Deutsche in Frankreich: Angst vor einem „Horrorszenario“ bei den Wahlen

Am 23. April die Franzosen ihren neuen Präsidenten. (Bild: Reuters)

Viele Deutsche in Paris beobachten die bevorstehende Präsidentschaftswahl in Frankreich mit Sorge. Würden sie das neue Staatsoberhaupt bestimmen, gäbe es einen ganz klaren Favoriten.

Von Lisa Louis, Paris

Auf der Speisekarte stehen Weizenbier, Brezeln und Spätzle. In einer Ecke des Raums kann man Tisch-Fußball spielen. Und die Holzverkleidung hinter der Theke erinnert eher an eine urige bayerische Kneipe als ein französisches Bistro. Dennoch befindet sich der „Kiez“ nicht etwa in Deutschland, sondern im Norden von Paris. Vor drei Jahren hat Niklas Riehm den „Biergarten von Paris“ mit seinem Geschäftspartner Maxime Hugonnet eröffnet – um den Franzosen deutsche Lebensart etwas näher zu bringen. Doch ob Frankreich mit seinem neuen Staatsoberhaupt, das die Franzosen in weniger als einer Woche wählen, Europa und der Welt immer noch so weltoffen gegenüberstehen wird, ist nicht sicher. Der 30-jährige Wirt hofft nur, wie viele Deutsche in Paris, dass die Franzosen das „Horrorszenario eines Sieges von Marine Le Pen“ abwenden werden. Er hat einen ganz klaren Favoriten – und ist damit nicht alleine unter den Deutschen in der französischen Hauptstadt.

Bisher ist Le Pen, die Chefin des rechtsextremen Front National (FN), eine der beiden Spitzenreiter des ersten Wahlgangs am 23. April. Sie wirbt mit wirtschaftlichem Protektionismus, einem Referendum zum Austritt aus der EU, dem Ausstieg aus dem Militärbündnis Nato und härteren Strafen für ausländische Straftäter.

Der überraschendste Wahlkampf der französischen Geschichte

Gemeinsam mit dem ehemaligen Wirtschaftsminister Emmanuel Macron soll Le Pen laut Umfragen in den entscheidenden zweiten Wahlgang zwei Wochen später kommen. Den soll sie zwar laut Prognosen verlieren – egal, welchem Kandidaten sie gegenübersteht. Doch um die 40 Prozent der Franzosen haben noch nicht entschieden, wen sie wählen werden. Und nach dem wohl überraschendsten Wahlkampf der französischen Geschichte scheint auch sein Ergebnis kaum vorhersehbar.

Niklas Riehm, Mitinhaber des „Biergarten von Paris“. (Bild: Yahoo/Lisa Louis)

Wenn es nach Riehm ginge, würde der 39-jährige Macron den Wahlkampf gewinnen. Der setzt sich offen für Europa ein, hat eine eher liberale Wirtschaftspolitik und gilt mit seiner neuen Bewegung „En Marche!“ (Auf geht’s!) als Außenseiter neben den etablierten Parteien. Aber der gebürtige Hamburger fürchtet, dass Macron dennoch für viele keine Alternative ist. „Hier an der Bar erzählen mir die Leute, dass sie die Nase voll haben von den Politikern und dem etablierten System“, sagt er. „Doch anstatt für Macron zu stimmen, werden viele gar nicht wählen gehen. Es gibt sogar schon eine extra Webseite für diese Leute: ‘Je Vote Pas’ (Ich wähle nicht).“

Dass viele Franzosen von der Politik enttäuscht sind, kann Hans Herth, Soziologe und ehemaliger Präsident der Vereinigung deutsch-französischer Gesellschaften, in gewisser Weise verstehen. Der gebürtige Baden-Württemberger wohnt schon seit über 60 Jahren in Frankreich. „Es gibt hier seit langem eine schleichende Wirtschaftskrise – in vielen Orten auf dem Land haben immer mehr Geschäfte, die Post oder auch Arztpraxen etc. zugemacht,“ sagt der 74-Jährige. „Die Leuten fühlen sich verraten von den Mainstream-Politikern!“ Dieses Gefühl hätten der ehemalige Präsident Nicolas Sarkozy von den Republikanern und Frankreichs aktueller Chef, der Sozialist François Hollande, nur verstärkt. Schließlich hätten auch sie – entgegen ihrer Versprechen – es nicht geschafft, die Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen. Die Arbeitslosigkeit liegt seit Jahren bei zehn Prozent, bei unter 25-Jährigen sogar bei einem Viertel. Das Wachstum dümpelte zuletzt 2016 mit 1,1 Prozent vor sich hin.

‘Franzosen wünschen sich einen König’

Dabei liege es sozusagen in den französischen Genen, von einem König regiert und an die Hand genommen werden zu wollen. „Frankreich ist eine höchst autoritäre Gesellschaft – schon von Kindesbeinen an werden die Franzosen auf Gehorsam gedrillt“, meint Herth. „Aber sie wollen eben, dass ihr Oberhaupt ihre Situation auch verbessert.“ Weil die zwei traditionellen großen Parteien das nicht geschafft hätten, würden sich viele heute radikalen Lösungen zuwenden. Auch Herth bedauert, dass sich nicht mehr Leute anstatt dessen Macron zuwenden.

Seit über 60 Jahren lebt Hans Herth, Ex-Präsident der Vereinigung deutsch-französischer Gesellschaften, in Frankreich. (Bild: Yahoo/Lisa Louis)

Zu den radikalen Lösungen gehört auch der linksextreme Jean-Luc Mélenchon, der in den vergangenen Wochen einen Sprint in den Umfragen hingelegt hat. Er liegt jetzt bei 20 Prozent, nur zwei Prozent hinter Macron und Le Pen. Republikaner François Fillon folgt auf Platz vier. Dabei galt der lange Zeit schon als der nächste Präsident, bis ihn Skandale zurückwarfen. Er soll unter anderem seiner Frau und seinen Kindern rund eine Millionen Euro an Staatsgeldern gezahlt haben, ohne dass sie dafür gearbeitet haben.

Mélenchon will alle europäischen Verträge neu verhandeln und, wenn das nicht funktioniert, aus der EU austreten. Er will ebenfalls die Nato, den internationalen Währungsfonds und die Weltbank verlassen. Der Kandidat der Partei „France Insoumise“ (das widerspenstige Frankreich) hat außerdem vor, 200 Milliarden Euro in Nachfragepolitik à la Keynes zu investieren, unter anderem durch ein großes öffentliches Investitionsprogramm. Finanzieren will er dies durch Steuererhöhungen und Bekämpfung der Steuerhinterziehung. So will er die Arbeitslosigkeit auf sechs Prozent senken und das Wachstum ruck zuck auf zwei Prozent ziehen.

Das unverantwortliche Wirtschaftsprogramm der Radikalen

Solche Versprechen machen Romy Krüger wütend. Die 35-jährige Aktienanalysten ist seit zehn Jahren in Paris und wohnt mit ihrem französischen Freund Olivier Therme im Süden von Paris. „Sowohl Le Pen und Mélenchon haben von Wirtschaft doch keine Ahnung“, sagt sie, während sie ihre 14-monatige Tochter mit Gemüse füttert. Das zweite Kind wächst bereits im Bauch heran. „Die wollen einfach das Land abschirmen und dann soll irgendwie wie durch ein Wunder alles wieder gut sein – so funktioniert das doch nicht!“

Die Kandidaten der französischen Präsidentschaftswahl (von links): Francois Fillon, Emmanuel Macron, Jean-Luc Melenchon, Marine Le Pen und Benoit Hamon. (Bild: AP)

Ihr Freund Therme, der Portfoliomanager ist, fügt hinzu: „Ich mache mir wirklich Sorgen, sollten die beiden in die Stichwahl kommen – dann hätten wir die Wahl zwischen Pest und Cholera. Unmöglich ist das nicht – schließlich liegen die vier ersten Kandidaten in den Umfragen ja sehr nah beieinander.“

Therme denkt dabei nicht nur an sich selbst – sondern auch an seine Kinder. „Mélenchons Ausgabenprogramm würde unsere Staatsverschuldung stark erhöhen – schon jetzt ist sie ja fast so hoch wie unser Bruttoinlandsprodukt,“ meint er. „Und wenn wir aus der EU austreten, bekommen wir bestimmt keine so niedrigen Zinsen für die Refinanzierung mehr – denn die garantiert uns ja bisher die Europäische Zentralbank. All das müssten wir und dann später unsere Kinder zurückzahlen.“

„Aber das ist doch alles die Schuld der aktuellen Politiker“, wirft die Freundin ein. „Schließlich haben die nie auch nur ernsthaft versucht, die Schulden zu senken.“ Außerdem würden sie auf das normale Volk herabblicken, anstatt es ernst zu nehmen, und wirklich über die Probleme zum Beispiel der EU zu diskutieren, meint sie. Französische Politiker seien eben viel elitärer als ein deutscher Kanzler Schröder oder Angela Merkel, die als „Mutti“ der Nation auf das Land aufpasse.

„Kein Wunder, dass die Leute da frustriert sind und Le Pen wählen“, sagt sie. So habe sich der FN über Jahrzehnte hin in Frankreich etablieren können. Das sei übrigens ein grundlegender Unterschied zur deutschen AfD, die ja aus Widerstand gegen die EU-Hilfen für Griechenland und die Flüchtlingspolitik über einen relativ kurzen Zeitraum entstanden sei.

Sowohl Krüger als auch Therme schwanken zwischen Fillon und Macron, den einzigen Kandidaten mit halbwegs durchdachtem Sparkurs, sagen sie.

Der deutsche Wahlkampf wirkt dagegen bieder

Diese Wahl besteht spätestens seit Fillons Skandalen für Friedemann Lotz nicht mehr. Er berät internationale und französische Start-Ups in der Hauptstadt bei der Agentur Paris&Co im nördlichen Paris. „Macron ist ganz klar der wirtschaftsfreundlichste Kandidat und der Favorit unter Jungunternehmern – schließlich will er den Status der Selbstständigen aufwerten und interessiert sich auch sehr für das Thema Digitalisierung“, sagt der gebürtige Wiesbadener. „Und ein Sieg Le Pens oder Mélenchons wäre so ziemlich das schlechteste Signal, das man ausländischen Investoren senden kann.“

Für ihn ist der französische Wahlkampf fast schon Folklore. Es gibt elf Kandidaten inklusive drei Trotzkisten, die noch immer in Kategorien des Klassenkampfes denken – dazu gehören neben Mélenchon der Antikapitalist Philippe Poutou und Nathalie Arthaud von der Arbeiterpartei Lutte Ouvrière. Mindestens drei Kandidaten wollen klar den Frexit, den Austritt Frankreichs aus der EU. Einer ist ein ehemaliger Schafhirte, ein anderer setzt sich für die Besiedlung des Planeten Mars ein.

„Dagegen wirkt der deutsche Wahlkampf schon fast bieder“, meint Lotz amüsiert. Weniger lustig fände er es allerdings, wenn die rechtsextreme Le Pen gewänne. „Das wäre für mich Anlass, woanders als in Frankreich neue Herausforderungen zu suchen“, sagt er und fügt hinzu, dass das ideologische Gerüst dann einfach nicht mehr stimmen würde.

Genauso sieht das Iris Mönch-Hahn, Besitzerin der einzigen deutschen Buchhandlung in Paris. Sie verkauft deutsche Bücher zum gleichen Preis wie in Deutschland – und spart dabei Lieferkosten, indem sie gebündelt bestellt. Träte Frankreich aus dem Euro aus, wie unter anderem Le Pen beabsichtigt, wäre das wirtschaftliche Konzept ihres Ladens hinfällig. „Dann würden ja Wechselkurs- und wahrscheinlich auch höhere Lieferkosten anfallen – es würde sich einfach nicht mehr lohnen für mich!“ erklärt sie. Auch sie drückt inbrünstig Macron die Daumen – „dem einzigen wählbaren Kandidaten im Feld“.

Bei einem Sieg Le Pens würde nicht nur sie das Land verlassen – „schließlich hätte es dann auch keinen Sinn mehr, Franzosen die deutsche Kultur nahebringen zu wollen.“ Für Mönch-Hahn wäre ein solches Wahlergebnis auch ganz klar das Ende der deutsch-französischen Freundschaft.

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