Der neoliberale Schönling - oder auch: Inhaltslos schick

Yasmine M'Barek
Freie Autorin

Optik, insbesondere normdefinierte, ist gesellschaftlich gesehen noch lange kein überwundenes Thema. So auch auf politischer Ebene. Gerade der mittelalte weiße Mann setzt hier mehr auf Aussehen als auf Inhalt. Man sagte schon Schröder nach, er sei vor allem wegen seines Aussehens gewählt worden. Das sagt viel über die Wähler und den Gewählten aus.

Aktuell gibt es in der deutschen Politik jedoch wenige, aber es gibt sie: Der rundum neoliberale Schönling, der stets auf Hermès-Gürtel und Ego anstatt auf Leistung und Substanz setzt. Es ist die zufällige Ausgeburt des Kapitalismus und seiner neoliberalen Attitüde, wenn Politiker es schaffen, Wähler anzuziehen, indem sie sich anziehen. Es wäre doch eigentlich viel ratsamer, wenn die gerade nicht neoliberalen Vertreter den Lookism für sich entdecken würden, um dem normkapitalistischen Strom das zu geben, was er möchte. Aber derzeit schaffen das andere. Eine zutiefst satirische Analyse:

Andreas Scheuer

Vom Weingarten-Katalog in die Politik: Andreas Scheuer (Bild: Reuters/Hannibal Hanschke)

Der CSU-Verkehrsminister Andreas Scheuer gleicht stets den Models aus einem Weingarten-Katalog. Voralpine Eleganz aus Niederbayern in der GroKo, stets mit großem Hermès-H am Gürtel versehen, um die Diäten eines Bundestagsabgeordneten zu untermauern. Aber Andreas Scheuer lässt sich nicht als schnöselig labeln. So erzählt er in einem Interview mit “Orange by Handelsblatt”, auf die Frage hin, wie wichtig ihm Äußeres sei und ob er den eine*n Stylist*in habe: Nein, er sei sich einfach modisch bewusst und stelle das gern zur Schau. Bescheiden in der Unbescheidenheit, darauf stehen Wähler rechts der SPD. Bayern als Personenexport, Münchner Schick.

Aber Scheuer geht es nicht nur um den Look, er hat auch bayrisches Familienherz. Es begleitet ihn stets ein Armband, mit blauen Perlen besetzt, das doch in das anscheinend existierende Herz des Mannes schauen lässt, der seinen Wählern verspricht, dass es unter der CSU keine “Islamisierung” geben wird. Es ist von seiner kleinen Tochter, die Scheuer besonders gerne im Kontext der Verkehrspolitik erwähnt, um zu erwärmen. Da geht dem Familienmenschen trotz Geflüchtetenhetze doch das Herz auf. Und für den Kumpelfaktor trotz umgelegten Schal und camelfarbenem Mantel darf man Andi auch ruhig Andi nennen. Sogar sein offizieller Twitter-Account heißt so. Mit dieser Strategie lässt sich Scheuer das Landimage nachsagen und kann gleichzeitig ein hipper Stadtboy sein. Im Interview offenbart er auch, dass er durchaus gerne in Berlin ist und Passau auch mal ein paar Wochen Passau sein lässt, schließlich erinnert sein Stil genug an die Heimat.

Scheuer auf unbeliebten E-Rollern wirkt manchmal unseriös, er wird jedoch durch die Hornbrille vom Jungen zum Herrn gemacht. Auch in zahlreichen Wertungen und seinem Ranking als bestangezogener Politiker 2018 verstärkt sich die These, dass Scheuer mit Outfits mehr Erfolg, hat als mit dem Einrichten von Verkehrsrevolutionen.

Heiko Maas

Heiko Maas steht sinnbildlich für das, was die SPD ist. Eine Partei, die nicht ernstgenommen wird, aber zeigen möchte, wie gut sie den Spagat zwischen renommiert, seriös und hip hinbekommt - eben garnicht. Nach öffentlicher Scheidung und öffentlichem Turteln mit Schauspielerin Natalia Wörner entdeckte Maas den Jungspund in sich. Es gibt niemanden, der die legendären Lederjackenbilder nicht kennt.

Zuvor war er bereits als bestangezogener Politiker ausgezeichnet worden, nicht nur weil er seine Nerdbrille gegen ein intellektuelleres Zu-Guttenberg-Modell tauschte, nein, auch weil seine Anzüge stets nach Maas geschneidert sind und eine Bühne für unlustige Witze darstellen. Fragt man innerhalb sozialdemokratischer Reihen in antifeministischer Art nach dem männlichem Parteicrush, fällt nur der Name Maas. Sein Stil hat innerparteilich große Wirkung: Im Gesamtpaket sieht man nur ihn als realistischen Kanzlerkandidaten. Ist Lauterbachs Style vielen doch wichtiger als seine Inhalte, findet Maas das genaue Mittelmaas.

Dabei überzeugen auch die sonnigen Bilder aus Lateinamerika, auf welchen der Außenminister verjüngt mit schwarzer Sonnenbrille und den Händen lässig auf den Hüften abgelichtet ist. Der Macron-Faktor ist da. Das zeigen auch seine Umfragewerte, ist er doch nach der Kanzlerin der beliebteste Bundespolitiker. Ob man daraus Zusammenhänge schließen kann?

Christian Lindner

Müsste man eine Umfrage in der Bevölkerung starten, womit man Christian Lindner assoziiert, wäre es neben “nieder mit dem Habeck” definitiv “schwarz-weiß”, oder “Pseudo-Model”. Der ganz von sich selbst überzeugte Wermelskirchener bringt in den Bundestag einen noch nie zuvor gesehenen NRW-Unternehmerchic. Und das war’s dann auch. Seine Wahlwerbung bestand fast einzig aus ihm selbst, posiert in overworkstresssyndromartigen Schwarzweißbildern am Smartphone. So ist er, der neoliberale urbane Startupunternehmer mit selbsterkaufter Porschesammlung. Was danach kommen soll, haben sich viele gefragt, und das fragen sich wohl bei den sinkenden Umfragewerten immer noch einige.

Wir warten immer noch - aber auf was eigentlich? (Bild: Reuters/Fabrizio Bensch

Lindners übergroßes Faible für Style statt Inhalt beschreibt selbst seine damalige Noch-Ehefrau Dagmar Rosenfeld, die 2017 in einem bissigen Kommentar in der “Welt” Styling-Tipps gab und offenbarte, dass Lindner sich des neoliberalen Chics wegen seine Haare transplantieren ließ und der Neoliberale aus dem Prenzlauerberg am authentischsten mit Boss-Unterhemd auf Wahlplakaten ankommt. “Bei der Wahl der Oberbekleidung für Werbespots künftig vorher die Ehefrau fragen”, empfahl sie.

Well. So langsam, muss man leider sagen, flüchtet sich Lindner wegen der Inhaltslosigkeit, die ihm selbst Parteigenosse Kubicki zuspricht, in populistische Floskeln. Style allein macht eben keine Politik. Aber ein gutes Instagram-Profil mit vielen Followern. Wegen seiner Ästhetik kann Lindner sich nach der Bundeskanzlerin mit über 135.000 Followern zu den am meisten gefolgten Politikern zählen. Mal schauen, ob diese ihn nächstes Mal wegen Duckface und Macbook auf Wahlplakaten neben den Schnellstraßen auch wählen werden.

Robert Habeck

Der angebliche Crush aller Grün-Linken: Robert Habeck (Bild: Inga Kjer/Photothek via Getty Images)

Bei Robert Habeck denkt man zunächst an pazifistische Gründenker, doch er ist die neuartige Fusion des Neoliberalismus mit dem Dauerbrennerthema Klima. Leinenhemd, Fresh-out-of-Bed-Styling und lässige Hände in der Hosentasche. Man sagt jeder Person, die sich als links oder grün oder beides bezeichnet, nach, einen Crush auf den Klimamessias zu haben.

Robert Habeck erscheint für mich optisch mehr grün-rot, wobei er doch innerlich schwarz-grün ist. Aber das wirkt. Habeck setzt auf seine ruhige Wirkung, eigenen Gang und veganen Look. Das funktioniert. Optisch ist er der überzeugende Verbotsrhetoriker. Es gibt Kritiker, die ihm zu wenig Anzug anlasten und ihm die neoliberale Seriosität absprechen, aber Habeck findet doch den perfekten Meltingpot zwischen offenerem Charme und neuem Klimaneoliberalismus.

Habeck selbst inszeniert sich auch gerne neben Gleisen der DB sitzend mit natürlich nicht von Apple gebautem Laptop und Wanderlook, der ganz nahbare Nachhaltige. Auch Habeck befindet sich im Ranking der Beliebtheit weiter oben. Authentisch neoliberal, davon sollte Lindner sich mal was abschauen.

Markus Söder

Volksnah und völkisch: Markus Söder (Bild: Reuters/Michael Dalder)

Die bayrische Version von Justin Trudeau. Sympathisch in Jeans, völkisch in Hemd und Trachtenjacke. Söder möchte stets für seinen Freistaat stehen, und für die Grenze zwischen Heimat und Weltenbummler. Sein Style offenbart auch Pläne. Kanzlerpläne. Doch geht er nicht einen aalglatten Haarweg wie Scheuer ihn geht, allzu rausgeputzt ist das Aushängeschild Bayerns nicht. Söder setzt haartechnisch eher auf traditionelles Runterhängenlassen im Seehofer-Style. Wen interessieren auch schon Haare, wenn das offene Hemd lässig zur blau verwaschenen Jeans sitzt.

Markus Söder mit Ehefrau Karin in Bayreuth (Bild: Reuters/Andreas Gebert)

Zu Abendveranstaltungen sieht man den wahrscheinlich nächsten Kanzlerkandidaten stets mit Fliege, was bei ihm mehr Wirkung erzielt als bei Karl Lauterbach. Sehr beliebt machte sich der heutige König von Bayern früher auch mit seinen ausgefallenen Karnevalskostümen, die auch mal Blackfacing beinhalteten - der Witz steht über dem Menschen und dem Wähler.

Der damalige Finanzminister Markus Söder zum Fasching 2015 im Brownface als Gandhi (Bild: Thomas Lohnes/Getty Images)

Die neoliberalen Styletakes dieser Politiker offenbaren neben Lookism auch: Wir sind selber schuld. Ist dieser Lookism doch tief verankert, und bleibt ein Habeck doch mit Leinenhemd oder ein Scheuer im Schal mehr in Erinnerung als würden sie diese nicht tragen. Auch die nicht ansatzweise entkolonialisierten Schönheitsideale sind ein wichtiger Punkt dabei. Dieser Text beweist die Gewichtung dessen, auch wenn ich mich schäme, zu dieser beizutragen.

Und es lässt die Frage aufkommen: Wo verstecken sich Politiker*innen die inhaltlich etwas zu bieten haben und als Gadget Stilbewusstsein mitliefern? Muss es doch geben oder? Ich hoffe doch. Ich möchte nicht weiterhin mein Geld verdienen, indem ich inhaltslose Politiker als schön beschreibe.