Der Riese geht - So war das letzte Nowitzki-Jahr

Moritz Piehler
Freier Autor

2019 war auch das Jahr, in dem die lange Karriere von Dirk Nowitzki zu Ende ging. Und erst im Abschied des NBA-Stars wurde vielen hierzulande klar, was für eine Bedeutung er eigentlich hatte. Ein Rückblick auf die letzten NBA-Monate von Dirk Nowitzki und den Neuanfang danach.

Dirk Nowitzki beendete 2019 seine aktive Karriere. (Bild: Getty Images)

Selbst der Zweimeterdreizehn-Mann muss sich ganz schön strecken, um das Tuch von dem Schild herunterzuziehen. Erst hakt es noch ein wenig, dann fällt es und gibt den Blick frei auf den neuen Straßennamen: „Nowitzki“ prangt da in weißen Lettern auf grünem Untergrund. Wie immer sind dies inszenierten Medienauftritte nicht sehr geschmeidig, auch wenn Dirk Nowitzki sich eine Routine antrainiert hat über die Jahren. Aber darum geht es ja auch nicht. Es ist nur ein weitere Beweis, wie sehr die Stadt Dallas ihren Dirk verehrt, auch nachdem er im Frühling endgültig sein Trikot an den Nagel gehängt hat, von wo es ganz sicher an die Hallendecke wandern wird und eine Statue vor der Halle zieren, lieb gewonnene Traditionen für US-amerikanische Sporthelden. Den Schlüssel zur Stadt hat er sowieso schon seit Februar.

Was waren das für Szenen in Dallas, am 10. April in der American Airlines Center Arena, als Nowitzki das letzte Mal in dem Trikot auf das Spielfeld trat, auf dem er 21 NBA-Jahre alles gegeben hatte. Er hatte noch einmal 30 Punkte gemacht, wie in alten Tagen. Barkley war da, Scottie Pippen, Detlef Schrempf. Seine Jugend-Idole waren gekommen, um ihm Tribut zu zollen. Und mitten drin der „Junge aus Würzburg“ nach einem Karriereritt, der schöner in keinem Drehbuch hätte stehen können. Selbst beim wirklich allerletzten NBA-Spiel seiner Laufbahn, beim Erzrivalen San Antonio, wurde dem „Dirkules“ nichts als Respekt entgegen gebracht. Das letzte Highlight-Video wurde abgespielt, die letzten Standing-Ovations und verdruckste Tränen bei Dirk sowie auf den Rängen. Dann ging das Licht aus und die Ära Nowitzki war vorbei. Seitdem ist es ruhig geworden um ihn, der zweite Abschnitt seines Lebens hat begonnen.

Von “No-Winski” zur Legende

Der Start in den Alltag nach dem Profidasein ist oft kein einfacher. Plötzlich ist es vorbei mit dem strukturierten Lebensplan, der Aufmerksamkeit, dem Jubel, dem Mannschaftsgefüge. Aber auch mit dem Druck, der ständigen Kontrolle, der körperlichen Überbelastung, der ewig gleichen Routine. Viele Ex-Profis tun sich schwer damit. Bei Dirk Nowitzki hatte man immer das Gefühl, er würde geschmeidig in ein Leben jenseits des Rampenlichts zurück gleiten können. Schließlich wirkte es nie so, als wäre ihm das Leben im Mittelpunkt und vor den Kameras der liebste Teil an seinem Beruf. Das Wort „bodenständig“ ist das vermutlich meist verwendete in der Charakterisierung des Würzburgers. Aber Nowitzki war eben nicht nur ein einfacher Basketballspieler, er war und ist eine Ikone. In den USA vielleicht noch mehr, als in seiner deutschen Heimat und nirgendwo mehr, als in seiner Wahlheimat seit 21 Jahren, in Dallas.

Der lange Blonde hatte diese Anerkennung keineswegs immer sicher. Sein schlaksiger Spielstil, die fehlende Athletik und Härte wurden ihm in den ersten Karrierejahren immer wieder vorgeworfen. Und dann das Stigma der Titellosigkeit, dass manchen NBA-Star ohne Meisterring noch lange nach der Karriere verfolgt. „No-Win-ski“ nannten ihn die Medien nach den verlorenen Finalspielen 2006. Doch Nowitzki gewann ihn dann eben doch, diesen einen Titel 2011, der erste seiner Mavericks überhaupt. Und spätestens da wandelte sich der Umgang mit der Nummer 41. Die NBA ist heute eine andere Liga als bei Nowitzkis Einstieg, das liegt nicht zuletzt auch an ihm.

Da ist das Ding. Dirk in seinem größten sportlichen Moment, 2011 mit der Trophäe des NBA-Meisters in den Händen. Zum besten Spieler wurde er natürlich auch gewählt. (Bild: Mark Ralston/AFP via Getty Images)

In den letzten Saisons aber konnte man es sehen, das bevorstehende Ende. Weil er ein intelligenter Spieler war, passte er seinen Stil dem Alter an, doch immer wieder plagten ihn Verletzungen, verpasste er Spiele, quälte sich durch die Reha. Nicht, dass Nowitzki nicht mehr mithalten konnte. Die Statistiken waren immer noch beachtlich. Bis auf das letzte Jahr punktete er zweistellig, holte um die sechs Rebounds im Schnitt und das bei deutlich reduzierter Spielzeit. Und immer wieder gab es auch diese Nowitzki-Retro Momente, den „Fade-Away“, seinen Wurf im Fallen, der sein Markenzeichen war. Spiele, in denen ihm alles gelang und er die wichtigen Punkte erzielte. Vor allem aber war er Mentor und Leader für die nächste Generation Mavericks, denen er einmal sein Team überlassen würde.

Sportlich waren es magere Jahre, auch in seiner letzte Saison waren die Mavs weit davon entfernt, ein Playoff-Team zu sein. Persönlich hakte Nowitzki einen Meilenstein nach dem anderen ab, wichtig vor allem für die zahlenverliebten Sportstatistiker in den USA. Die Zahl die wirklich bleibt, sind aber die 21 Jahre beim gleichen Team in der gleichen Stadt – und diese eine Meisterschaft. Was das wert ist in diesem oft harten und kühl kalkulierten Geschäft zeigte sich auf seiner Abschiedstournee durch fremde Hallen, die er sich so nie gewünscht hätte. Allerorts wurde der einstige Gegner mit Standing Ovations bedacht. Am Ende sagte Nowitzki in seiner emotionalen Abschiedsrede im April, habe er alles auf dem Platz gelassen, was er hatte. Und es gibt niemanden, der das anzweifelt.

Bauchlandung im neuen Leben. Nowitzki hatte im Sommer Eins nach dem Karriereende sichtlich Spaß bei seinem Benefiz-Kick, "Champions for Charity", in der BayArena in Leverkusen. (Bild: Marius Becker/picture alliance via Getty Images)

Das Leben nach dem Superstar

Es gab nicht besonders viel zu sehen vom Post-NBA Nowitzki nachdem der Interview- und Artikelhype nach dem verkündeten Karriereende abgeklungen war. Als Botschafter reiste er zur Basketball-WM nach China und sah der “goldenen Generation” um Dennis Schröder beim Scheitern zu. Seine traditionellen Charity Events veranstaltete er auch wie gehabt und engagiert sich für seine eigene und diverse weitere Wohltätigkeits-Organisationen. Im Oktober stellte er dann auf der Frankfurter Buchmesse die Biografie „The Great Nowitzki“ vor, für das ihn Autor Thomas Pletzinger sieben Jahre lang begleitet hatte, um ein akribisches Porträt des Menschen hinter dem Superstar zu zeichnen.

Doch mit eben diesem Alltag als Basketballstar ist es jetzt vorbei und „the German Wunderkind“ wirkt nicht unglücklich darüber. Der Deutschen Welle sagte er in einem Interview im Sommer: „Der Druck ist weg.“ Er sei froh, jetzt Dinge tun zu können, die er vorher nicht machen konnte. Dazu gehört auch, ein wenig Abstand zu seinem Superstar-Ich zu bekommen, Zeit mit seiner Frau und den drei Kindern zu verbringen und zu reisen. Im Juli postete er auf seinem Twitter-Account, er habe zum ersten Mal den Bauch bei einem Familienfoto einziehen müssen.Weihnachten plant er, bei seinen Eltern in Würzburg zu verbringen, auch das erlaubte der enge Spielplan zuvor nicht. Vielleicht wird er sogar mal Skifahren oder Snowboarden in diesem ersten spielfreien Winter, das ist aktiven NBA-Profis nämlich vertraglich untersagt. Und am 4. Dezember wurde ihm das Bundesverdienstkreuz in Berlin verliehen, Nowitzki sah aus, als würde er sich wohl in seinem Anzug fühlen, verglichen mit dem ungelenken 19-jährigen, der einst im schlecht sitzenden Jacket bei den Mavericks als großer Hoffnungsträger vorgestellt wurde.

Wachwechsel bei den Mavs. Nach dem Spiel gegen die Los Angeles Lakers scherzt Nowitzki mit seinem Nachfolger als europäisches Wunderkind, Luka Doncic. (Gary A. Vasquez-USA TODAY Sports/Getty)

Bei einem Heimspiel saß er mittlerweile wieder in den Rängen seiner Arena und sah zu, wie das slowenische Wunderkind Luca Doncic ein weiteres Highlight seiner noch jungen Mavs-Laufbahn ablieferte und der lange Lette Kristaps Porzingis die Gegner mit Würfen aus der Dirk-Trickkiste bezwang. Ab und zu postet Nowitzki mal etwas auf Twitter zu seinen Nachfolgern, Anerkennung und kleine Frotzeleien unter Teamkollegen.

Und die zahlen es mit dem gebührenden Respekt zurück. Meistens zumindest. Als Doncic gefragt wurde, warum das Team so verbessert auftritt, scherzte er: „Weil wir Dirk nicht mehr in der Verteidigung mitziehen müssen.“ Ein Witz, natürlich, doch es gehört auch zur Wahrheit: Die Dallas Mavericks spielen den erfolgreichsten und besten Basketball seit sechs, sieben Jahren. Das liegt natürlich nicht nur am Abschied von „the big Mummy“, der großen Mumie, wie der am Ende etwas hüftsteife Nowitzki liebevoll von seinen Teamkameraden getauft wurde. Aber die jungen Mavs ohne die Legende spielen befreit auf und lassen Ball und Gegner laufen.

Dirk war immer ein Teamplayer, doch solange auf dem Platz stand, wandten sich die Mitspieler in kritischen Situationen an ihn. Diese Last liegt jetzt auf den Schultern von Doncic und Porzingis und die haben, anders als Dirk, sich und der Welt noch etwas zu beweisen. Sogar die übermächtigen Los Angeles Lakers mit Megastar Lebron James bezwangen sie auswärts. Nowitzki saß bei dem Sieg in der Arena der Lakers, ließ sich kurz beklatschen und sah sich dann das Spiel an, fast wie ein normaler Zuschauer. Man hatte nicht das Gefühl, dass er sich gerne eingewechselt hätte. Und so kann man sich Nowitzki gut vorstellen, wie er in diesem Winter nach seinem Karriereende auf seinem Sofa in seinem Haus in Dallas sitzt, die müden Knochen weich gepolstert und den jungen Mavericks zuguckt mit einem Lächeln auf den Lippen.