Der Chefsessel wird immer häufiger zum Schleudersitz

Düsseldorf (dapd). Die Topmanager der deutschen Konzerne werden zwar gut bezahlt, doch immer häufiger wird der Chefsessel zum Schleudersitz. Schmerzhaft erfahren mussten das in diesem Jahr nicht zuletzt der Opel-Chef Karl-Friedrich Stracke und der Hochtief-Chef Frank Stieler.

Stracke musste nach nur 15 Monate an der Spitze des Autoherstellers gehen, weil der amerikanische Eigentümer General Motors die Geduld mit der verlustreichen deutschen Tochter verlor. Hochtief-Chef Stieler stolperte wohl über die aus Sicht des spanischen Mehrheitsaktionärs ACS unbefriedigende Ergebnisentwicklung bei Deutschlands größtem Baukonzern. Nach nur eineinhalb Jahren im Chefsessel ersetzte ihn ACS-Chef Florentino Pérez durch seinen Vertrauten Marcelino Fernández.

Noch härter fiel kurz vor Weihnachten das Aufräumen bei dem durch Milliardenverluste sowie eine Serie von Kartell- und Korruptionsskandalen erschütterten Stahlkonzern ThyssenKrupp aus. Dort mussten gleich drei der sechs Vorstandsmitglieder - Olaf Berlien, Edwin Eichler und Jürgen Claassen - gehen. Der Konzern wolle damit ein deutliches Zeichen für einen Neuanfang setzen, sagte ThyssenKrupp-Chef Heinrich Hiesinger. In der alten Führungskultur seien Seilschaften und blinde Loyalität oft wichtiger gewesen als der unternehmerische Erfolg.

Jede sechste Spitzenposition neu besetzt

Dass dies nicht nur Einzelfälle sind, zeigt eine Studie der Unternehmensberatung Booz & Company. Danach liegt die Fluktuation in deutschsprachigen Vorstandsetagen über dem europäischen und globalen Durchschnitt. 2011 sei hier jede sechste Spitzenposition neu besetzt worden. In immerhin jedem achten Fall sei der Abschied vom Chefsessel unfreiwillig erfolgt. "Deutsche Chefetagen sind die Schleudersitze Europas", fasste Booz & Company die Erkenntnisse zusammen.

Manchmal spiegeln Chefwechsel bei Großkonzernen aber auch gesamtwirtschaftliche Entwicklungen. Das gilt etwa für den RWE-Vorstandsvorsitzenden Jürgen Großmann und EnBW-Chef Hans-Peter Villis. Als Atomkraft-Befürworter passten beide Manager nach der Energiewende nicht mehr wirklich in die energiepolitische Landschaft und drohten zur Belastung für ihre Unternehmen zu werden. Da passte es gut, dass ihre Verträge 2012 ausliefen, und sich für die Konzerne die Möglichkeit zu einem personellen Neuanfang bot.

Spektakulär war auch der Führungswechsel bei der Deutschen Bank, wo Josef Ackermann durch eine Doppelspitze mit dem Investmentbanker Anshu Jain und dem bisherigen Deutschland-Chef Jürgen Fitschen ersetzt wurde. Der feierlichen Verabschiedung Ackermanns auf der Hauptversammlung im Mai war ein heftiger bankinterner Machtkampf vorangegangen.

Dass ein Führungswechsel auch anders verlaufen kann, zeigte im Juli der weltgrößte Autozulieferer Bosch. Dort löste Volkmar Denner nach neun Jahren den bisherigen Konzernchef Franz Fehrenbach ab - nach Tradition des Hauses völlig geräuschlos. Fehrenbach übernahm dafür den Aufsichtsratsvorsitz.

dapd

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