Cybermobbing im Akte-Spezial: Nackt - und schutzlos



Als ein Nacktbild von ihrer Tochter Lara (Aleen Kötter, rechts) im Internet veröffentlich wird, ist Mutter Charlotte (Felicitas Woll) überfordert.


SAT.1 widmete dem Thema „Cybermobbing – Gegen Hetze im Netz“ gestern viel Zeit: Erst mit dem Spielfilm „Nackt. Das Netz vergisst nie“ mit Felictas Woll, dann ein in einem „akte 20.17- Spezial“ über Hetze im Netz. Das ist löblich, an der Umsetzung haperte es dann allerdings.

“Was Mobbing im Netz anrichten kann, hat man schon zu oft in den Nachrichten gelesen”, sagte Schauspierlein Felicitas Woll in einem Interview. “Kinder und Jugendliche nehmen sich das Leben, da sie keinen Ausweg mehr sehen.” Darum fordert sie: mehr Aufmerksamkeit und Sensibilität.

Einen Teil trägt sie dazu bei: Im Sat.1- Film „Nackt. Das Netz vergisst nie“ spielt sie eine überforderte, verzweifelte Mutter, die gegen die Waffen von Cybermobbern ankämpft. Machtlos. Der Spielfilm bewegt sich zwischen Familiendrama und Krimi, gleitet ab zum Hacker-Thriller.

Die Geschichte dahinter ist real: Der todtraurige Fall der kanadischen Schülerin Amanda Todd diente als Inspiration. 2012 hatte sie nach jahrelangem Cybermobbing aufgrund eines Nacktbilds Suizid begangen. Auch in den USA, Großbritannien und den Niederlanden haben sich bereits Teenager wegen Internet-Häme das Leben genommen.


Cybermobbing-Spezial zeigt: (Fast) jeder kann Täter werden. Und Opfer:

Keine Einzelfälle. Ähnliche Schicksale gibt es, täglich und auch in Deutschland. In einem Experiment, im Anschluss an den Spielfilm, zeigte akte 20.17 in einem Cybermobbing-Spezial, wie schnell Menschen zum Täter werden. Dabei wurde eine Gruppe von zwanzig Personen in „Hater“ und „Liker“ eingeteilt. In einem virtuellen Chat sollten sie den Moderationsstil einer YouTuberin kommentieren. Resultat: Die Hater hatten Bombenspaß am Dissen, die Liker schüttelten betroffen den Kopf über den herabregnenden Shitstorm. Haken an der Sache: Die Probanden wurden vor Beginn angehalten besonders aggressiv beziehungsweise objektiv zu reagieren. Aussagekraft somit: Null. Bleibt einzig die Erkenntnis von Cybermobbing-Experte Christian Scherg, der darauf hinweist, dass die Hemmschwelle im Internet viel schneller sinkt als im realen Leben, wenn man ein Gegenüber vor sich hat.

Der Musiker Gabriel, der seinen echten Namen nicht nennen mochte, wurde sieben Jahre von einem Cybermobber im Netz verfolgt. Um seinen Peiniger loszuwerden beging er digitalen Selbstmord, löschte alle Social-Media-Accounts. Doch der Schuss ging nach hinten los, sein Mobber begann ihn danach auch am Telefon zu terrorisieren. Christian Scherg hat einen Rat: Cybermobber am besten ignorieren und ihnen niemals, wirklich niemals zeigen, was man fühlt. Das befeuert nur ihr Machtgefühl. Soweit die „Opfer“-Sicht. Leider fehlte der Sendung eine deutliche Warnung an alle Mobber da draußen, wie gefährlich ihre vermeintlich „lustigen“ Hasskommentare werden können…

Emma Holten – wollte nicht länger Opfer sein.

Stattdessen zeigt akte ein weiteres Beispiel, ein Opfer, das sich auf ganz spezielle Weise gewehrt hat – mit den Waffen der Cyber-Mobber. Emma nämlich wurden Nacktfotos zum Verhängnis, die sie an ihren damaligen Freund per Mail schickte. Die Bilder wurden von einem Hacker geklaut, auf ihrem Facebook-Account und im Internet verbreitet. Sie wurde Opfer eiskalter Rache-Pornografie. Drei Jahre litt sie unter täglichen Schikanen und Angstzuständen. Und dann kam ihr die zündende Idee, ihre eigenen Nacktbilder ins Netz zu stellen. Offen zugänglich für alle. „Für so viele Jahre haben andere entschieden wie ich meinen Körper zu empfinden habe, dass ich mich beschämt und erniedrigt fühlen soll, dass mein Körper auf dieser oder jener Seite erscheint. Und ich dachte, ich will entscheiden, was mein Körper bedeutet“.

Lobenswert ist, dass akte 20.17 nicht nur von hilflosen weiblichen Opfern berichtet. Doch Holtens Geschichte ist tatsächlich ein Einzelfall. Erstrebenswerter allerdings wäre gewesen, zu erwähnen, dass dem Cybermobbing durch Nacktbilder folgende bittere Wahrheit zugrunde liegt: Unsere Gesellschaft verurteilt Frauen, die sich öffentlich nackt zeigen, immer noch als Huren.

Foto: Sat.1

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