Deutsche Bahn feiert neue Pünktlichkeit, dahinter steckt aber ein Trick

Sandra Alter
·Freiberufliche Journalistin
·Lesedauer: 4 Min.

Die Deutsche Bahn meldet einen neuen Rekordwert in Sachen Pünktlichkeit: Die Fernverkehrszüge fahren so planmäßig wie seit 15 Jahren nicht mehr. Als Gründe dafür nennt das Unternehmen die Pandemie, verbesserte Prozesse und höhere Zugverfügbarkeit. Doch dahinter steckt mehr. Und das ist kein Grund zum Jubeln.

The logo of German nationwide railway operator Deutsche Bahn (DB) is seen on a clock at a station in downtown Berlin on November 5, 2014 on the start of German train drivers' longest strike in 20 years. The GDL train drivers' union called the strike -- the sixth walkout since September -- starting with freight services on November 5, 2014 afternoon and spreading to passenger services on November 6. The stoppage is scheduled to last until early Monday next week, meaning it will hit the weekend celebrations of the 25th anniversary of the fall of the Berlin Wall, where as many as two million visitors were expected to travel to the German capital.   AFP PHOTO / JOHN MACDOUGALL        (Photo credit should read JOHN MACDOUGALL/AFP via Getty Images)
(Bild: Getty Images)

Die Bahn kommt – nur wann? Unpünktliche Zugverbindungen sind für Bahnreisende ein großes Ärgernis. Doch nun gibt es diesbezüglich positive Nachrichten von der Deutschen Bahn (DB). Demnach fuhren die Fernverkehrszüge im vergangenen Jahr so pünktlich wie seit 15 Jahren nicht mehr.

“Im Jahr 2020 waren 81,8 Prozent aller ICE- und IC/EC-Züge pünktlich unterwegs. Das ist eine Steigerung von 5,9 Prozentpunkten gegenüber dem Vorjahr (2019: 75,9 Prozent). Der deutliche Aufwärtstrend, der sich bereits Ende 2019 abzeichnete, hat sich im Laufe des Jahres 2020 verstetigt”, vermeldete das Staatsunternehmen stolz Mitte Januar.

Corona und Programm “Starke Schiene”

Die Pünktlichkeitszuwächse seien etwa zur Hälfte auf Corona zurückzuführen. Durch weniger Fahrgäste seien die Haltezeiten an den Bahnhöfen verringert worden. Zeitweise seien auch weniger Züge im Einsatz gewesen, was zu einer Entlastung des Streckennetzes und insbesondere auch der Bahnknoten geführt habe.

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Zum anderen habe man aber mit dem Strategieprogramm Starke Schiene schon seit 2019 intensiv an der Verbesserung der Pünktlichkeit gearbeitet. Durch bessere Bauplanung sei etwa die Anzahl baustellenbedingter Verspätungen um fünf Prozent gesunken. Und auch das Vegetationsmanagement sei intensiviert worden, wodurch witterungsbedingte Beschädigungen weiter rückläufig seien.

Was nicht in die Pünktlichkeitsstatistik einfließt

Liegt die neue Pünktlichkeit tatsächlich an der Pandemie und an verbesserten Prozessen? Der FDP-Bundestagsabgeordnete Torsten Herbst hat einen ganz anderen Verdacht, wie die Zeitung Die Welt berichtet. Denn gestrichene Zugverbindungen und Stopps fließen nicht in die Pünktlichkeitsstatistik ein.

Deshalb fragte Herbst bei Enak Ferlemann, dem Beauftragten der Bundesregierung für den Schienenverkehr und Staatssekretär im Verkehrsministerium, nach, wie viele Züge und wie viele Halte ersatzlos gestrichen wurden. Die Antworten liegen Welt exklusiv vor.

Fahrplanreduktionen durch Covid-19

Demnach wurden im Jahr 2020 im Bahn-Fernverkehr 4.230 Fernzüge ersatzlos gestrichen. Im Vorjahr waren es nur 3.699 Fahrten. Zudem sind genau 99.652 Fernverkehrshalte ersatzlos ausgefallen. Das sind 12 ausgefallene Fernzüge und 274 ausgefallene Halte am Tag.

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Nicht so schlimm sei das, habe Ferlemann gegenüber dem FDP-Politiker betont: Die Bahn habe “im Jahr 2020 planmäßig fast 300.000 Zugfahrten und mehr als 3,6 Millionen Zughalte disponiert”. Die Halt- und Zugausfälle seien durch die “kurzfristig erforderlichen Fahrplanreduktionen im Rahmen der Einschränkungen durch die Covid-19-Pandemie” entstanden.

Corona-Begründung macht keinen Sinn

Doch die detaillierten Zahlen sagen etwas anderes, wie die Zeitung berichtet. Denn demnach erreichte die DB bereits im Februar mit einer Ausfallquote von 6,2 Prozent und 19.306 ersatzlos gestrichenen Haltestellen den Rekordwert des Jahres – lange bevor Deutschland in den Lockdown ging. Ebenso sah es bei den Zugausfällen ohne vollständigen Ersatz aus: Mit bis zu 1239 Ausfällen erreichten sie ihre Höchstwerte im Februar und März.

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Mit Blick auf den Februar macht die Corona-Begründung also wenig Sinn. “Wenn Fernzüge und -halte in dieser Größenordnung ersatzlos ausfallen, ist das eine Zumutung für alle Bahnreisenden und ein Armutszeugnis für das Management. Sowohl massiv gesunkene Fahrgastzahlen als auch tausende gestrichene Verbindungen haben ihr Übriges getan, die tatsächliche Zuverlässigkeit der Bahn zu verschleiern”, kritisiert FDP-Mann Torsten Herbst. Die Zahlen aus dem Februar zeigten eben doch, dass die DB ihren Pünktlichkeitsrekord nur wegen der Pandemie erreichen konnte. Der Konzern müsse jetzt eine echte Qualitätsoffensive starten und zudem transparent informieren, ob Reisende ihr Ziel pünktlich erreichen.

DB investiert 8,5 Milliarden Euro

Schaffen will das die DB nach eigenen Angaben neben dem Strategieprogramm Starke Schiene mit einer zunehmend höheren Zugverfügbarkeit. Bis zum Jahr 2026 will die Bahn rund 8,5 Milliarden Euro allein in die Modernisierung der Verkehrsflotte investieren. “Alle drei Wochen erhält die DB einen neuen ICE 4. Über 50 ICE 4 sind bereits im Einsatz. Zusätzlich hatte DB Fernverkehr im vergangenen Jahr neun neue Doppelstock-IC-Züge von Stadler in Betrieb genommen. Parallel baut die DB ihre Fernverkehrswerke weiter aus. Anlagen werden modernisiert, Fehlerdiagnose- und Reinigungsprozesse digitalisiert und Personal aufgestockt. Im Regionalverkehr wirken sich zusätzlich mobile Instandhaltungsteams und verbesserte Prozesse bei der Zugbereitstellung positiv auf die Pünktlichkeit aus”, teilte der Konzern mit.

Bahnreisende dürfen also weiterhin hoffen – auf weniger Zugausfälle und mehr Pünktlichkeit.

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