Coronavirus-Infektion: Die Pandemie bei mir zu Hause

Widad Nabi
·Lesedauer: 6 Min.

Unsere Autorin konnte im Jahr 2015 vor dem Krieg aus Syrien nach Deutschland fliehen. Nun musste sie erfahren: Vor einem Virus kann man sich kaum in Sicherheit bringen.

"Wie kann die unsichtbare Welt des Virus unsere sichtbare Welt besiegen, unser Zuhause und die Büchersammlung darin, die Zimmerpflanzen, die ich seit Jahren pflege?" © KNSY Bande/​plainpicture
"Wie kann die unsichtbare Welt des Virus unsere sichtbare Welt besiegen, unser Zuhause und die Büchersammlung darin, die Zimmerpflanzen, die ich seit Jahren pflege?" © KNSY Bande/​plainpicture

Knochen kleiner Vögel, aufbewahrt in einem Glas mit Apfelessig im Küchenschrank. Am Kühlschrank und ums Spülbecken herum Pilze in allen Farben und Formen, wie sie im Herbst in den Wäldern um Rheinsberg gewachsen sind. Ein gepresstes Stöhnen und Husten aus fest verschlossenen Fläschchen, die auf einem bunt bemalten marokkanischen Tonteller stehen. Es will ihnen nicht gelingen, laut um Hilfe zu rufen.

Als mein Mann und ich uns mit Covid-19 infiziert hatten, suchten mich jede Nacht solche Seuchenalpträume heim.

Widad Nabi, geboren 1985 in Kobane in Syrien, lebt heute in Berlin. Die kurdisch-syrische Lyrikerin und Autorin absolvierte einen Bachelor in Wirtschaftswissenschaften an der Universität Aleppo. 2013 erschien ihr Buch "Zeit fūr Liebe, Zeit fūr Krieg" in Aleppo. 2016 folgte "Syrien und die Sinnlosigkeit des Todes" in Beirut. Im zweiten Halbjahr 2020 war Widad Nabi Stadtschreiberin zu Rheinsberg. © Heike Steinweg
Widad Nabi, geboren 1985 in Kobane in Syrien, lebt heute in Berlin. Die kurdisch-syrische Lyrikerin und Autorin absolvierte einen Bachelor in Wirtschaftswissenschaften an der Universität Aleppo. 2013 erschien ihr Buch "Zeit fūr Liebe, Zeit fūr Krieg" in Aleppo. 2016 folgte "Syrien und die Sinnlosigkeit des Todes" in Beirut. Im zweiten Halbjahr 2020 war Widad Nabi Stadtschreiberin zu Rheinsberg. © Heike Steinweg

Tagsüber war mir, als hingen Spiegel in allen Ecken unserer Wohnung, in denen meine Furcht, meine Illusionen und meine Zerbrechlichkeit sichtbar wurden. Ich musste erkennen, welch ein Irrtum es gewesen war, zu glauben, ich sei in Sicherheit, denn jetzt hatte ich wieder Angst wie im Krieg. Verwundbar gemacht von der Pandemie.

Bei Sophokles heißt es: "Der Ängstliche hört überall ein Rascheln." Ich hatte den Satz in einem Band von Alain de Botton gelesen, Trost der Philosophie, der auf der Kommode lag. Wie haben die griechischen Philosophen der Antike eigentlich den Gedanken an den Tod verarbeitet? Hat Sokrates nicht, um seine Ideen zu verteidigen, den Gifttod hingenommen? Aber was bedeutet der Tod, wenn man mit einem Virus kämpft, das man nicht sieht, einem Wesen, dem man nicht in die Augen sehen kann, während es einen dahinrafft?

Tag für Tag stellten sich mir solche existenziellen Fragen, die mich von der Küche ins Schlafzimmer und bis in die Badewanne begleiteten. Selbst wenn ich das Fenster zum Garten hin öffnete, saßen sie wie Vögel auf den Ästen der Pappel. Orpheus kam mir in den Sinn, der dem Tod entgegentrat, indem er seine Geliebte aus der Unterwelt befreite, vergeblich, und der am Ende gegen seinen Schmerz und seine Sehnsucht nicht ankam.

Wie kann die unsichtbare Welt des Virus unsere sichtbare Welt besiegen, unser Zuhause und die Büchersammlung darin, die Zimmerpflanzen, die ich seit Jahren pflege? Wie kann sie unsere täglichen Wanderungen im Herbst um die Rheinsberger Seen herum vergessen lassen, wie unsere Vergangenheit, unsere Erinnerungen an unsere Kämpfe mit der Diktatur, an den Krieg und unser Überleben? Wie konnte dieses unsichtbare Wesen in der Lage sein, all diese erlebten Dinge zu besiegen? Sieht das Leben das alles wirklich nur als ein Fantasiebild oder einen Traum? Sind wir letztlich nur eine Illusion?

Wie konnte die Pandemie unser Verhältnis zu Ort und Zeit so verändern? Überall auf der Welt müssen Menschen auf dieselbe Weise und ohne Beachtung von Ethnien, Religionen und Denkweisen mit der Seuche umgehen. Gab es je eine kollektivere Erfahrung für so viele Menschen, die nun alle dieselbe Angst empfinden? Was wäre, wenn alle Bewohner der Erde erkrankten?

Hart und lang waren die Tage, während derer ich mit den Geistern der Pandemie kämpfte, die mir ihrerseits vom Fenster meines Schlafzimmers aus auflauerten. Ich dachte mir, vielleicht sollte ich hinausgehen und den Geruch von Orangen und Nelken einatmen, wie es die Menschen zu Shakespeares Zeiten in London während der Pest gemacht hatten, weil sie dachten, er schütze sie vor einer Ansteckung. Aber 400 Jahre später in Berlin roch es nach nichts. Das Virus unserer Zeit hatte mir den Geschmacks- und Geruchssinn genommen. Zitronen, Zucker, Salz, Parfüm ihres Sinns beraubt. Wie beängstigend es doch ist, die Körper geliebter Menschen nicht riechen zu können! Eine Nichte von mir war schwanger und erkrankte an Corona. Sie hatte zwei Monate lang Panik, dass sie ihr Baby nicht würde riechen können.

Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, einen Text über Rheinsberg und mein Leben als Stadtschreiberin im Schloss zu schreiben. Aber die Stadt und meine glückliche Zeit darin hatten sich in ein Phantom verwandelt, in einen Keller voller Spinnweben, Staub und Alpträume. Es war, als hätte ich mit der Krankheit auch alle meine Erinnerungen verloren. Kann Verlustangst tatsächlich eine menschliche Identität auslöschen? Hat Verlustangst mehr Einfluss auf unser Leben als der Tod selbst?

An einem der Tage saß ich neben meinem Mann am Bettrand und legte ihm kalte Umschläge auf den Kopf; das Fieber schüttelte ihn wie eine Papiertüte im Wind. Ich befeuchtete seine Stirn und seine Brust, ich hielt seine Hände und presste sie an mich. Warum war der Raum meines Mannes verseuchter als meiner? Seit wir uns verliebt hatten und uns eine Wohnung teilten, war unser Abstand immer geringer geworden. Sein Stöhnen zerriss mir das Herz. Hatte ich dem Leben noch nicht genug bezahlt? Hatte ich nicht lange genug in einem Land voller Krieg, Tod und Zerstörung gelebt? Als Fremde und Einsame war ich in ein neues Land gekommen. Hatte ich nicht Anrecht auf ein wenig Glück mit dem Mann, den ich liebte, und auf ein Zuhause, das wir zusammen aufgebaut hatten? Sollen wir hinfällige Wesen wie Sisyphos den Felsen ein ums andere Mal den Berg hinaufrollen und uns von ihm überrollen lassen? Ich fühlte mich nicht so stark wie Sisyphos.

Mein Kopf war schwer, mir war schwindelig, meine Glieder schmerzten und meinem Mann ging es immer schlechter. Auch die Gespenster am Fenster verschwanden nicht. Ich rief den Notarzt.

Ich musste meinen Mann auf der Straße verabschieden, die Sanitäter ließen mich nicht mit ihm fahren. Ich stieg die vier Stockwerke zurück in die Wohnung und kämpfte gegen die Geister, die Stimmen und meine Alpträume.

In der Küche fiel mir ein Glas Kamillentee aus der Hand und zerbrach. Während ich weinend die Scherben zusammensammelte, entsann ich mich eines deutschen Sprichworts, das ich im Deutschkurs gelernt hatte: Scherben bringen Glück. Aber ein Glücksgefühl wollte sich nicht einstellen, zu viel war in der Zeit der Pandemie in mir kaputtgegangen.

Meine Alpträume nahmen zu, als mein Mann auf die Intensivstation verlegt wurde. Ich versuchte vergeblich, mich an unsere zurückliegenden Wochen vor der Krankheit zu erinnern. Die langen Spaziergänge. Der schilfumschlossene See, bunte Pilze unter Bäumen, Eichhörnchen, Gräser, die sich unter unseren Schritten bogen … Aber mein Verstand wollte keine glücklichen Erinnerungen auffrischen.

Ich hatte schon so viel in meinem Leben verloren, und der Gedanke, möglicherweise auch noch meinen Partner zu verlieren, war mir unerträglich.

Während der sieben Tage im Krankenhaus war ich jedem Arzt dankbar, der mich zu Hause anrief und mich über den Zustand meines Mannes unterrichtete, jeder Krankenschwester, die ihm eine Cortisonspritze gab und dabei ihr eigenes Leben gefährdete. Am liebsten hätte ich ihre Stimmen am Telefon geküsst, aber Stimmen kann man nicht küssen.

Jetzt schaue ich die Amaryllis in der Vase an, während mein Mann wieder am Schreibtisch sitzt und arbeitet. Die bitteren Novembertage scheinen weit weg. Es ist schon erstaunlich: Erinnerungen sind aus dem Lehm der Hoffnung gemacht, und Seuchen aus dem Metall des Vergessens.

Aus dem Arabischen von Günther Orth