Deutsche Industrie fordert Schadensbegrenzung bei Brexit

DIW-Konjunkturexperte Ferdinand Fichtner weist auf den ungewissen Ausgang der anstehenden Austrittsverhandlungen hin. Foto: Lino Mirgeler

Hässliche Kratzer für die britische Konjunktur, aber auch schmerzhafte Folgen für die aktuell auf Hochtouren laufende deutsche Wirtschaft.

Unter Wirtschaftsverbänden und Ökonomen wächst die Sorge vor den Konsequenzen des britischen EU-Austritts. Eine Auswahl von Stimmen zum Austrittsantrag der Briten am Mittwoch:

DIW-KONJUNKTUREXPERTE FERDINAND FICHTNER weist auf den ungewissen Ausgang der anstehenden Austrittsverhandlungen hin: «In einem so unsicheren Umfeld werden es sich die Unternehmen in Großbritannien, aber auch im übrigen Europa, sehr genau überlegen, ob sie Geld für teure Maschinen ausgeben. Für die deutsche Wirtschaft, deren Exporte zur Hälfte aus Investitionsgütern bestehen, kann das richtig schmerzhaft werden. Wir sollten uns von den bisher recht geringen Auswirkungen der Brexit-Entscheidung nicht einlullen lassen.»

Die DEUTSCHE INDUSTRIE verlangt deswegen eine «maximale Schadensbegrenzung». Die EU und London sollten rasch klären, wie sie die wirtschaftlichen Beziehungen langfristig wieder auf eine stabile Grundlage stellen wollten, sagte der Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), Dieter Kempf. «Die Gefahr einer langanhaltenden Zerrüttung von Vertrauen durch kontroverse Verhandlungen liegt auf der Hand.»

Der EUROPÄISCHE UNTERNEHMERVERBAND BUSINESS EUROPE will trotz Brexits enge Wirtschaftsbeziehungen zwischen Großbritannien und den 27 verbleibenden EU-Staaten erhalten. «Die Schaffung unnötiger Hindernisse für Handel und Investitionen sowie unfaire Wettbewerbsbedingungen sollten vermieden werden», forderte der Verband in Brüssel.

Die HIGHTECH-WIRTSCHAFT sieht bereits erste Auswirkungen: «Die Ausfuhr deutscher Güter aus den Bereichen Informations- und Kommunikationstechnik sowie Unterhaltungselektronik in das Vereinigte Königreich ist im Jahr 2016 um 8 Prozent auf 2,7 Milliarden Euro zurückgegangen»; berichtete der Branchenverband Bitkom mit Blick auf den Kursverlust des britischen Pfunds, der deutsche Produkte für Briten teurer macht.

Die AUSSENHÄNDLER sorgen sich um Zölle und andere Hürden, die nach dem EU-Austritt Ausfuhren gen Großbritannien erschweren könnten: «Auch im Zeitalter der Digitalisierung bleibt der Handel mit Gütern und Dienstleistungen von größter Bedeutung. Gerade hier wären Zölle und regulatorische Barrieren schlecht für beide Seiten. Insbesondere besteht die Gefahr der unterschiedlichen Entwicklung bei Standardisierungen für Produkte, die Großbritannien als Absatzmarkt unattraktiv machen und umgekehrt für die britischen Konsumenten weniger und teurere Produkte bedeuten», sagte der Präsident des Branchenverbandes BGA, Anton Börner.

Der Chefvolkswirt der STAATLICHEN FÖRDERBANK KfW, Jörg Zeuner, weist auf die gegenseitige wirtschaftliche Abhängigkeit von Briten und den anderen Europäern hin: «Die Briten brauchen die EU, um drohende Wachstumsverluste abzuwenden. Gleichzeitig erbringt der hoch entwickelte Finanzplatz London wichtige Dienstleistungen für die Unternehmen der Union.»

Der weltgrößte RÜCKVERSICHERER MUNICH RE erwartet in den nächsten zwei Jahren einen deutlich spürbaren Brexit-Schaden für die britische Konjunktur. Das Wirtschaftswachstum dürfte sich 2017 auf 1,6 Prozent und 2018 auf 1,3 Prozent verlangsamen, sagte deren Chef-Volkswirt Michael Menhart. «Der Brexit wird die britische Wirtschaft langfristig belasten, und zwar stärker als die verbleibenden EU-Länder.» 2016 lag das Wirtschaftswachstum in Großbritannien noch bei 1,8 Prozent.

Aus Sicht der gewerkschaftsnahen HANS-BÖCKLER-STIFTUNG bedeutet der Brexit einen empfindlichen Dämpfer für die britische Wirtschaft: Das Böckler-Forschungsinstitut IMK prognostiziert für 2017 und 2018 im Vereinigten Königreich eine Zunahme des Bruttoinlandsprodukts von jeweils lediglich 1,3 Prozent. «In diesem und im kommenden Jahr werden die Briten erkennen müssen, dass der Brexit ihrer Wirtschaft schadet, und zwar über einen langen Zeitraum», sagte Europaexperte Andrew Watt.

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