Der Putschversuch in der Türkei interessierte uns nicht wirklich

Jan Rübel
Reporter bei Zeitenspiegel Reportagen
Teilnehmer der Gedenkveranstaltung in Ankara zeigen Fotos von Opfern des Putschversuchs am 15. Juli 2016 (Bild: AP Photos/Ali Unal)

Vor einem Jahr wollten Soldaten in Ankara die Macht übernehmen. Ihr Scheitern löste eine Drosselung der Demokratie aus. Warum aber regen wir uns nur in eine Richtung auf?

Ein Kommentar von Jan Rübel

Vielleicht ist die Demokratie in der Türkei auch schon erdrosselt, sie sah sicherlich schon bessere Zeiten. Das sieht man allein daran, dass ein Journalist wie Deniz Yücel immer noch seit Monaten im Gefängnis schmort, weil er seinen Job tat – und wir uns daran gewöhnt haben; aber wenn es um die Türkei geht, sind wir eh recht selektiv darin, worüber wir uns aufregen.

Galerie: Die Bilder zum Jahrestag des Putschversuchs in der Türkei

Beim deutschen Bürger Yücel fragt man sich schon, ob die hinter den Kulissen sicherlich hektisch stille Diplomatie ausreicht, um ihn endlich frei zu kriegen. Autokorsos sind auch weniger geworden. Die Politik muss nun laut werden. Die Inhaftierung Yücels markiert eine rote Linie, nach deren Passieren durch die türkische Staatsanwaltschaft eigentlich nur öffentlicher Rabatz aus Deutschland als Antwort naheliegt. Aber wir sind ruhig. Viel lieber regen wir uns über Recep Tayyip Erdogan auf, am besten gratis. Den türkischen Präsidenten habe ich an dieser Stelle oft einen Sultan genannt, und ich werde damit nun aufhören. Zwar beschreibt dieser Titel seinen Regierungsstil akkurat, aber mir scheint, dass damit eine Verniedlichung einhergeht: Unser Erdogan, was hat er nun wieder angestellt? Sich abermals über ein Gedicht aufgeregt? Seine Bürger mit einer SMS genervt? Einen Vortrag darüber gehalten, was ihn alles nicht schert? Wieder hunderte Wissenschaftler aus den Unis entlassen, Journalisten ins Gefängnis gesteckt, Leid und Angst über zahllose Familien gebracht?

Wir lieben Erdogan, weil wir uns supergut über ihn empören können. Gäbe es noch das MAD-Magazin, er wäre der neue Coverboy.

Nur hilft dieses Doppelköpfige keinem. Yücel bleibt in Haft. Und die Demokratie in der Türkei wird weiterhin geschliffen – auch weil wir uns mehr für unser Wehklagen denn für echtes Gespräch interessieren.

Lasst den Zeigefinger doch mal stecken

Natürlich hat Erdogan den Putschversuch zum Anlass für diesen Staatsumbau genommen. Womöglich hat er von den Umsturzplänen gewusst, ihn kontrolliert angehen lassen, um dann mit dem Gegenschlag zum Setback der Republik ausholen zu können. Aber mich erschüttert, wie wenig in Deutschland vom Jahrestag des Putschversuchs Notiz genommen wird.

Vor einem Jahr stellten sich Menschen, die gerade noch beim Abendbrot gesessen hatten, Panzern entgegen. Sie hielten die Macht des militärischen Metalls mit ihren Körpern auf, viele starben. Es scherte sie in dieser Nacht nicht, wer von ihnen Erdogan mag oder hasst – sie wollten einen Putsch verhindern, denn dieser wäre für das Land noch schlimmer gewesen. Ob 1960, 1971 oder 1980 – Machtübernahmen durch das Militär gab es in der Türkei oft, und wenig interessierte uns das. Speziell die letzten beiden verschlimmerten das Leben in der Türkei, denn die Generäle waren nicht nur keine Demokraten, sie waren verdammte Faschisten. Menschenfeinde. Lieber einen so genannten „Sultan“ als solche politischen Zombies.

In der Putschnacht stellten sich Demonstranten den Panzern entgegen (Bild: AP Photo)

Doch distanziert abwartend verhielt sich vor einem Jahr die deutsche Öffentlichkeit, wie sie auch nun beim Jahrestag sich dabei aufhält zu diskutieren, was alles schief läuft in der Türkei. Solidarität unter Menschen aber, gerade zwischen jenen, die politisch nicht komplett auf einer Wellenlänge senden, sieht anders aus.

Galerie: Politikerstimmen zum Putsch-Jahrestag und der Situation in der Türkei

Erdogan gehört kritisiert. Der Kreidekreis unserer wohlfeilen Empörung aber gehört überschritten. Und dies gelingt nicht, wenn zum Beispiel die „Süddeutsche Zeitung“ gescholten wird, weil sie eine Werbungsseite mit türkischer Regierungspropaganda abdruckte. So what? Ankara wird dafür bezahlt haben, wollen wir denen etwas über Demokratie erzählen, wenn wir nach Gutdünken entscheiden, wer in einer freien Zeitung Anzeigen schalten darf und wer nicht?

Wir stellen die falschen Fragen. Echte Kritik geht anders. Und wo gibt es endlich den nächsten Autokorso für Yücel?

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