„Tags des guten Lebens“-Initiator: „Köln muss sich vielen Herausforderungen stellen“

Davide Brocchi war Initiator des „Tag des guten Lebens“.

Vor vier Jahren initiierte der Sozialwissenschaftler Davide Brocchi zusammen mit vielen Mitstreitern den ersten „Tag des guten Lebens“ in Köln. Jetzt hat er ein Buch über das Projekt geschrieben, das für ihn mehr sein soll als ein autofreies Nachbarschaftsfest. Ihm geht es um nicht weniger als die Stadt der Zukunft.

Herr Brocchi, in Ihrem Buch nennen Sie den „Tag des guten Lebens“ ein „groß angelegtes Realexperiment“. Was soll durch das Experiment herausgefunden werden?

Es geht darum herauszufinden, wie eine Stadt widerstandfähig gegen die Krisen der Zeit wird: Klimawandel, Demokratieverdrossenheit, soziale Ungerechtigkeiten, die Zuwanderung von Flüchtlingen – es gibt viele Herausforderungen, denen sich eine Stadt wie Köln stellen muss. Es geht um eine Antwort auf die Frage, wie Städte trotz ihrer Finanznot beweglich bleiben. So ein Tag schafft Spiel- und Freiräume für Lernprozesse. Gleichzeitig kann er anknüpfen an das Bedürfnis vieler Menschen nach mehr Gemeinschaft und Entschleunigung.

Sie sagen, so ein Tag kann ein Beitrag zum Wandel der Stadt sein. Wie sieht die Stadt der Zukunft denn aus?

Mehr Gemeinwesen statt Privatwesen, mehr Teilen statt Besitzen. Zu diesem Wandel zwingen uns auch ein paar sogenannte Megatrends. Die Globalisierung hat zur Finanzkrise geführt und die Welt unsicherer gemacht, die regionale Selbstversorgung wird wichtiger. Weil die fossilen Rohstoffe zurückgehen, wird sich unsere Mobilität stark verändern, die heute noch fast komplett vom Öl abhängt.

Der Kölner Strom kommt zum großen Teil noch aus Kohlekraftwerken: Welchen Beitrag will diese Stadt zur Energiewende schaffen? Der „Tag des guten Lebens“ möchte Schritte zu einer klimafreundlichen Stadt fördern, die stärker zusammenhält.

Ist diese Idee von mehr Zusammenhalt und guter Nachbarschaft nicht nur eine schöne Illusion, die man einen Tag genießt, bevor man wieder auseinandergeht?

Nein. Der „Tag des guten Lebens“ hat bisher mehr bewirkt, als ich es erwartet habe. Dort, wo die Tage stattgefunden haben, gehen die Prozesse weiter, treffen sich noch heute Menschen, die sich vorher nicht kannten. Eine Frau hat mir gesagt: „Heute brauche ich eine Viertelstunde länger bis zum Bäcker, weil ich meine Nachbarn besser kenne, die mir unterwegs begegnen.“ Anstatt nebeneinander zu leben, wird eine Straße oder ein Viertel zu einem gemeinsamen Raum, den man miteinander lebenswerter gestalten kann.

Im hippen Ehrenfeld oder im urbanen Sülz haben die Menschen wahrscheinlich eine andere Vorstellung von gutem Leben als in anderen Stadtteile mit ganz anderen Sorgen.

Wir mussten in Ehrenfeld anfangen, weil die Politik und die Bevölkerung dort offener für die Idee waren. 2018 würde ich ihn gerne in Kalk oder Mülheim erleben. Das eigentliche Problem ist die soziale Entmischung, die in jedem Stadtteil voranschreitet. Auch in Köln leben Wohlhabende und sozial Benachteiligte immer mehr unter sich. Der Tag sollte dieser Entwicklung entgegenwirken.

Allerdings neigen Privilegierte auch schon mal dazu, andere zu bevormunden.

Auf jeden Fall gibt es kein „gutes Leben“ ohne mehr Selbstbestimmung. Die zentrale Frage ist, wie wir in einer Stadt, in einem Viertel oder einer Straße zusammenleben wollen, ohne dass die Privilegien der einen zu einer Benachteiligung der anderen führen. Der „Tag des guten Lebens“ dient auch als Labor für neue Formen der Demokratie. Auch die Privilegierten müssen dazulernen, damit die Stadt in eine gute Zukunft steuern kann.

Donnerstagabend: Buchvorstellung in Ehrenfeld

Davide Brocchi, Sozialwissenschaftler, Publizist, Lehrbeauftragter und Autor des Fachbuchs „Urbane Transformation zum guten Leben in der eigenen Stadt“. Es wird am Donnerstag, 4. Mai, um 19 Uhr in der ecosign/Akademie für Gestaltung, Vogelsanger Str. 250, vorgestellt.

Dort wurde 2012 das Bündnis Agora Köln gegründet, das den „Tag des guten Lebens“ veranstaltet. Der nächste findet am 18. Juni in Deutz statt....Lesen Sie den ganzen Artikel bei ksta

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