DFB-Tross in Russland gelandet: Die Weltmeister sind da

Mats Hummels schaute über den Wolken den Piloten im Cockpit über die Schulter, Marco Reus und Jerome Boateng feixten in den Sitzen für Selfies. In bester Laune stiegen Joachim Löw und seine 23 Spieler schließlich kurz nach 17.00 Uhr in Moskau aus ihrem Sonderflieger und nahmen das Abenteuer WM in Angriff. Sie begleitete die Hoffnung auf einen historischen Titel und etwas Abstand von der nervenzehrenden "Erdogan-Affäre" um Mesut Özil und Ilkay Gündogan .

Oliver Bierhoff stieg auf dem internationalen Flughafen Wnukowo als Erster aus, umgehend ging es ins schmucklose WM-Quartier Watutinki vor den Toren der Hauptstadt. Die Mission Titelverteidigung - sie hat begonnen.

Bierhoff rechnet damit, dass Mesut Özil weiter schweigt

Der Nationalmannschaftdirektor hatte sich vor dem Abflug aus dem verregneten Frankfurt noch einmal heiße Füße beim Versuch geholt , den Erdogan-Brand auszutreten. Er sieht aber keine Chance auf eine weitere Aufklärung nach Özils und Gündogans Treffen mit dem autokratischen türkischen Präsidenten: Özil schweigt weiter. "Ich gehe davon aus, dass er das durchzieht", sagte Bierhoff der Bild -Zeitung.

Der DFB verlange schließlich immer mündige Spieler. "Ob es in diesem Fall richtig und gut für ihn ist, steht auf einem anderen Blatt. Die Konsequenzen haben wir ihm aufgezeigt, er kennt sie aus Erfahrung", sagte Bierhoff, der beiden Spielern attestierte, "nicht bösartig", sondern "naiv und gedankenlos" gehandelt zu haben. Er warb zugleich um "positive Unterstützung unserer Fans", wie es zuvor schon Angela Merkel in einer Talkshow getan hatte .

Schließlich geht es um einen Kraftakt von sporthistorischem Ausmaß. Das WM-Turnier in Russland werde dem von allen Gegnern gehetzten Titelverteidiger "Übermenschliches" abverlangen, sagte Löw, der als erster Trainer seit dem Italiener Vittorio Pozzo (1934/1938) zum zweiten Mal Weltmeister werden kann: "Es wird wahnsinnige Widerstände geben. Frankreich ist besser geworden, Spanien ist besser geworden, Brasilien sowieso - und Argentinien auch." Und Deutschland? Es wird sich wohl am Sonntag (17.00 Uhr im LIVE-TICKER ) im Auftaktspiel gegen Mexiko im Luschniki-Stadion von Moskau zeigen.

Die Spannung steigt. Spätestens im Flugzeug richtete sich der Fokus auf Mexiko, das mit einem Escort-Damen-Skandal zu kämpfen hat . "Das erste Gruppenspiel ist immer ein Knackpunkt, da kribbelt es", berichtete Thomas Müller. Die lausige Generalprobe gegen Saudi-Arabien (2:1) war längst vergessen: "Es gibt keinen Grund, jetzt Trübsal zu blasen. Wir sind Weltmeister", sagte Müller locker, "und wir haben viele Spieler, die in einem topfitten Zustand sind." 

Toni Kroos: "Wir wollen Geschichte schreiben"

Ein wenig Sorge bereitet noch das Quartier. Manche nennen es trostlos, jedenfalls kein Vergleich mit dem idyllisch abgelegenen Campo Bahia in Brasilien vor vier Jahren, das als wichtiger Baustein für den Titel gesehen wird. 

Aber: "Jammern gilt nicht", betont Löw, der dem Turnier "in freudiger Erwartung" entgegenfiebert. Keine Ausreden. "Wir wollen Geschichte schreiben", sagt Toni Kroos - unter anderem mit einem sieben Mann starken Bayern-Block um Manuel Neuer, Hummels und Müller.

Kroos Germany

Für den erneuten Coup, die erste erfolgreiche Titelverteidigung seit Brasilien 1962, müsse alles passen - Kleinigkeiten, insistiert der Bundestrainer, könnten "einen riesigen Effekt haben". Womöglich auch Kleinigkeiten wie die Befürchtung, dass bei der WM verdiente Spieler ausgepfiffen werden, weil sie sich allzu nah an einen Autokraten herangewagt haben.

Wenige Tage vor dem Startschuss steht hinter Özil ein weiteres Fragezeichen. Die Mannschaft für Mexiko steht, vor dem genesenen Torhüter Neuer werden wohl sechs weitere 2014er-Weltmeister spielen. Özil, der von Kniebeschwerden geplagt ist, vielleicht nicht: Alternativen sind Marco Reus und Julian Draxler.

Jerome Boateng erwartet eine friedliche WM

Ansonsten wird Russland ein Abenteuer. Trotz aller befürchteten Probleme mit Hooligans und Rassismus erwartet Jerome Boateng jedoch ein positives Turnier. "Ich hoffe und rechne nicht mit negativen Ausschreitungen. Russland hat die WM bekommen, da möchte man sich auch gut präsentieren", sagte er. 

Das gilt umso mehr für die deutschen Weltmeister. Wie sagte Kroos? "Ich glaube trotzdem an uns." Was zählen schon Testspiele.