Deutschland scheitert bei der EM - Szenen aus dem Stadion: Um 20.27 Uhr wird aus Ekstase pure Verzweiflung

Nach Merinos Tor jubeln die Spanier in Stuttgart<span class="copyright">Imago</span>
Nach Merinos Tor jubeln die Spanier in StuttgartImago

Diese Minuten werden deutsche Fußballfans so schnell nicht vergessen. Der DFB-Elf gelingt in einem fesselnden K.o.-Spiel gegen Spanien erst der ganz späte Ausgleich, dann zerplatzt die Euphorie und Trauer macht sich breit.

Dieses Tor ist im Knochenmark zu spüren, Gänsepelle auf der Haut, Tinnitus im Ohr. Was für eine Wucht, eine gewaltige Explosion, Stimmungsekstase pur. 19.47 Uhr, die deutsche Nationalelf hat gerade das unendlich erlösende 1:1 gemacht gegen Spanien im EM-Viertelfinale von Stuttgart.

Rund eine halbe Stunde später wird dieser besondere Moment seine Magie verlieren, denn Deutschland scheidet nach einem dramatischen Kampf in der Verlängerung gegen Spanien aus dem Heimturnier aus. Und doch ist der Moment des Ausgleichs einer, der so viel aussagt über diese Mannschaft, die es in wenigen Wochen geschafft hat, ein Land neu hinter sich zu bringen.

Als Sané barfuß tanzt, ist die Welt auf einmal wieder in Ordnung

Als der Schuss von Florian Wirtz im Tornetz zappelt, lassen Fans und Spieler alles raus, irgendwo hin mit den Emotionen. Auf dem Rasen rennen sie in alle Richtungen.

Wirtz selbst wird von ein paar Spielern zur Gegentribüne verfolgt, dort rasten die Familien der Spieler vor Freude aus, alle liegen sich in den Armen. Die Bank stürmt aufs Feld, jeder nimmt jeden in den Arm. Sie lassen alles raus.

Auch einer, der vorher einen enttäuschenden Abend in Stuttgart hatte und schon nach 45 Minuten ausgewechselt wurde: Leroy Sané. Jetzt tanzt, springt und jubelt er vor der deutschen Fankurve, trägt seinen lila Team-Pulli, an den Füßen: völlig blank. Barfuß.

Dieses 1:1 fällt in Minute 89 und als es fällt, da fragt sich wohl jeder in der Arena: Jetzt können wir dieses Spiel doch nicht mehr verlieren, oder?

Doch.

Verlängerung, eine Minute vor Spielende, das Elfmeterschießen kommt immer näher. Beide Mannschaften wollen das vermeiden, greifen immer wieder mit letzten Kräften an. Zwei Schwergewichtsboxer in der letzten Runde, beide längst über dem Limit, beide schlagen nochmal, beide wanken.

Um 20:27 Uhr platzt der deutsche Traum

Dann La Furia Roja. Dieser fürchterliche Schmerz. Eine Flanke, Merino köpft, wieder zappelt das Netz. Diesmal die falsche Seite. Jetzt flippt die spanische Kurve aus, das restliche Stadion erstarrt.

Entgeisterte Blicke, Leere, pure Verzweiflung, es ist 20:27 Uhr. Diese Emotionen, wir waren doch gerade doch noch so glücklich.

Von den Glückshormonen ist nichts mehr zu spüren, kein Kribbeln im Knochenmark, vielmehr ein flaues Gefühl in der Magengrube.

Ein verzweifelter Blick auf die Uhr, ein letzter Blick in den Himmel, ist da jemand?

Zwei letzte Chancen für Deutschland, noch ein Kopfball von Füllkrug. Alle schreien, wollen den Ball ins Tor brüllen, mithelfen. Vergebens.

Der letzte Pfiff. Leere, alles aus. Als die Spieler ihren schweren Gang ums Stadioninnere machen, kommt der Stolz zurück. Und Dankbarkeit. Für diese Emotionen.