Der meint das doch nett!

Welche Lawine die Reporterin Laura Himmelreich mit ihrem Artikel lostreten würde, ahnte sie vermutlich selbst nicht: Die "Stern"-Journalistin warf Rainer Brüderle in ihrem Porträt vor, sich ihr gegenüber sexistisch verhalten zu haben. Während die einen unterstellen, dass die Anschuldigung dem FDP-Spitzenkandidaten gezielt schaden sollen, freuen sich die anderen, dass das Thema Sexismus endlich in der Öffentlichkeit angekommen ist - und kontrovers diskutiert wird, auch im Web. Spitzenreiter bei der digitalen Debatte ist Twitter.

Es fing alles damit an, dass sich Twitter-Nutzerin Nicole von Horst (twitter.com/vonhorst) ihre Sexismus-Erlebnisse von der Seele schrieb. "Der alte Mann, der mein Kinn zwischen Daumen und Zeigefinger nahm, während er mit mir sprach. #aufschrei" ist nur eine von vielen Episoden, die von Horst beschreibt. Und sie ist nicht die Einzige mit deratigen Erfahrungen, wie sich schnell zeigte.

Daher sorgte Netzaktivistin Anne Wizorek (twitter.com/marthadear) dafür, dass die Zwitschergemeinde ihren Ansichten gesammelt Luft machen kann. War ihr Hashtag #aufschrei ursprünglich dazu gedacht, Tweets von Betroffenen sexueller Belästigung zu sammeln, verwässert die Debatte zwischenzeitlich ein wenig: Neben zahlreichen Spam-Posts, die die Popularität des Schlagwortes nutzen, mischen sich zunehmend genervte Beiträge unter die Berichte von Opfern. Nutzer @route66seligman meint: "#aufschrei - jetzt reicht es. Geht wieder an Eure Arbeit und macht Euch Gedanken um die wirklichen Probleme auf dieser Welt." @ellzzett fragt: "#Aufschrei Was zur Hölle soll das? Da wird mal wieder die Mücke zum Elefanten gemacht."

Das Gute an öffentlichen Netzdebatten: Jeder kann sich beteiligen und seine Meinung äußern. Der Nachteil: Manchmal gelingt es Trollen, eine Diskussion derartig zu torpedieren, dass die ernsthaften Poster frustriert das Feld räumen. Im Falle von #aufschrei passierte das bislang nicht. Die Posts, die die Auseinandersetzung mal mehr, mal weniger charmant zu ihrem Kern zurücklenken wollen, dominieren das Feld nach wie vor - darunter @BlondJedi mit dem Tweet "Es geht bei #Aufschrei nicht um Komplimente die man nicht machen darf. Denkende Männer wissen das." oder @WestIce3 "#aufschrei ist ne gute Sache. Allerdings übertreiben es manche und verrennen sich in die 'alle sind entweder Opfer oder Täter'-Sache". Die Essenz der weitschweifigen Diskussion bringt User @konsensor treffend auf den Punkt: "Was gibt es da nicht zu verstehen?! Ein NEIN ist und bleibt ein NEIN. Egal ob Männlein oder Weiblein. #aufschrei."

Dass dieses "Nein" oft aus Scham nicht ausgesprochen oder von den Tätern einfach ignoriert wird, zeigen die Posts auf alltagssexismus.de. Die Website entstand als Ableger der Twitter-Aktion, da vielen Betroffenen 140 Zeichen nicht ausreichten, um ihre Erfahrungen zu teilen. Seit dem 27. Januar ist die Page online und enthält bereits seitenweise Schilderungen sexistischer Kommentare im Alltag. Die meisten Userinnen posten anonym, und nicht wenige Nachrichten sind schockierend - denn das Verhalten, dass die (in den meisten Posts männlichen) Täter an den Tag legen, ist an Dreistigkeit oft nicht zu übertreffen.

"Bei der Arbeit im Café, ein Tisch mit ca. 5 jungen Männern: 'Hallo, was möchtet ihr bestellen?' - 'Deinen Muschisaft.' Als wir sie rausschmissen wurden sie natürlich aggressiv!" schreibt eine Userin. Auch Berichte von Busen- und Schrittgrapschern in aller Öffentlichkeit sind häufig auf dem Portal zu lesen - ebenso wie sexuelle Übergriffe in der Schule: "Der Musiklehrer, in dessen Unterricht in der 6. Klasse sich keine traute, einen Rock anzuziehen, weil er gerne vor den Tischen 'seinen Schlüssel fallen ließ' und der beim Klavierspielen bevorzugt ein Mädchen auf dem Schoß sitzen hatte."

Für viele ist es das erste Mal, dass sie über ihre Erfahrungen berichten - wenn auch "nur" im geschützten Raum des Internets. Allein diese Tatsache zeigt, dass das Thema sexuelle Belästigung - ebenso wie sexueller Missbrauch - endlich ent-tabuisiert und ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gebracht werden muss. Zugegeben, der Grat zwischen Flirt und Belästigung ist häufig schmal und hängt auch vom persönlichen Empfinden der Betroffenen ab. Allerdings ist es nicht in Ordnung, wenn die Disco-Bekanntschaft plötzlich ungewollt zudringlich wird. Ebensowenig ist es in Ordnung, wenn ein Wildfremder einer Frau aus heiterem Himmel Geld für Sex anbietet. Und es ist nicht in Ordnung, wenn der Vorgesetzte gegenüber seiner Angestellten anzüglich wird - genausowenig, wie es sich für Rainer Brüderle ziemt, eine Journalistin während eines beruflichen Treffens anzumachen.

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