Der Anschlag von Hanau bei Lanz: Es ist zum Verzweifeln

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Viel Raum für Corona, wenig für Rassismus-Opfer: Sinnbild der Debatte in Deutschland (Bild: Screenshot/ZDF)
Viel Raum für Corona, wenig für Rassismus-Opfer: Sinnbild der Debatte in Deutschland (Bild: Screenshot/ZDF)

Zu den großen Ungerechtigkeiten nach dem rassistischen Terroranschlag von Hanau zählt der wenige Raum, der seitdem Gedenken und Aufarbeitung eingeräumt wird. War die Betroffenheit in Politik und Medien in den Tagen nach dem 19. Februar zunächst groß, kehrten viele Deutsche umgehend zum karnevalistischen Party-Alltag zurück. Wenig später wurde das Thema durch die Corona-Pandemie nahezu komplett verdrängt. Genau ein halbes Jahr später demonstrierte Markus Lanz am Donnerstag erneut den schändlichen Umgang mit einem der schlimmsten Anschläge der Nachkriegsgeschichte.

Schon die Besetzung ließ wenig Gutes ahnen: Warum mussten überhaupt der Anschlag und die Pandemie in einer Sendung abgehandelt werden, dazu mit einem prominenten Gast wie Gesundheitsminister Jens Spahn, der nahezu zwangsläufig im Mittelpunkt stehen würde? Markus Lanz übertraf dann jedoch die schlimmsten Erwartungen. Den größten Teil der Sendezeit schoss er sich komplett auf Spahn ein, löcherte ihn mit Fragen zu den Problemen bei der Maskenbeschaffung im Frühjahr - auch Virologe Hendrik Streeck wurde da zur Nebenfigur degradiert.

Gedenken in Hanau: Ruf nach Aufklärung und Schweigeminute

Zwei Angehörige von Opfern des Anschlags saßen unterdessen nach der Begrüßung eine Stunde lang zum Schweigen verdammt daneben: Ajla Kurtović, Schwester des ermordeten Hamza Kurtović, und Saida Hashemi, Schwester des ermordeten Said Nesar Hashemi und des schwer verletzten Said Idris Hashemi. Hinter ihnen der Monitor, auf dem etwa Infektionskurven und ein aus Mallorca hinzugeschalteter Arzt zu sehen waren, mit dem sich Lanz über ihre Köpfe hinweg unterhielt. Und auch Bilder aus dem letzten Karneval, dessen Absage nach dem Anschlag vergeblich gefordert wurde und die nun wegen der Pandemie im Raum steht.

Retraumatisierung für die Emotionen

Als das Thema Corona endlich durchdiskutiert war, versuchte der Moderator Spahn noch ein Statement zu dessen angeblichen Parteivorsitz-Ambitionen zu entlocken, was dieser natürlich souverän abblockte. Als Lanz sich in der regulär letzten Viertelstunde (ein paar Minuten wurden dann noch angehängt) endlich den beiden Angehörigen der Hanau-Opfer zuwandte, wünschte man sich schnell, er hätte sie auch den Rest der Sendung in Ruhe gelassen. Es wurde deutlich, dass der Talkmaster sich auch in der Vorbereitung auf Spahn konzentriert hatte.

Saida Hashemi und Ajla Kurtović wurden durch Lanz' Fragen sichtlich belastet (Bild: Screenshot/ZDF)
Saida Hashemi und Ajla Kurtović wurden durch Lanz' Fragen sichtlich belastet (Bild: Screenshot/ZDF)

Lanz wollte Ajla Kurtović und Saida Hashemi offenbar vor allem zu emotionalen Statements drängen, brachte sie mit potenziell retraumatisierenden Fragen zur Tatnacht und dem Leben danach sichtlich aus der Fassung und hakte etwa bei Hashemi im Detail zu den Verletzungen ihres überlebenden Bruders nach. Er ließ sich erneut erklären, warum der Begriff “fremdenfeindlich” für die Angehörigen so schmerzhaft ist, nur um diesen in der Folge selbst konsequent zu verwenden und schließlich sogar Hashemi entsprechend zu belehren.

Kommentar: Wir können nach Hanau nicht zur Normalität zurückkehren

Auf penetrante Weise forderte Lanz ausgerechnet von den beiden Trauernden die Antworten zum Tathergang und den Hintergründen ein, die ihnen die Gesellschaft noch schuldet, mit ihren eigenen Fragen und Anliegen wurden sie weitgehend alleingelassen. “Mein Gefühl, Stand heute, ist, dass wir noch viel aufzuarbeiten haben, weil ich bisher keine Konsequenzen gesehen habe nach diesem Anschlag”, sagte Kurtović zum Abschluss. “Wir werden uns irgendwann wieder über dieses Thema unterhalten, fürchte ich”, bestätigte Lanz sie auf die schlimmstmögliche Weise. Es ist wirklich zum Verzweifeln.

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