten nicht in Berührung.

Ähnliche Drive-in-Testzentren richten auch immer mehr Städte in Südkorea ein. Die Zahl dieser Einrichtungen sei mittlerweile auf 48 gestiegen, berichtete der staatliche Sender Arirang. Auch der britische nationale Gesundheitsdienst (NHS) bietet nach eigenen Angaben im Westen von London zusätzlich solche «drive throughs» an.

Als weitere Belastung für das Gesundheitssystem in Deutschland könnte sich die Entscheidung Indiens herausstellen, den Export von 26 Medikamenten und Wirkstoffen einzuschränken. Aus dem Land kommen viele Nachahmerpräparate. Die Grundstoffe für deren Produktion kämen aus China und wegen der Epidemie würden sie inzwischen nicht mehr geliefert, sagte der Vorsitzende der indischen Exportförderungsbehörde für Arzneimittel, Dinesh Dua. Indien wolle mit der Einschränkung sicherstellen, dass wichtige Medikamente wie Paracetamol in ausreichender Menge für den eigenen Markt zur Verfügung stehen. Auch Deutschland sei als größter Abnehmer indischer Generika in der EU von den Exportbeschränkungen betreffen.

Der Internationale Währungsfonds (IWF) nimmt wegen des Virus seine Prognose für das globale Wirtschaftswachstum in diesem Jahr zurück. Das Wachstum werde 2020 niedriger ausfallen als im Vorjahr, sagte IWF-Chefin Kristalina Georgiewa. Wie stark die Konjunktur zurückgehen werde, sei momentan aber noch nicht absehbar. Im Januar hatte der IWF ein Plus von 3,3 Prozent für 2020 prognostiziert. Eine aktualisierte Prognose will der IWF voraussichtlich im kommenden Monat vorlegen.

In Deutschland zählte das Robert Koch-Institut (RKI) bis Mittwoch (15.00 Uhr) 262 nachgewiesene Infektionen. Ein Großteil der Fälle trat in Nordrhein-Westfalen auf, der stark betroffene Kreis Heinsberg meldete 104 Infektionen. Viele Patienten sind inzwischen wieder gesund. Schwere Covid-19-Verläufe sind selten, ein darauf zurückgehender Todesfall wurde in Deutschland bisher nicht erfasst. Weltweit haben sich dem RKI zufolge inzwischen über 93 000 Menschen nachweislich mit dem neuen Coronavirus infiziert.

Israel hat aus Sorge vor einer Covid-19-Ausbreitung neue Einreisebestimmungen verhängt. Touristen aus Deutschland, Österreich, der Schweiz, Frankreich und Spanien dürften nicht mehr einreisen, berichtete der israelische Rundfunk am Mittwoch.

In China stieg die Zahl der Toten bis Mittwoch auf 2981. Die Gesamtzahl der offiziell erfassten Ansteckungen in Festlandchina seit Beginn der Epidemie im Dezember kletterte auf mehr als 80.000. Von ihnen haben 50.000 die Krankenhäuser wieder verlassen. Experten gehen allerdings in China von einer hohen Dunkelziffer aus.

Inzwischen kehrt das Virus auf dem Umweg über das Ausland wieder nach China zurück. So sind bei der Ankunft in China innerhalb einer Woche bereits 75 infizierte Reisende entdeckt worden. Erstmals nachgewiesen wurde Sars-CoV-2 am Mittwoch in Polen. Und auch die kleinen Färöer-Inseln haben ihren ersten Fall.

Unterdessen werden weitere Großveranstaltungen abgesagt. So verschieben die Veranstalter der Hannover Messe die weltgrößte Industrieschau. Das Branchentreffen mit rund 6000 Ausstellern, das im April geplant war, soll jetzt vom 13. bis 17. Juli stattfinden. Nach der Buchmesse in Leipzig wurde auch die Londoner Buchmesse wegen des Coronavirus-Ausbruchs abgesagt. Der Branchentreff hätte vom 10. bis 12. März stattfinden sollen. Messebauer sehen sich aufgrund der zahlreichen Absagen in der Krise. «Die aktuelle Lage ist dramatisch», sagte Jan Kalbfleisch vom Fachverband Messe- und Ausstellungsbau (Famab).

In Italien rät der wissenschaftliche Beraterstab der Regierung den Bürgern im Land, auf das Küsschen zur Begrüßung zu verzichten. Nach Medienberichten empfahl das Expertenkomitee unter anderem auch den Verzicht auf Umarmungen und Händeschütteln. Stattdessen solle man einen Meter Abstand halten. In Asien raten Experten zu traditionellen Begrüßungsritualen wie etwa einer Verbeugung statt dem Händeschütteln. Im Internet kursieren die ersten Videos, in denen sich Spaßvögel beim «Wuhan-Shake» zur Begrüßung mit den Füßen einen Kick geben oder sich die Hände in der Luft reichen - ohne Kontakt.