Coronavirus-Pandemie: Der Präsident gibt sich sorglos

Thomas Fischermann

Brasilien könnte bald das Land mit den meisten Corona-Fällen sein. Jair Bolsonaros Verhalten in der Krise mag man zynisch finden. Aber eine andere Option hat er kaum.

Trägt bei seinen Pressestatements eine Maske: Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro © Adriano Machado/​Reuters

Sylvia Granville ist am Sonntag an den Strand gelaufen, aber diesen Fehler will sie nicht so bald wiederholen. "Ich hatte Sehnsucht nach der Sonne", erzählt die 79-jährige Frau, "und ohne Vitamin D kriege ich Osteoporose". Also zog sie sich eine kurze Hose, "die knappste die ich finden konnte", und ein Bikini-Oberteil an, und dann lief sie zehn Minuten lang von ihrer Wohnung bis zur Promenade der Copacabana. Doch ihr vertrautes Stadtviertel kam ihr unheimlich vor.

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"Die Zahl der Obdachlosen auf den Straßen hat erheblich zugenommen", berichtet sie. Vor den vielen verrammelten Ladengeschäften und in Häuserecken kampieren jetzt ganze Familien und Granville machte das Angst: "Ich würde ja selber auch einer alten Frau ihre Handtasche entreißen, wenn das der einzige Weg wäre, um meinen Kindern in dieser Krise etwas zu Essen zu besorgen." An der Promenade sah sie aufgebrochene Fenster in den verwaisten Strandbüdchen. Polizisten liefen viele herum, aber sie schienen sich darum nicht zu kümmern.

In Rio de Janeiro darf man im Augenblick nicht den Strand betreten: Die Stadtverwaltung hat ihn zur Sperrzone erklärt, nur auf dem Bürgersteig darf man laufen. Sie hat auch die meisten Läden und Restaurants schließen lassen. Granvilles Blick fiel auf einen Tribünenwagen am Straßenrand. Der parkte dort, sechs Männer standen obendrauf und schwenkten Trikots in den Nationalfarben über ihren Köpfen. Über eine Lautsprecheranlage riefen sie den Passanten Slogans zu, die die Seniorin so verstand: "Geht arbeiten, Leute! Brasilien darf nicht stillstehen! Wer Angst vor dem Coronavirus hat, soll doch nach Kuba gehen!"

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Coronavirus-Tote statt Zusammenbruch der Wirtschaft

Die Sprüche haben ihr nicht gefallen: Sie stammen vom Präsidenten Brasiliens, Jair Bolsonaro, der die Gefahr des Coronavirus seit Wochen herunterspielt. Inzwischen hat die Opposition laut einem Zeitungsbericht wegen seiner gefährlichen Corona-Politik ein Amtsenthebungsverfahren gegen ihn angestrengt – wobei der Präsident schon mehrere solcher Versuche überstanden hat.

Bolsonaro will die von vielen Gouverneuren und Bürgermeistern verhängten Ausgeh- und Geschäftsverbote am liebsten aufheben lassen. Er argumentiert, dass ein Zusammenbruch der Wirtschaft schlimmer sei und letztlich mehr Leute töten würde als die Pandemie. "Na und?", erklärte er kürzlich lakonisch, als er auf die (damals schon) Tausenden Coronavirus-Toten im Land angesprochen werde. Zwei Gesundheitsminister, die die Sache ernster nahmen, hat Bolsonaro inzwischen nacheinander entlassen. Er selbst ignorierte Quarantänevorschriften und trat ohne Maske vor seinen Anhängern auf.

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Die 79-jährige Frau aus Copacabana versteht das Verhalten des Präsidenten nicht recht: Sie selber hat große Angst vor dem Virus. Seit ihrem kurzen Besuch am Strand will sie künftig überhaupt nicht mehr ausgehen und keinem Menschen mehr persönlich begegnen – mit ZEIT ONLINE sprach sie am Telefon. Sie verbringt die Pandemie-Tage jetzt vorwiegend in ihrem ledernen Ohrensessel, vor dem Fernseher. Draußen am Fenster hat sie eine Wassertränke montiert, damit sie gelegentlich Besuch von Vögeln und Äffchen bekommt. Nahrungsmittel und Medikamente stellen Kuriere vor ihrer Wohnungstür ab, und falls sie doch wider Erwarten mal die Tür aufmachen muss, zieht sie eine Gesichtsmaske über. 

Schließlich weiß Sylvia Granville, dass allein in ihrer Stadt schon mehr als 3.000 Menschen am Coronavirus gestorben sind. Das Gesundheitssystem Brasiliens war schon wenige Wochen nach dem Ausbruch der Pandemie durch den Ansturm der Patienten überlastet, an vielen Orten des Landes fehlen Beatmungsgeräte, Fachpersonal und Arzneimittel für die Intensivmedizin.

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Die wohlhabende Mittelschicht des Landes hält es in diesen Tagen überwiegend so wie Sylvia Granville: Man isoliert sich und schützt sich vor dem Coronavirus, so weit es irgend geht. Online-Apps fürs Heimtraining, fürs Meditieren auf dem Fußboden des heimischen Wohnzimmers, Unterhaltungsprogramme à la Netflix und Videokonferenzprogramme boomen in Brasilien wie auch sonst an vielen Orten auf der Welt. Doch all das betrifft nur eine verhältnismäßig kleine Schicht im Land. Man muss dafür freilich eine geeignete Wohnung haben und sich die Isolation leisten können. Granville kann das und sie hat vor Jahren sogar eine private Krankenversicherung abgeschlossen. Falls sie trotz aller Vorsichtsmaßnahmen Atembeschwerden bekäme, könnte sie in ein 20 Minuten von ihrer Wohnung entferntes Krankenhaus fahren. Zumindest theoretisch hätte sie das Recht dazu. "Ob es dort im Augenblick noch Kapazitäten gibt, weiß ich auch nicht", sagt sie.

Brasilien insgesamt ist mit knapp 300.000 offiziell gemeldeten Infektionen und fast 20.000 Todesfällen bereits das am drittschlimmsten betroffene Land der Welt, nach Russland und den USA. Es gibt auch keine Anzeichen dafür, dass sich die Entwicklung dort verlangsamt, also könnte es sogar bis zur traurigen Nummer eins aufsteigen.

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Schon in Rio de Janeiro kann man sehen, woran das liegt: Die Hügel der Stadt und große Flächen der Außenbezirke sind mit Armutsgebieten übersät, den sogenannten Favelas. Die Menschen leben dort sehr eng in mehr oder weniger improvisierten Häusern, viele haben nicht mal Zugang zu fließendem Wasser oder zu einer geregelten Kanalisation. Deshalb ist in einigen Favelas die Pandemie zuletzt besonders stark ausgebrochen – was man allerdings nur aus Schätzungen weiß, denn in Brasilien werden nur wenige Coronavirus-Tests gemacht und der Zugang der ärmeren Bevölkerung zum formalen Gesundheitssystem ist unregelmäßig.

In ganz Brasilien aber leben nach der amtlichen Statistik sechs Prozent der Bevölkerung – also etwa 13 Millionen von 220 Millionen Einwohnern – in Favelas. Noch viele weitere Millionen leben dichtgedrängt an der Peripherie von Kleinstädten, in ungeplanten Siedlungen oder Dörfern ohne Zugang zu sanitären Einrichtungen. Deshalb verbreitet sich die Seuche von Rio de Janeiro und anderen großen Städten des Südostens auch rasch im ganzen Land aus. Nach Angaben des staatlichen Geografie- und Statistikinstituts haben inzwischen 62 Prozent der 5.570 Gemeinden des Landes mindestens einen bestätigten Erkrankungsfall gemeldet. Dieser Wert hat sich binnen 52 Tagen fast verzwölffacht.

Ungehinderte Infektionsketten

Selbst in den Wohnhäusern, in denen sich die urbane Mittelschicht verschanzt – also in solchen, wo auch die Seniorin Sylvia Granville wohnt – gehen viele Menschen aus den Favelas ein und aus. Die Portiers, Putzhilfen, Köchinnen und Babysitter leben in der Regel in den Armutsgebieten. Sie pendeln jeden Tag eine oder zwei Stunden lang mit Bussen und Bahnen zu ihrem Arbeitsplatz.

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In Rio de Janeiro zum Beispiel ist dieses Pendeln nach wie vor erlaubt – trotz der strengen Isolierungsbestimmungen, die die Stadtverwaltung von Rio erlassen und vor wenigen Wochen noch mal verschärft hat. Es gibt Polizeikontrollen in den Bussen und Bahnen, aber da reicht es in aller Regel für die Weiterfahrt aus, ein Schreiben des Arbeitgebers mitzuführen. Die Menschen aus den Favelas haben auch kaum eine Wahl, als arbeiten zu gehen: Die soziale Absicherung ist schlecht und eine von der Regierung ausgezahlte Sonderzahlung für informelle Arbeitskräfte in der Höhe von 600 Reais (knapp 100 Euro) monatlich ist wenig Geld und kommt nicht bei allen an. Viele ärmere Brasilianer müssen entweder arbeiten oder obdachlos werden und hungern.

In Rio de Janeiro etwa häufen sich in diesen Tagen die Geschichten von Angestellten, die mit Coronavirus-Symptomen zur Arbeit kommen. "Eine Putzhilfe und ein Portier haben mir viele Tage später gesagt, dass sie Fieber hatten und sogar ihren Geruchssinn vermissten, inzwischen geht es ihnen wieder besser, aber sie hätten natürlich zu Hause bleiben sollen", sagt Clarissa Bomfim, eine Musiklehrerin aus Copacabana, die in ihrem Wohngebäude als Nebenjob den Dienstplan des Personals einteilt. Sie war erschrocken, weil die Angestellten ihr die Krankheit erst viele Tage später offenbart hatten. Einige besonders wohlhabende Familien in ihrem Wohngebäude haben es so eingerichtet, dass die Dienstboten isolations-freundlich bei ihnen im Haus übernachten. So war es früher häufiger üblich in Brasilien, aber inzwischen sind bei der Familie wohnende Angestellte die Ausnahme geworden.

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Optionsloser Präsident

All das erklärt wiederum das eigenartige Verhalten der brasilianischen Regierung unter Präsident Bolsonaro – zum Teil jedenfalls. Dessen zur Schau gestellte Sorglosigkeit mag verantwortungslos oder zynisch sein – aber verrückt ist der Mann nun auch wieder nicht. Wenn in Brasilien bloß Leute wie die Seniorin Sylvia Granville lebten, würde Bolsonaros Politik wohl vernünftigerweise so aussehen wie die in Deutschland und anderen wohlhabenden Ländern: Isolationsvorschriften für alle, bis der Virus unter Kontrolle gelangt und das Gesundheitssystem mit den auftretenden Fällen klarkommen kann.

Bolsonaro hat diese Option nicht. Die schlecht ausgerüsteten Krankenhäuser sind längst überfüllt, die Wartelisten für Beatmungsgeräte werden länger und länger, mit ein paar raschen Neubauten und der Anschaffung zusätzlicher Geräte hat es nicht gut geklappt. Ein Großteil der Brasilianer lebt sowieso in ländlichen Gegenden oder in Dörfern des riesenhaften Amazonasgebiets – und ist dort so weit weg vom nächsten Krankenhaus, dass eine Dunkelziffer von vielen Tausenden Brasilianern vermutlich schon gestorben ist, ohne dass das in die offizielle Statistik eingegangen ist.

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Bolsonaro fährt hier offenbar die folgende Strategie: Sollen die Wohlhabenden sich ruhig isolieren, alle anderen werden zur Arbeit aufgefordert, weil der Präsident ihnen sowieso nicht helfen kann. Diese Sorglosigkeit soll den Menschen wohl Mut zusprechen. Außerdem erklärt der Regierungschef – nach dem Vorbild von Donald Trump – seit Wochen, dass das Malariamittel Chloroquin eine Art Wunderdroge gegen das Coronavirus sei. Kaum ein Mediziner bestätigt das. Den Menschen, die es trotzdem glauben, gibt Chloroquin wohl zusätzliche Hoffnung – es wirkt wie ein Placebo vom Präsidenten.

Und weil so viele Gouverneure und Bürgermeister entgegen den Vorgaben des Präsidenten trotzdem strenge Isolierung vorschreiben, sieht Bolsonaro eine Chance, auch daraus politisches Kapital zu schlagen: Dann gibt er ihnen eben die Schuld an dem heraufziehenden wirtschaftlichen Zusammenbruch. Bolsonaro dürfte darauf setzen, dass die Pandemietoten bei der nächsten Wahl in zweieinhalb Jahren vergessen sind – und dass er den beginnenden Zusammenbruch der Wirtschaft seinen politischen Gegnern in die Schuhe schieben kann.

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