Das Traumschiff: Versenkt diese Sendung!

Seit 35 Jahren schippert das Traumschiff durchs deutsche Fernsehen – warum eigentlich?
Warum ist dieses Format eigentlich nicht schon längst versenkt worden? Die Kreuzfahrtsoap „Das Traumschiff“ im Zweiten ist mit das Schlechteste, was es an deutscher Fernsehunterhaltung gibt. Und trotzdem geht die Reise immer weiter. Warum eigentlich?

Es gibt eine Serie, die wohl im Alleingang für das Überleben der deutschen Kreuzfahrtindustrie verantwortlich ist. Zweimal im Jahr legt „Das Traumschiff“ ab und schippert die Traumziele des deutschen All-Inclusive-Urlaubers an. Seit mehr als drei Jahrzehnten hält sich die Serie im Programm des ZDF und erzählt hanebüchene Geschichten zwischen Maschinenraum und Sonnendeck. Auch das 35. Sendejubiläum am Ostersonntag war da keine Ausnahme.

Also dann, Leinen los. Muss ja.

Dass es diesmal nach Afrika – genauer gesagt Tansania – geht, merkt man schon an der Bekleidung der Figuren. Die Gäste an Bord tragen Safarilook – oder zumindest das, was man im frühen 20. Jahrhundert einmal darunter verstand: Beige, Beige, Schlapphut, beige.

Wer aber jetzt ein Abenteuer in Indiana-Jones-Manier erwartet, kann gleich wieder ausschalten. Hier gibt’s keine Grale und Grabräuber. Die Probleme auf der MS Amadea sind unglaublich viel „näher am Leben“. Angewandte neue Sachlichkeit sozusagen.

Echte Menschen mit echten Problemen

Da ist einmal Robin Schmelting, die in Tansania das Testament ihres entfremdeten Vaters einsehen soll und deshalb mit ihrem Ehemann Kai an Bord geht. Ihr Bruder Steffen Frohme ist auch an Bord. Mit dem aber hat sie, das wird in den gestelzten Unterhaltungen der beiden Eheleute schnell klar, seit Jahren keinen Kontakt mehr gehabt. Familienzusammenführungsalarmstufe Rot!

Da ist der junge Seemann, dessen Namen man jetzt schreiben könnte, der aber von Florian Silbereisen gespielt wird. Nennen wir ihn also Matrose Silbereisen. Der steht vor einer wichtigen Entscheidung: „Will ich singen, oder will ich zur See fahren“, fragt er sich nachdenklich. Oh, die wichtigen Fragen der Menschheit!

Außerdem sind da die beiden Hobbyfotografen, die in der Serengeti auf Fotosafari für einen Wettbewerb gehen wollen. Justus Erbrecht und Felix Staudinger heißen die, man könnte sie allerdings genauso gut Dick und Doof nennen, denn diese Funktion erfüllen die beiden Rollen. Als „Comic Relief“, komische Entlastung, stolpern sie durch eine Handlung, die eigentlich keine Entlastung braucht.

Am Ende gibt es da, natürlich, auch wieder die üblichen Verdächtigen: Kapitän Victor Burger, Schiffsarzt Dr. Sander und Kreuzfahrtdirektor Oskar Schifferle mischen sich unter die Gäste und treiben die schwergängige Handlung voran.

Diese Geschwister haben sich lange nicht gesehen. Wie lange sagen sie dem Zuschauer zweimal. Weil es so wichtig ist.

Und die geht so. Robin Schmelting und ihr Mann gehen an Bord und es wird schnell klargemacht, dass er eine Affäre mit der Schiffsfriseurin hat. Sie und ihr Bruder treffen sich derweil auf dem Oberdeck und erzählen einander und dem Zuschauer, dass sie sich seit fast zwanzig Jahren nicht mehr gesehen haben. Zweimal wiederholt die Schwester dieses wichtige Detail.

So funktioniert das auf dem Traumschiff nämlich. Alles, ja wirklich alles, muss in den schlechten Dialogen des Drehbuchs Platz finden. Dazu noch ein paar bedeutungsschwangere Gesichtsausdrücke und Klimm-Bimm-Musik und fertig ist das halbseidene Drama.

Bruder Frohme hat übrigens ganz andere Probleme als den untreuen Ehemann seiner Schwester. Seine Wurstfabrik schreibt Miese, weshalb er schnell 200000 Euro auftreiben muss. Immer wenn er daran denkt, dreht die Musik ins bedeutungsschwangere Moll.

Nicht einmal Harald Schmidt rettet die Sendung vor der Havarie

Als Harald Schmidt als Kreuzfahrtdirektor in der Waschküche auftaucht, hofft man kurz, dass diese Havarie eines Fernsehevents vielleicht doch noch gerettet werden kann. Leider ist Schmidt völlig ironiebefreit bei der Sache: Er sei auf der Suche nach einem neuen Sänger, da die alte eine Zyste auf den Stimmbändern habe, erklärt er ins Telefon. Wie gut, dass Matrose Silbereisen zwischen den Waschmaschinen gerade „Schlager ist geil“ singt. Im Gesicht des Kurdirektors geistesblitzt es und er groovt sich seinen Weg zurück aufs Oberdeck.

Als das Schiff in Tansania ankommt, infotalkt Kapitän Burger schnell ein paar Fakten durch das Schiff, die untermalt werden von Bildern, die so direkt aus einem Tansania-Tourismusspot stammen könnten.

Alte Liebe und Auferstehungen

Einmal von Bord nimmt vor allem die Geschichte der beiden Geschwister Fahrt auf. Der untreue Ehemann, der inzwischen enttarnt wurde, muss auf dem Schiff bleiben und so fliegen Robin und Steffen allein zur Lodge des toten Vaters. Zuvor machen sie allerdings noch Halt am Wüstenzelt von Robins Ex-Freund. Der arbeitet dort als Elefantenforscher und, sie haben es wahrscheinlich schon erwartet, die alte Liebe flammt wieder auf. Als sie schließlich am väterlichen Haus ankommen stellt sich heraus, dass ihr Vater – passt ja zu Ostern – gar nicht tot ist. Er hat die beiden Geschwister nur nach Tansania gelockt, weil er sie noch einmal sehen wollte. Vor allem Robin ist darüber „not amused“ und verleiht dem mit starkem Pressen auf die Tränendrüse Ausdruck.

Bei Dick und Doof geht derweil alles schief, was schiefgehen kann. Beide Kameras werden zerstört und ihr Geländewagen bleibt in einem Krokodilfluss stecken, aus dem sie Schiffsarzt Sander retten muss. Der ist auf dem Weg, um Medikamente in ein Dorf zu bringen, in dem seltsamerweise alle Menschen traditionelle Stammeskleidung tragen.

Zum Schluss wippen alle im Takt

Zurück an Bord lösen sich alle Probleme in Wohlgefallen auf. Robin Schmelting trennt sich von ihrem Mann, ihr Vater kommt mit nach Deutschland, um dem Bruder mit der Wurstfabrik zu helfen und auch der geliebte Elefantenforscher kommt nochmal vorbei, um sich herzzerreißend zu verabschieden. Casablanca ist ein Dreck dagegen. Dick und Doof schaffen es, zwei Fotos zum Wettbewerb einzuschicken, verlieren aber gegen den Arzt, der sie beim Pinkeln vor einem Flusspferd fotografiert hat. Am Ende singt Matrose Silbereisen und alle wippen im Takt.

Warum sich diese Serie 35 Jahre halten konnte, ist und bleibt ein Rätsel. Das Drehbuch ist schlecht, die Probleme der Figuren sind nicht nachvollziehbar, keine der gespielten Emotionen ist auch nur annähernd überzeugend. Und trotzdem kommt so etwas zur Ostersonntags-Primetime im ZDF. Eigentlich bleibt nur zu hoffen, dass bald alle Touristenhäfen der bekannten Welt abgeklappert sind. Anders wird man das „Traumschiff“ wohl nicht loswerden.

Urteil: Bitte schnellstmöglich versenken. (jl)

Fotos: Screenshot/ZDF

Mit Yahoo Nutzung stimmen Sie zu, dass Yahoo und Partner Cookies für Personalisierungs- und andere Zwecke nutzen