Deutsche Weinblogger erobern die Meinungsführerschaft im Internet

Düsseldorf (dapd-rps). Angefangen habe alles mit einem Unfall, sagt Dirk Würtz: 2008 lag er nach einem Sturz mit dem Fahrrad im Bett und ihm war todlangweilig, wie er sagt. Also fing der Winzer an im Internet zu schreiben, über eine Reise nach Rumänien - auch Wein war dabei. Heute ist sein Blog www.wuertz-wein.de der wohl größte seiner Art in Deutschland. Würtz' Meinungskolumnen über Spätburgunder, Bioweine oder auch nervige Weinhändler lesen ein paar Tausend Internetnutzer am Tag.

Wein-Blogger sind ein vergleichsweise neues Phänomen. In Sachen Meinungsmache oder Informationsverbreitung über Weinthemen laufen sie den traditionellen Publikationen aber inzwischen den Rang ab.

Zwischen 50 und 80 Weinblogs gibt es Schätzungen zufolge derzeit in Deutschland. Die Autoren seien meist Journalisten oder Winzer. "Und es gibt solche, die das aus Spaß an der Freude machen", sagt Michael Pleitgen von der Weinakademie in Berlin. Auch er selbst hat jüngst einen Blog gestartet. "Ich finde dort meine Kunden, denn die verlangen heute, dass man ihnen schon mal zeigt, was man drauf hat", sagt Pleitgen. Ein Blog sei dafür eine gute Plattform.

Zwtl.: Blogs als Marketingsinstrument

Derzeit trifft sich die Blogger-Szene auf der Internationalen Weinmesse ProWein in Düsseldorf. Noch bis Dienstag präsentieren sich dort etwa 3.900 Aussteller aus 50 Ländern. Immer öfter findet man dabei Weinblogger, die als Experten Vorträge halten oder Verkostungen leiten. So hat der "Weinkaiser" Ralf Kaiser eine Blogger-Verkostung über Bioweine kurz vor der ProWein ins Leben gerufen - passend zum Schwerpunktthema der Messe. Kaiser organisierte gemeinsam mit dem Bioweinverband Ecovin Probierpakete, die jeder Blogger für sich verkostete und ganz nach Gusto beschrieb. Die Ergebnisse dieser "Schwarmintelligenz" stellt Kaiser am Montag auf der ProWein vor.

Kaiser ist wissenschaftlicher Mitarbeiter in einer Anwaltskanzlei, das Bloggen begann er neben dem Studium. Da habe er in einer Weinhandlung gearbeitet und Verkostungen von seltenen Weinen erlebt. "Ich wollte, dass andere Leute daran teilhaben können", sagt Kaiser. Heute lesen seine Beiträge mal 600, mal 6.000 User am Tag. Mit einer gemeinsamen Aktion unter Weinbloggern könne man "richtig was bewegen", sagt Würtz: "Wir können zusammen innerhalb von einer Stunde eine solche Welle losmachen, dass ein Thema in aller Munde ist." Die Halbwertzeit sei allerdings oft kurz. Meist sei schon nach einem Tag das nächste Thema wichtiger.

Wichtig sei, "dass man seine Zielgruppe zufriedenstellt", sagt Cordula Eich, die erst im Februar ihren Blog auf www.superschoppen.com startete. Eich bloggt mit Redaktionsplan und eigenen Rubriken. Sie will die Kunden ihres Supermarkt-Weinführers, des "Super Shoppen-Shoppers", enger an sich binden. Wolfgang Janß, Winzer aus dem rheinhessischen Guntersblum, der unter www.mysilvaner.net bloggt, findet hingegen, dass es wichtiger sei, dass man authentisch ist. "Nur sehr wenige Deutsche wissen eigentlich was über den Wein", beschreibt Janß seine Motivation zum Bloggen. Jetzt berichtet er über seine ganz alltägliche Arbeit im Weinberg und im Keller. "Die Verbraucher finden das gut", sagt er.

Das bestätigt auch Frank Schulz, Kommunikationsleiter beim Deutschen Weininstitut: Die Blogger hätten "eine zeitgemäßere Form der Kommunikation", die oft viel näher am Verbraucher dran sei. Bloggen sei deshalb längst eine wichtige Ergänzung der traditionellen Medien. Blogger hätten eine hohe Glaubwürdigkeit, ihnen nehme der Endverbraucher "oft viel mehr ab." Geballtes Wissen, 24-Stunden-Verfügbarkeit, Schulz glaubt, dass diese Form der Nachrichtenverbreitung in Zukunft eine große Rolle spielen wird: "Das sind keine spinnerten Nischennachrichten mehr", sagt er.

dapd

Quizaction