DFB-Team in der Einzelkritik - Das große EM-Zeugnis für Deutschland: Zwei Stars ragen heraus, vier enttäuschen

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Joshua Kimmich und Toni KroosGetty Images

Das große EM-Zeugnis für die deutsche Nationalmannschaft. Zwei DFB-Spieler konnten bei der Heim-EM vollends überzeugen, fünf weitere verdienen sich ebenfalls eine starke Note. Und wie hat sich Bundestrainer Julian Nagelsmann bei seinem ersten Turnier geschlagen? Die Einzelkritik.

Die deutsche Nationalmannschaft ist im Viertelfinale der EM ausgeschieden, überzeugt hat das DFB-Team von Bundestrainer Julian Nagelsmann dennoch über weite Strecken. In Deutschland löste das Team unter Fans große Anerkennung aus. Von vielen wird nun hoffnungsvoll in die Zukunft geschaut.

FOCUS online blickt ein letztes Mal zurück und gibt ein großes EM-Zeugnis für den 26-köpfigen Kader und den Bundestrainer ab: Zwei Profis verdienen sich die Note 1! Sechs Mann überzeugten und bekommen die Note 2. Keiner war ganz schwach - allerdings kriegen vier Spieler die Note 4, sie blieben damit unter ihren Möglichkeiten.

Info: Bewertet wird hauptsächlich die sportliche Leistung in den Spielen (Note ab 45 Minuten Einsatzzeit). Der Wert eines Einzelnen für die Teamchemie kann mitunter unermesslich sein.

Das EM-Zeugnis für das DFB-Team

Die Torhüter

Manuel Neuer (Einsatzminuten: 480) – Note 2: Ein Turnier für die Geschichtsbücher. Neuer ist nun mit 20 EM-Spielen alleiniger deutscher Rekordhalter und überholte auch Italien-Legende Gianluigi Buffon als Torhüter mit den meisten Auftritten bei Europameisterschaften. Sportlich war der 38-Jährige trotz großer Debatte im Vorfeld eine sichere Bank. Vor allem gegen Ungarn parierte er grandios. Bei allen vier Turnier-Gegentoren chancenlos. Die Spanien-Partie war wohl sein letzter DFB-Auftritt.

Marc-André ter Stegen (0) – ohne Note: Die ewige Nummer 2. Trotz seiner Weltklasse bleibt ter Stegen bei einem großen Turnier ohne Einsatz. Er nahm die Entscheidung von Nagelsmann professionell auf, ohne aber seinen persönlichen Schmerz zu verstecken. Seine Präsenz allein trieb Neuer zur Höchstleistung. Ihm gehört die unmittelbare Zukunft.

Oliver Baumann (0) – ohne Note: Für den Hoffenheimer war klar, dass es im Normalverlauf nicht zu einem Einsatz kommen wird. Die unscheinbare Rolle der Nummer 3 hat er aber angenommen – und trotzdem geglänzt! Als Anpeitscher und Stimmungsmacher an der Seitenlinie entfachte er immer wieder Emotionen auf den Rängen.

Drei Dreier für deutsches Abwehr-Trio

INNENVERTEIDIGUNG

Antonio Rüdiger (480) – Note 3: Bitteres (folgenloses) Eigentor gegen Schottland, solide gegen Ungarn, schwach gegen die Schweiz, dann ein grandioser Heldenauftritt gegen Dänemark. Gegen Spanien wird der deutsche Abwehrchef zum tragischen Helden, als er in letzter Sekunde Merino aus den Augen verlor.

Jonathan Tah (321) – Note 3: Eine sehr souveräne Gruppenphase gespielt, in der letzten Partie aber seine zweite Gelbe Karte abgeholt. Das Achtelfinale verpasst, gegen Spanien aber wieder zurück. Da strahlte er nicht immer die gewohnte Sicherheit aus.

Nico Schlotterbeck (119) – Note 3: Eigentlich die erste Alternative von der Bank. Gegen Spanien zog Nagelsmann in der Schlussphase aber Waldemar Anton vor. Im Achtelfinale durfte Schlotterbeck noch von Beginn an ran und zahlte seine Nominierung mit einem Glanz-Auftritt samt Torvorlage zurück. Ihm gehört die Zukunft in der deutschen Abwehrkette.

Waldemar Anton (33) – ohne Note: Zweimal eingewechselt, beide Male in Stuttgart. Weil der 27-Jährige den VfB in Richtung BVB verlässt, gab's gegen Spanien sogar Pfiffe. Wenn er gebraucht wurde, war er da.

Robin Koch (0) – ohne Note : Als einziger Feldspieler ohne Einsatzminute bei diesem Turnier. Das tat selbst dem Bundestrainer leid, der Koch auf der Abschluss-PK nochmal lobend für seine tägliche Hingabe hervortat.

Kimmich wie der Phoenix

AUSSENVERTEIDIGUNG

Joshua Kimmich (480) – Note 1: Neben Neuer und Rüdiger der einzige Spieler, der zu jeder Sekunde auf dem Feld stand. Die Versetzung auf die Rechtsverteidigerposition tat ihm extrem gut. Wirkte auch abseits des Platzes gelöster und lockerer. Auf dem Feld eine Bank, hatte selbst mit den schnellen Spaniern keinerlei Probleme und konnte sich situativ vorne einschalten. Zwei Assists gesammelt, den ersten Turniertreffer von Florian Wirtz gegen Schottland, und den Last-Minute-Ausgleich von Wirtz gegen Spanien.

Maximilian Mittelstädt (304) – Note 3: Zu Beginn des Turniers als Linksverteidiger gesetzt, machte seinen Job gegen Schottland und Ungarn (inklusive Torvorlage) tadellos. Dann ein schwacher Auftritt gegen die Schweiz und schwupps war er seinen Stammplatz los. In der K.o.-Runde nur gegen Spanien eingewechselt. Hier leitete er das 1:1 mit seiner Flanke ein.

David Raum (166) – Note 2: Er sollte Druck auf Mittelstädt machen und das ist ihm gelungen. Hat sich aufgedrängt und den Stammplatz erobert. Gegen die Schweiz als später Vorlagengeber zum Helden avanciert, gegen Dänemark durch seinen Flankenversuch einen Elfer herausgeholt. Auch abseits des Platzes durch diverse Auftritt in Videos zum Sympathieträger geworden.

Benjamin Henrichs (10) – ohne Note : Er war der Ersatz für Kimmich, wurde dementsprechend wenig gebraucht. Kam nur gegen Dänemark zu einem Kurzauftritt. Auch ihn lobte Nagelsmann im Anschluss des Turniers. Für die Kabine und Stimmung in der Mannschaft ein wichtiger Charakter.

Der große, traurige Abschied von Kroos

MITTELFELD

Toni Kroos (470) – Note 1: Hat diesem Team und dem Land mit seinem DFB-Comeback wieder Hoffnung gegeben. Das war bei jedem Spiel zu spüren, als er von den Rängen mit Sprechchören begleitet wurde. Als Boss im Mittelfeld, Taktgeber und Regisseur hatte er den größten Einfluss aufs deutsche Spiel. Gegen Spanien kämpfte er aufopferungsvoll und wurde sogar zum schonungslosen Zweikämpfer. Verabschiedet sich nach dem epischen Duell von der Fußballbühne.

Robert Andrich (321) – Note 3: Der Bodyguard von Kroos, verließ selbst im Training zu keiner Zeit die Seite seines Compagnons. Erfüllte seinen Job mit Hingabe. Umso überraschender, dass er gegen Spanien nur auf der Bank saß. Nagelsmann korrigierte den Fehler zur Halbzeit.

Emre Can (99) – Note 4: Der Dortmunder wurde nach dem Ausfall von Aleksandar Pavlovic kurzfristig nachnominiert und spielte eine größere Rolle als zunächst angenommen. Gegen Schottland gleich reingeworfen, sorgte er mit seinem Tor für den 5:1-Endstand. Im Viertelfinale plötzlich in der Startelf, konnte hier das große Vertrauen aber nicht zurückzahlen.

Pascal Groß (45) – Note 4: Er hatte sich sicherlich mehr von dieser EM erhofft. Im Vorfeld das Duell mit Andrich um den Platz neben Kroos verloren. Beim Turnier war er aber in der schwierigen Rolle als Ersatz für Kroos eingeplant. 45 Minuten gegen Schottland, das war’s.

Ilkay Gündogan (386) – Note 2: Der Kapitän zeigte seine besten Auftritte im Trikot der deutschen Nationalmannschaft. Stark gegen Schottland, herausragend gegen Ungarn. Endlich der Spielmacher, den man sonst nur bei Manchester City oder Barcelona sehen konnte. In der K.o.-Phase tauchte er aber etwas ab und wurde auch gegen Spanien in der Mitte der zweiten Hälfte vom Feld genommen. Trotzdem: Gündogan war ein wahrer Captain. Am Samstag wartete er bis jeder Spieler sich aus Herzogenaurach verabschiedet hatte und verließ als letzter das DFB-Camp.

Musiala und Wirtz zaubern - Sané kann nicht mithalten

Jamal Musiala (423) – Note 2: Mit ihm werden wir noch so viel Spaß haben. Ein Zauberer am Ball, zu jeder Zeit eine Gefahr für die gegnerische Abwehr. Mit drei Treffern der beste deutsche Torschütze. Ein weiterer wäre vielleicht dazugekommen, wenn nicht Cucurellas Hand im Weg gewesen wäre…

Florian Wirtz (281) – Note 2: Mit seinem Tor begann die EM und die Euphorie im Land. Sein letzter Treffer sorgte für die größte Stimmungsexplosion im Stadion. Aber: Wirtz tat sich zwischenzeitlich schwer. Tauchte trotz großem Fleiß gegen Ungarn und die Schweiz ab, fand sich daher in der K.o.-Phase auf der Bank wieder. Dass er aber auch als Ersatzspieler eine Wucht ist, zeigte er zu genüge in Leverkusen; die Spanier hatten ihre Not mit dem 21-Jährigen.

Leroy Sané (206) – Note 4: Der „Unterschiedsspieler“, der leider den Unterschied nicht machen konnte. Sané reiste angeschlagen zur EM und hatte im Turnierverlauf seine Probleme. Biss sich trotzdem voll rein und belohnte sich durch starke Trainingseinheiten mit der Startelfeinsätzen in der K.o.-Runde. Auf dem Feld konnte Sané aber wenig überzeugen, musste gegen Spanien dann zur Pause – auch verletzungsbedingt – wieder raus.

Chris Führich (18) – ohne Note: Auch vom Stuttgarter wurde eine größere Rolle im Turnierverlauf erwartet. Führich war in den Testspielen meist die erste Waffe von der Bank, bei der EM kam er aber nur gegen Ungarn rein.

Zwei tragische Helden in der ewigen Stürmerfrage

ANGRIFF

Kai Havertz (391) – Note 3 : Der am schwierigsten zu bewertende Spieler. Havertz war als Stürmer gesetzt und kämpfte aufopferungsvoll für die Mannschaft. Für das deutsche Angriffsspiel war der spielstarke „Neuner“ enorm wichtig, daher vertraute Nagelsmann in jeder Partie auf ihn. Zwei Elfmetertore und eine Vorlage sind am Ende aber eine ernüchternde Ausbeute, vor allem in Anbetracht seiner Möglichkeiten. Havertz verballerte aber Großchance um Großchance, wurde dadurch insbesondere gegen Spanien zum tragischen Helden.

Niclas Füllkrug (161) – Note 3: Der Publikumsliebling. Seine Einwechslungen wurden von den Zuschauern stets gefordert und gefeiert. Mit dem Rückenwind wurde er zum Topjoker. Tor gegen Schottland zum 4:0, dann sein Heldenmoment gegen die Schweiz in letzter Sekunde. Gegen Spanien hat dann auch er zwei riesige Chancen in der Verlängerung und vergibt.

Thomas Müller (56) – Note 4: Sein Wert für die Mannschaft ist unermesslich - als Anführer, Stimmungsmacher und Medienprofi. Sportlich konnte der Weltmeister von 2014 aber wenig helfen. Ein Kurzeinsatz gegen Schottland, dann als letzte Offensivhoffnung gegen Spanien gebracht. Seinen „Müller“-Moment bekam er aber nicht. Seine große DFB-Karriere geht (womöglich) ohne einzigen EM-Treffer vorüber.

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Maximilian Beier (25) – ohne Note: Gegen die Schweiz kam er überraschend noch vor Sané und Füllkrug ins Spiel und konnte die Offensive tatsächlich beleben. In den engumkämpften K.o.-Spielen setzte Nagelsmann dann aber mehr auf Erfahrung als auf die jugendliche Unbekümmertheit des Hoffenheimers.

Deniz Undav (6) – ohne Note: Wie Führich nur ein Kurzeinsatz in Stuttgart gegen Ungarn. Aber auch er war als Charakter eine sehr wichtige Persönlichkeit in der Kabine. Immer einen flotten Spruch auf den Lippen, immer gut drauf. Sportlich wäre er gegen Spanien vielleicht die bessere Option als Müller gewesen.

BUNDESTRAINER

Julian Nagelsmann – Note 2: Sein erstes Turnier, sein erster Erfolg. Das Aus im Viertelfinale ist sicherlich enttäuschend, aber Nagelsmann hat mit seiner Art und seinem Mut für knifflige Entscheidungen wieder eine Nationalelf auf die Beine gestellt, auf die das Land stolz sein kann. Er hat etwas entfacht, das viel wichtiger als Edelmetall ist.

Die Mannschaft war perfekt zusammengestellt, der Teamgeist war allgegenwärtig. Jeder zog voll mit, die starke Jokerquote zeugt davon. Er hat auch Fehler gemacht, diese aber selbst schnell eingesehen und korrigiert, das spricht eher für als gegen ihn. Seine emotionale Tränen-Rede zeigte ein letztes Mal, wie hingebungsvoll Nagelsmann seine Rolle als Bundestrainer angenommen hat. Die Weltmeister-Ansage? Mutig, aber glaubhaft.

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