Deutsche Bahn: Chaos mit Ansage

Mit dem 9-Euro-Ticket ist das Bahnchaos perfekt. Nun erkennen Konzernchef und Verkehrsminister, dass die Zustände unhaltbar sind. Sie hätten früher handeln müssen.

Passagiere am 1. Juni am Kölner Hauptbahnhof: Mit dem 9-Euro-Ticket ist das Bahnchaos perfekt. © Thilo Schmuelgen/​Reuters
Passagiere am 1. Juni am Kölner Hauptbahnhof: Mit dem 9-Euro-Ticket ist das Bahnchaos perfekt. © Thilo Schmuelgen/​Reuters

Die Deutsche Bahn vergibt in diesem Sommer eine einzigartige Chance. Nach zwei Jahren Pandemie wollen die Menschen wieder reisen, die Züge sind sogar voller als vor Corona. Doch viele, die jetzt Bahn fahren, machen Erfahrungen, nach denen sie sich gut überlegen werden, ob sie nächstes Mal nicht doch lieber wieder das Auto oder das Flugzeug nehmen.

Verbindungen werden gestrichen, Bahnhöfe nicht angefahren, Waggons fehlen, die Klimaanlage streikt. Das kennt man alles von der Bahn, aber nicht in dem Ausmaß wie in diesem Sommer. Mehr als jeder dritte Zug kommt mehr als fünf Minuten zu spät. Reisende verpassen somit regelmäßig Anschlüsse, die nächste Verbindung ist oft überfüllt, man hat keine Sitzplatzreservierung mehr, sitzt stundenlang auf dem Boden, manchmal sogar neben dem Klo. In den sozialen Medien lästern unzählige Reisende über die Zustände.

Es geht um mehr als ein paar unerfreuliche Urlaubsfahrten. Güterzüge sind teilweise sogar um mehrere Tage verspätet. Die DB Cargo lehnt bereits Aufträge ab, weil die nicht mehr zu schaffen seien. Notfalls müssten Güter wieder von der Schiene auf die Straße verlagert werden, sagt Bahnchef Richard Lutz. Welches Unternehmen hat da noch Lust, seine Waren der Bahn anzuvertrauen? Dabei ist es dringender denn je, dass der Verkehr klimafreundlicher wird.

Das Schlimme ist: Das Chaos war absehbar. Das Schienennetz ist völlig veraltet und beliebte Strecken sind nicht für steigende Belastung ausgelegt – das ist seit vielen Jahren bekannt. Ausbau und Modernisierung bedeuten zunächst einmal mehr Sperrungen und Verspätungen – auch das war klar. Und dass mit dem Ende der meisten Corona-Maßnahmen die Reiselust zurückkehrt, dürfte auch niemanden überraschen. Dazu kommt der Andrang im Regionalverkehr durchs 9-Euro-Ticket. Wie absurd, dass die Bahn derzeit sogar in einer Plakatkampagne für Urlaubsfahrten mit dem Zug wirbt und dann überfordert ist, wenn die Menschen wirklich ein Ticket kaufen.

Warum erst jetzt?

Die Zustände sind unhaltbar, daran ließen auch Bundesverkehrsminister Volker Wissing und Bahnchef Lutz keinen Zweifel, als sie am Mittwochmorgen Besserung versprachen. Wissing will die Bahn jetzt zur "Chefsache" machen, setzt auf eine "Steuerungsgruppe" und eine "Beschleunigungskommission". Lutz verspricht, Baustellen so zu organisieren, dass der Verkehr möglichst wenig beeinträchtigt wird. Außerdem will er sich besonders den Strecken widmen, die stark überlastet seien.

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