Wegen Coronavirus: Antibiotika-Engpässe möglich

Produktionsausfälle in China wegen des Coronavirus könnten schlimmstenfalls zu Antibiotika-Engpässen in Deutschland führen.

Wie viele Menschen sich in China tatsächlich schon mit dem neuen Coronavirus infiziert haben, ist kaum abschätzbar. Zu den Folgen gehört, dass Engpässe bei Antibiotika drohen könnten. In Deutschland wurden am Abend zwei weitere Infektionen bekannt.

Peking/München (dpa) - In Deutschland ist die Zahl der bestätigten Coronavirus-Fälle um 2 auf 16 gestiegen.

Die beiden Neuerkrankungen stehen im Zusammenhang mit dem Automobilzulieferer aus Stockdorf bei München, bei dem vor über zwei Wochen bundesweit erstmals eine Infektion mit der neuen Lungenkrankheit gemeldet wurde. Das berichtete das bayerische Gesundheitsministerium in München. Einzelheiten zu den neuen Fällen wollte das Ministerium am Mittwoch bekanntgeben. Am Abend gab es zudem widersprüchliche Informationen zur Zählweise der Infektionen in China.

Alle nun insgesamt 14 bestätigten Coronavirusfälle in Bayern stehen in Zusammenhang mit dem Automobilzulieferer Webasto. Dort war eine chinesische Kollegin zu Gast, die wenig später zurück in ihre Heimat flog, wo ihre Infektion nachgewiesen wurde. In Deutschland wurde das Virus zudem bei zwei am 1. Februar von China nach Frankfurt/Main ausgeflogenen Menschen nachgewiesen. Am Mittwoch will der Bundestag über die Vorbeugemaßnahmen gegen das Virus beraten.

Produktionsausfälle in China wegen des neuen Erregers könnten Pharmaexperten zufolge zu Antibiotika-Engpässen in Deutschland führen. Da die Herstellung von Wirkstoffen in der stark betroffenen Provinz Hubei stillstehe, schwänden die Lagervorräte für die Weiterverarbeitung, sagte Morris Hosseini, Pharmaexperte bei der Beratungsgesellschaft Roland Berger. Erschwerend komme hinzu, dass mit dem chinesischen Neujahrsfest die Produktion ohnehin ruhte. Kurzfristig reichten die Bestände noch aus, doch bei einem längerfristigen Stopp in den chinesischen Werken drohten Lieferengpässe.

Weltweit sei die Pharmabranche in der Wirkstoff-Produktion abhängig von China, sagte Hosseini. «Wenn sich die Situation in den chinesischen Produktionsstätten mittelfristig nicht entspannt, wird sich die Lage in Europa zuspitzen.» Behörden sehen noch keinen Grund zur Sorge. Es lägen «bislang keine Hinweise vor, dass es aufgrund des Coronavirus zu kurzfristigen Liefer- oder Versorgungsengpässen kommen wird», teilte das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte in Bonn mit.

Die neue Lungenerkrankung bekam am Dienstag einen eigenen Namen. Sie werde nun Covid-19 genannt, sagte der Chef der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Tedros Adhanom Ghebreyesus. Covid steht für «COrona VIrus Disease». Zugleich erhielt auch das zunächst vorläufig 2019-nCoV genannte neue Coronavirus eine eigene Bezeichnung: Sars-CoV-2. Dessen Namensgeber, ein Team des Internationalen Komitees zur Taxonomie von Viren bezieht sich mit dem Namen Sars-CoV-2 auf die sehr enge Verwandtschaft zum Sars-Virus (Sars-CoV), an dem 2002/2003 Hunderte Menschen gestorben waren. Die Viren sind Experten zufolge Varianten ein und derselben Virusart.

Aus Sorge vor dem neuen Virus kann in Asien ein aus Hongkong kommendes Kreuzfahrtschiff nicht andocken - obwohl keine Fälle an Bord bekannt sind. Thailands Gesundheitsminister Anutin Charnvirakul erklärte bei Facebook, er habe untersagen lassen, dass die «Westerdam» festmacht. Zuvor hatten dies schon Taiwan und Japan verweigert, wie die Reederei Holland America Line schilderte. An Bord sind demnach rund 1500 Gäste und 800 Besatzungsmitglieder. Darunter seien einige Deutsche, hieß es am Dienstag aus dem Auswärtigen Amt.

Das Virus hat in China inzwischen mehr als 1000 Menschen das Leben gekostet. 108 neue Todesfälle wurden erfasst - so viele wie nie zuvor binnen einem Tag. Nachweislich infiziert haben sich nach der offiziellen Statistik bisher gut 42.600 Menschen, knapp 2500 mehr als noch am Vortag.

Allerdings zählt die zuständige chinesische Gesundheitskommission Menschen, bei denen das Virus mit einem Test nachgewiesen wurde, die aber keine Symptome der Lungenkrankheit zeigen, schon seit einigen Tagen nicht mehr mit - ein Vorgehen, dass klar der Definition der Weltgesundheitsorganisation widerspricht. Die WHO betrachtet jemanden als nachweislich infiziert, wenn das Virus durch ein Labor bestätigt wurde - «ungeachtet klinischer Zeichen oder Symptome». Die WHO selbst hatte zunächst keine Kenntnis von einer derartigen Änderung der Statistik. Vielmehr sei die Definition, welche Fälle gezählt werden, nach ihren Informationen erweitert worden, sagte WHO-Expertin Sylvie Briand in Genf.

Generell dürfte die Dunkelziffer nicht erfasster Fälle in China immens sein. «Wir sehen nicht den echten täglichen Anstieg, sondern die tägliche Obergrenze in der Fähigkeit, neue Fälle zu identifizieren», erklärte der Coronavirus-Experte Christian Drosten von der Berliner Charité. Es könne sein, dass das Hindernis im Meldesystem die Testung ist, es könne aber auch etwas anderes sein. «Ich gebe inzwischen nichts mehr auf diese Zahlen.»

Vor dem Hintergrund von Vorwürfen über eine zu langsame Reaktion der Behörden auf den Ausbruch, der im Dezember in Zentralchina begann, gab es personelle Konsequenzen: Wie Chinas Staatsfernsehen berichtete, wurden die Chefs der Gesundheitskommission in der besonders schwer betroffenen Provinz Hubei entlassen. Von neuer Offenheit im Umgang mit der Epidemie lässt sich aber weiter nicht reden. So setzte die Polizei zwei chinesische «Bürgerjournalisten» fest, die im Internet über die überfüllten Krankenhäuser in der stark betroffenen Millionenstadt Wuhan berichtet hatten.

Wie die Organisation Human Rights Watch (HRW) unter Verweis auf Familie und Freunde berichtete, hatten Polizisten den Anwalt Chen Qiushi und den Blogger Fang Bin «unter dem Vorwand der Quarantäne abgeholt». Seither seien beide nicht mehr über ihr Handy erreichbar, was in Isolation möglich sein müsste. Die Videos von Fang Bin, der auch Leichensäcke gefilmt hatte, waren um die Welt gegangen. Chen Qiushi schilderte in einem Video: «Es gibt nicht genug Gesichtsmasken, nicht genug Schutzanzüge, nicht genug Material und was noch wichtiger ist, nicht genug Tests.»

Nach Ansicht des Fraktionsvorsitzenden der Europäischen Volkspartei im Europaparlament, Manfred Weber, fehlt der EU ein gemeinsames Vorgehen gegen die Ausbreitung des Coronavirus. Die EU hat bei der Reaktion auf das Coronavirus generell nur wenig Kompetenz, diese liegt primär bei den Mitgliedsstaaten selbst. Die Gesundheitsminister werden am Donnerstag zu einem Sondertreffen in Brüssel erwartet.