Der Junge mit dem scheuen Lächeln: Mord-Urteil im Fall Etan Patz

Polizei-Handout zu Etan Patz (Bild: N.Y. Police Department/dpa)

Strohblonder Topfschnitt, große blaue Augen und ein scheues Lächeln im Gesicht – so brannte sich Etan Patz in das kollektive Gedächtnis der USA ein. Auf Plakaten und Milchkartons war das Foto des kleinen Jungen zu sehen, der 1979 auf dem Weg zur Schule in New York verschwunden war und dringend gesucht wurde. Das Bild ließ die USA nicht mehr los.

Dutzende Ermittler arbeiteten jahrzehntelang erfolglos an dem Fall, der zu den spektakulärsten der US-Kriminalgeschichte gehört. Eltern auf der ganzen Welt wurden ängstlicher und misstrauischer. Lange schien unklar, ob der Fall überhaupt je geklärt werden könnte, aber fast 40 Jahre nach dem Verschwinden des kleinen Jungen, dessen Leiche nie gefunden wurde, entschied eine Jury auf schuldig: Mord.

Erster Prozess war geplatzt

Auf der Anklagebank saß bereits zum zweiten Mal ein 56 Jahre alter Mann. Er gilt als psychisch krank und hatte 1979 in einem Laden in der Nähe von Patz‘ Wohnhaus im Stadtteil SoHo gearbeitet. Nach einem Tipp hatte ihn die Polizei 2012 festgenommen und er hatte überraschend gestanden, den kleinen Jungen mit dem Versprechen auf eine Limonade in den Laden gelockt und im Keller erwürgt zu haben.

Etan Patz’ Mörder Pedro Hernandez beim ersten Prozess 2012 (Bild: AP Photo/Louis Lanzano, Pool)

Danach habe er die Leiche des Jungen in einen Müllcontainer geworfen. Ein Motiv nannte er nicht – und zog das Geständnis auch kurz danach wieder zurück. Ein erster Prozess gegen ihn war 2015 geplatzt, weil sich die zwölfköpfige Jury auch nach 18 Beratungstagen nicht auf ein Urteil einigen konnte.

Tränen nach Urteilsverkündung

Beweise gab es auch im neu aufgerollten Prozess keine, doch diesmal ist die Jury sich sicher: Der 56-Jährige hat Patz 1979 entführt und ermordet. “Ich bin wirklich erleichtert und ich sage ihnen, das war überfällig”, sagte Patz‘ Vater Stanley unter Tränen nach dem Urteil am Dienstag (Ortszeit).

Die neuntägigen Beratungen seien “konstruktiv”, aber auch “herzzerreißend” gewesen, sagte Jury-Chef Thomas Hoscheid. Staatsanwalt Cyrus Vance bezeichnete den Fall als einen der “bedeutendsten und prägendsten in der Geschichte der Stadt”. Das letzte Wort könnte jedoch immer noch nicht gesprochen sein: Die Verteidigung kündigte an, in Revision gehen zu wollen.

Etans Vater Stan Patz (vorne rechts) mit Staatsanwältin Karen Agnifilo nach der Urteilsverkündung (Bild: AP Photo/Richard Drew)

Patz war an diesem verhängnisvollen 25. Mai 1979 zum ersten Mal alleine die zwei Straßenblocks zum Schulbus gegangen – auf dem Kopf eine Pilotenmütze und in der Tasche einen Dollar für eine Limonade. Er sollte nie wieder zurück nach Hause kommen.

Der “Tag des vermissten Kindes”

Seine Eltern gaben lange die Hoffnung nicht auf, zogen nie um und behielten die gleiche Telefonnummer, in der Hoffnung, dass ihr Sohn eines Tages doch noch zurückkehren würde. 2001 erklärte ihn ein New Yorker Richter für tot. Der Tag seines Verschwindens ist heute offizieller “Tag des vermissten Kindes”.

38 Jahre später, so sagte Vater Stanley Patz am Dienstag in dem Gericht in New York, habe seine Familie nun endlich “eine Form der Gerechtigkeit für unseren wunderbaren kleinen Jungen Etan bekommen”.

Gedenken an Etan Patz in Soho 2012 (Bild: AP Photo/Mark Lennihan)

Der Laden in der Prince Street im Stadtteil SoHo, in dessen Keller das Verbrechen passiert sein soll, steht heute leer. Nach dem Urteil legten Menschen dort Blumen nieder. “Es gibt Gerechtigkeit. Ruhe in Frieden, Etan”, stand auf einem letzten Gruß an den “Prinz der Prince Street”.

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