Der Sommer, in dem Frauke Liebs verschwand

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An den Sommer 2006 denken viele Deutsche gerne zurück. Doch in dieser Zeit des "Sommermärchens" geschah in Paderborn der bis heute unaufgeklärte Mord an Frauke Liebs.

Der Sommer 2006 war geprägt von der Heim-WM: Überall in Deutschland versammelten sich Menschen zum Public Viewing. (Bild: Lutz Bongarts/Getty Images)
Der Sommer 2006 war geprägt von der Heim-WM: Überall in Deutschland versammelten sich Menschen zum Public Viewing. (Bild: Lutz Bongarts/Getty Images)

Aus den Radios tönen überall in Deutschland die Top-Hits des Sommers. Shakira und Wyclef Jean bestimmen mit dem Megahit "Hips Don't Lie" die Charts. Doch auch die Heim-Weltmeisterschaft bringt ihre eigenen Hits hervor. Die Sportfreunde Stiller mit "'54, '74,'90, 2006" sollen am Ende mit ihrer Titelaufzählung fast recht behalten. Herbert Grönemeyer steuert mit "Zeit, dass sich was dreht" einen eigenen WM-Song bei und sogar Oliver Pochers "Schwarz und Weiß" läuft im Radio auf und ab. Im Mai haben gerade die finnischen Hard-Rocker Lordi den ESC gewonnen und schwimmen mit ihrem "Hardrock Hallelujah" noch auf der Erfolgswelle. In den Kinos, die wegen des guten Wetters aber höchstens dritte Wahl sind, laufen der Verschwörungs-Thriller "Da Vinci Code" mit Tom Hanks und der Animationshit "Ice Age 2".

Merkels Anfänge und das "Sommermärchen"

In den Medien macht hingegen Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber Schlagzeilen, weil er anachronistisch härtere Strafen für Gotteslästerung fordert und in Berlin regiert erst seit knapp einem halben Jahr die 51-jährige Angela Merkel, die erste deutsche Bundeskanzlerin. Auch in Paderborn mit seinen 150.000 Einwohner*innen sitzt mit Heinz Paus ein CDU-Politiker im Rathaus und wird dort ebenfalls 15 Jahre lang regieren. Ein Jahr zuvor hat er den Bau des neuen Fußballstadions des Zweitligisten SC Paderborn eingeleitet, nicht ahnend, welche Fußball-Euphorie zwölf Monate später im Land herrschen wird.

Denn dieser Sommer vor fünfzehn Jahren ist vielen Menschen genau deshalb in Erinnerung geblieben. Wegen des WM-"Sommermärchens", aber auch, weil es ein besonders leichter, warmer Sommer zu sein schien. Auch in Westfalen genießen die Menschen diese besondere Stimmung. Zur Abkühlung locken die Freibäder Waldbad Schloß, das Rolandsbad oder die Sälzer Lagune. Sommer ist hier die Zeit der Schützenfeste, in fast jedem Dorf laufen die Vorbereitungen. Beim Bürgerschützenverein zu Paderborn feiert man 2006 sogar das 175-jährige Jubiläum. Ende Juni ist fast schon Ferienzeit, am 26. Juni dürfen die Schüler*innen aus Nordrhein-Westfalen als erste in Deutschland in die Sommerferien starten.

David Odonkor und Lukas Podolski feiern das Sommermärchen auf dem Fan Fest in Berlin.
David Odonkor und Lukas Podolski feiern das Sommermärchen auf dem Fan Fest in Berlin. (Bild: MARCUS BRANDT/AFP via Getty Images)

Frauke Liebs verschwindet nach WM-Spiel

Auch der Dienstag, der 20. Juni 2006, an dem Frauke Liebs verschwindet, ist ein warmer Sommertag, von denen es in diesem Jahr so viele gibt. Selbst abends sind es noch laue 20 Grad. Das passt zur Stimmung, denn nach und nach entfacht sich eine wahre WM-Euphorie in Deutschland. Überall gibt es Public-Viewing auf riesigen Leinwänden. Kaum eine Bar, die nicht Fernseher aufstellt, um etwas von dem Hype mitzunehmen. Und die DFB-Mannschaft von Jürgen Klinsmann spielt groß auf. In der Gruppe A hat sie zunächst Costa Rica besiegt, dann knapp gegen Polen gewonnen und auch am 20. Juni geht sie nach einem 3:0 gegen Ecuador als Sieger vom Platz. Im Berliner Olympiastadion haben Lukas Podolski und Miroslav Klose (sogar doppelt) getroffen und den Gruppensieg gesichert. Spätestens jetzt begeistern sich auch Menschen für die WM, die sonst nicht viel mit Fußball zu tun haben. Später werden viele Besucher*innen aus der ganzen Welt von einem feiernden, weltoffenen Deutschland sprechen, das so noch nie zu sehen war. Am Ende steht ein dritter WM-Platz, der vielleicht mehr gefeiert wurde, als ein Titelgewinn.

Die letzten Zeugen: Public Viewing im Pub "Auld Triangle"

In Paderborn ist wie im ganzen Land ebenfalls das WM-Fieber ausgebrochen. Auf dem Franz-Stock-Platz mitten im Herzen der Stadt gibt es das neuentdeckte Public Viewing, wie seitdem bei jedem großen Turnier. Ganz in der Nähe zeigt aber auch das "Auld Triangle" die WM-Spiele. Dort trifft sich Frauke Liebs mit einer Freundin, dort wird sie zuletzt gesehen. In dem Irish Pub in der Libori-Galerie versammeln sich auch gerne die Angehörigen der britischen Streitkräfte. Damals sind rund um Paderborn zahlreiche Soldat*innen aus Großbritannien stationiert, 2006 waren es in Deutschland insgesamt 23.000, erst 2019 wurde ein Großteil der Truppen abgezogen.

Das "Auld Triangle" zeigt nicht nur das Deutschland-Spiel am Nachmittag, sondern ab 21:00 auch die Partie der Gruppe B zwischen Schweden und England. Das Spiel endet mit 2:2 Unentschieden. Durch beide Ergebnisse vermeidet die deutsche Mannschaft ein Aufeinandertreffen mit den "Three Lions". Es ist eigentlich nur ein Nebengeräusch dieses Sommertages, das aber im Mordfall Frauke Liebs eine Rolle spielen wird. Denn direkt nach dem Spiel verschwindet Frauke Liebs auf dem Nachhauseweg. Erst vier Monate später wird ihr Leichnam in einem Waldstück entdeckt. Bis heute, 16 Jahre nach diesem Sommer, ist der Mord an Frauke Liebs noch immer nicht aufgeklärt. Und noch immer hoffen Polizei und Familie auf entscheidende Hinweise von Zeugen, die sich an diese Juni-Nacht im Sommer 2006 erinnern.

Sachdienliche Hinweise an das Polizeipräsidium Bielefeld: 0521/545-0 e-mail: Poststelle.Bielefeld@polizei.nrw.de oder an Fraukes Mutter Ingrid Liebs: www.frauke-liebs.de.

Für Hinweise, die zur Ergreifung und zur rechtskräftigen Verurteilung des Täters führen, ist eine Belohnung von insgesamt 30.000€ ausgesetzt. Sämtliche Hinweise können auf Wunsch vertraulich angenommen werden, Sie können anonym bleiben. Jede Beobachtung kann wichtig sein.

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