Das Ding mit der Nafri-Keule

·Reporter
Die Polizei bei ihrem Silvester-Einsatz in Köln.
Die Polizei bei ihrem Silvester-Einsatz in Köln.

In der Kölner Silvesternacht etabliert sich die Polizei als Wortschöpferin. Dieses Talent sollte sie sich sparen.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Die „Silvesternacht“ von „Köln“ verlief ruhig. Diesmal keine massenhaften sexuellen Angriffe gegen Frauen, keine rechtsfreien Zustände. Dies ist der Polizei zu verdanken und ihrem massiven Aufgebot. Während nämlich die meisten von uns ihre Feuerzangenbowle rührten, standen sich die Beamten in der Kälte die Beine starr. Nicht nur, dass nach dem Versagen vor einem Jahr die halbe Welt auf die Kölner Polizei schaute – es gab auch Hinweise, dass sich ähnliche Gruppen zusammentun würden, von denen ein ähnliches schlimmes Verhalten wie vor einem Jahr nicht auszuschließen war.

Dass es sich dabei um Nordafrikaner handelte, vornehmlich junge Männer aus Tunesien, Marokko und Algerien, ist bekannt. Es sind Menschen mit wenig Bleibeperspektive in Deutschland und wenig zu verlieren. Nicht wenige von ihnen sind hartnäckig straffällig, sie bilden für die Polizei eine „Klientel“.

Ob diese Gruppe nun vorhatte, den Kölner Hauptbahnhof in einen rechtsfreien Raum zu verwandeln – das ist nicht bekannt. Dafür sorgte die Polizei. Nur: Wie sie es tat, wirft Fragen auf.

Selektion ist auch ein Talent

Es gibt da zwei Türen am Hauptausgang des Bahnhofs. Wer weiß im Gesicht oder in Begleitung einer Frau war, durfte durch die linke. Wer nordafrikanisch – im Sinne der Polizei – aussah, musste durch die rechte Tür und sich Kontrollen unterziehen, die auch schon mal länger dauern konnten, wie es hieß. In Sekundenbruchteilen urteilen, wer wie aussieht: Donnerblitz, die Polizei hat da offensichtlich ein Händchen. Oder wie es ihr Sprecher ausdrückte: „Wie ein Nordafrikaner grundsätzlich aussieht, das weiß man.“

Ich bitte um Entschuldigung, dass ich mit meiner Bewunderung für diese Leistung nicht hinterm Berg halten kann: Ich weiß nicht, wie ein Nordafrikaner grundsätzlich aussieht.

In Italien gibt es ein altes die mediterrane Kultur beschreibendes Sprichwort: „Una faccia, una razza“ – „ein Gesicht, eine Rasse“. Es besagt, wie ähnlich sich die Bewohner der Mittelmeerregion von Südfrankreich über Italien, Griechenland, Türkei, die Levante und Nordafrika sind. Sie teilen oft gemeinsame Geschichte, gemeinsame Erfahrungen und Austausch.

Es gibt im Phänotyp sicherlich erkennbare Unterschiede im Kleidungsstil – aber ein Gesicht in typisch „nordafrikanisch“ oder typisch „syrisch“ oder „italienisch“ einzuteilen kommt mir der Quadratur eines Kreises nahe. Ich glaube, der Polizeisprecher hat den Mund recht voll genommen.

Ist eigentlich bekannt, wie viele Unschuldige und eigentlich Unverdächtige diesen Kontrollen durch die rechte Tür ausgesetzt wurden? Sagen wir, ein seit 15 Jahren in Deutschland lebender Syrer, der zur Silvesterfeier seiner Arbeitskollegen wollte? Sind tatsächlich 98 Prozent aller Kontrollierten aus Nordafrika gewesen?

Es ist gut, dass der Kölner Hauptbahnhof in der Silvesternacht nicht für Frauen zur vogelfreien Zone wurde. Die Polizei muss sich dennoch fragen, ob dieses selektive Vorgehen, das eben doch voreingenommen sein muss, verzichtbar gewesen wäre.

In der Kürze liegt die Würze

Die Polizei schoss indes noch einen größeren Bock. Dieses verdammte Twitter. In einer Botschaft vermeldete man nämlich, „am HBF werden derzeit mehrere Hundert Nafris überprüft.“

Nafri – das steht für Nordafrikaner und soll nach Aussage der Polizei „frei jeder Wertung“ sein. Damit hat der Polizeisprecher für den bisher besten Witz des neuen Jahres gesorgt. Natürlich wertet der Begriff ab, er klingt wie „Asi“ in ganz Deutschland oder „Fidschi“ in Ostdeutschland.

Dass der Begriff bei der Polizei intern gebraucht wird, ist nachvollziehbar: Immerhin haben die Beamten oft mit Nordafrikanern als Tätern im Deliktbereich des Diebstahls und des Drogenhandels zu tun. Da soll es wohl mal schnell zugehen, und die Arbeit mit diesen Tätern frustriert.

Aber was nachvollziehbar ist, ist noch lange nicht in Ordnung: Frust darf nicht zur Abwertung an sich führen. Genau an dieser Stelle beginnt rassistisches Denken. Dass dieser Begriff dank polizeilicher Hilfe nun an die Öffentlichkeit geraten ist und sich dort zu etablieren droht, dafür muss sich die Kölner Polizei schämen.

Noch eine Frage zum Schluss. Dieses „Horrorpaar von Höxter“, diese beiden echt nicht nafrimäßig aussehenden Menschen aus dem 236 Kilometer von Köln entfernten Städtchen, die acht Frauen gefoltert und zwei getötet haben sollen, wären die am Kölner Bahnhof von der Polizei auch durch die rechte Tür geführt worden?