Die Angst vor dem Haar: Wie eine Frau die iranische Bewegung gegen den Hidschab-Zwang im Netz koordiniert

Masih Alinejad gehört zu den wichtigsten Figuren der Protestbewegung gegen den Hidschab-Zwang (Bild: Yahoo News Video)

Während sie sich in ihrer Wohnung in Brooklyn an das eine Ende eines geräumigen Sofas setzt, barfuß, die Füße eingezogen, wirkt die charismatische 41-jährige Frau mit der roten Brille, die gerade mit mir plaudert, keineswegs wie eine Gefahr für die nationale Sicherheit. Sie spricht wie ein Wasserfall, lächelt oft und wenn man von Leuten spricht, die einen ständig umarmen, dann zählt Masih Alinejad gewiss dazu. Und sie spielt oft mit ihrem Haar. Mal trägt sie es offen, sodass ein Schwall kleiner brauner Locken wie eine Löwenmähne absteht. Mal fasst sie die Strähnen zu einem hohen Pferdeschwanz zusammen, der ihre kleine Statur einige Zentimeter größer wirken lässt. Wie so häufig trägt Alinejad eine Blume im Haar.

Und ausgerechnet ihr Haar ist es, das sie in Schwierigkeiten gebracht hat.

„Sie haben Angst vor meinen Haaren. Sie haben Angst vor meiner Stimme. Sie haben Angst vor meinem Körper. Ich als Frau kann ein ganzes Regime in Angst versetzen“, sagt Alinejad.

Mit „Regime“ meint sie das theokratische politische System im Iran, das Alinejad vor neun Jahren dazu gezwungen hat, zu fliehen. Während der Grünen Revolution 2009, die durch Proteste und lautstarke Forderungen nach Reformen geprägt war, wurde streng gegen Journalisten und Regimekritiker vorgegangen. Als Teenager erkannte Masih, dass der Zwang zum Hidschab ein Symbol für die nahezu vollständige Kontrolle war, die das Regime über Frauen ausübte, woraufhin sie „verstohlen“ zunächst ihren Tschador, der den Körper der Frauen vollkommen einhüllt, und dann ihren Hidschab ablegte.

Obwohl sie nicht die erste Frau im Iran war, die gegen den Kopftuchzwang protestierte, spielte Alinejad eine entscheidende Rolle bei der wachsenden Gehorsamsverweigerung der Bevölkerung, die sich von der vergleichsweise kosmopolitischen Hauptstadt Tehran zu den Städten und Dörfern im ganzen Land ausbreitete. Alinejad initiierte 2004 „My Stealthy Freedom“ (dt. meine heimliche Freiheit), eine Facebook-Seite, auf der sie Bilder von iranischen Frauen postete, die in der Öffentlichkeit ihren Hidschab abnahmen. Die Kampagne entwickelte sich zu einer wöchentlichen Demonstration, den #WhiteWednesdays, aus der Hunderte Fotos und Videos hervorgingen, die Alinejad für unzählige Fans auf Facebook, Instagram, Twitter und Telegram (eine sichere Messenger-App, die im Iran populär ist) postete. Einige Videos wurden Millionen Mal angesehen und erhielten Zehntausende Kommentare.

Beitrag von der „My Stealthy Freedom“-Facebook-Seite.

Die Hidschab-Proteste haben die Aufmerksamkeit des Obersten Führers des Iran, Ali Khamenei, auf sich gezogen, der seine Meinung dazu am 8. März in einer Rede und auf Twitter zum Ausdruck brachte. Der Führer sagte, die Feinde seines Landes „verschwendeten Geld und produzierten Propaganda, um einige Mädchen dazu zu bringen, ihre Kopftücher abzunehmen, doch was letztendlich dabei herauskam… war klein und unwichtig.“ Doch die Regierung wendet ziemlich viel Energie dafür auf, eine angeblich „unwichtige“ Bewegung einzudämmen. Laut der Nachrichtenagentur Tasnim hat das Regime mindestens 29 Frauen verhaftet, die dieses Jahr an den Protesten teilgenommen haben. Vida Movahed, eine 31-jährige Mutter, war die Erste: Sie nahm ihr Kopftuch ab, stieg auf einen Werkzeugkasten inmitten von Teherans Innenstadt und schwenkte sie ihr Kopftuch an einer Stange. Das Foto ging viral und viele weitere Frauen haben die Aktion nachgeahmt. Laut dem iranischen Center for Human Rights wurden an Arbeitsplattformen schräge Metallbleche angebracht, um das Besetzen zu erschweren.

Vida Movaheds schwenkt ihr Kopftuch bei einer Demonstration gegen den Hidschab-Zwang, die im Februar im Iran stattfand, an einem Stock. (Bild: Ay-Collection//SIPA/Rex/Shutterstock)

Einige der Demonstrantinnen, die sich kollektiv „Girls of Revolution Street“ nennen, wurden zu bis zu zwei Jahren Haft verurteilt. Vor kurzem wurde sogar die bekannte Menschenrechtsanwältin Nasrin Sotoudeh, die einige der Frauen vertritt, verhaftet. Sotoudeh muss sich einer Anklage wegen Bedrohung der nationalen Sicherheit stellen – aus dem einfachen Grund, dass sie sich mit einer Klientin traf, die an einem Hidschab-Protest teilgenommen hatte.

„Wir wissen nicht, was mit ihr passieren wird, aber [ihre Festnahme] ist ein Beispiel dafür, wie sehr Frauen einander unterstützen und wie tief diese Bewegung reicht“, erklärt Hadi Ghaemi vom Center for Human Rights im Iran. „Nasrin Sotoudeh ist eine wichtige Person, da sie eine tapfere Frau ist, die sich für die Rechte aller Frauen stark gemacht hat.“

Sotoudeh ist im Evin-Gefängnis inhaftiert. Während des Besuchs von Yahoo Nachrichten bei Alinejad sprach diese mit einer von Sotoudehs Klientinnen, Shaparak Shajarizadeh, einer Mutter, die zweimal verhaftet worden war. Shajarizadeh war nur wenige Tage zuvor aus Angst vor einer Freiheitsstrafe aus dem Iran geflohen. Sicherheitskräfte hatten die Mutter bedroht, damit sie Sotoudeh als ihre Anwältin fallen lasse und aufhöre, Fotos von ihrer Teilnahme an den #WhiteWednesdays zu teilen.

Nasrin Sotoudeh (Bild: iranhumanrights.org)

Was Alinejad betrifft, ist es keine Überraschung, dass sie mit dem Regime aneinander geriet. Sie war schon in jungen Jahren eine Rebellin die sich am Esstisch mit ihrem fundamentalistischen Vater stritt. Der war ein Mitglied von Basidsch, einer paramilitärischen Einheit, die wie eine Sittenpolizei agierte und die strengen sozialen Normen durchsetzte, die nach der iranischen Revolution im Jahr 1979 eingeführt wurden – etwa das Gesetz, nach dem es strafbar ist, wenn Frauen nach der Pubertät sich ohne Hidschab in der Öffentlichkeit zeigen.

In ihren 20ern war Alinejad bereits aktenkundig bekannt für ihre Kritik und ihrem Widerstand gegenüber dem Regime. Es begann in der High-School, als sie wegen ihrem Beitrag zu den studentischen Untergrundaktivitäten verhaftet wurde. Später geriet sie als Politikredakteurin mit den konservativen Parlamentariern aneinander – nicht nur wegen ihrer hartnäckigen Berichterstattung, sondern auch weil sie die Angewohnheit hatte, einige Haarsträhnen unter ihrem Hidschab hervorblitzen zu lassen oder unter ihrem Umhang ein Stück ihres Unterarmes zu zeigen. Ihr Enthüllungsbericht über Korruption unter den Abgeordneten führte schließlich dazu, dass Alinejad die Berichterstattung über das Parlement verboten wurde. Mit ihrer Kolumne in einer Reformzeitung sorgte sie für Unruhe, als sie den damaligen Präsidenten Mahmoud Ahmadinejad kritisierte. Sie verließ den Iran, um in Großbritannien zu studieren, kehrte aber 2009 zurück, um über die Wahlen zu berichten. Wie viele iranische Journalisten damals wurde sie allerdings von den Sicherheitskräften bedrängt. Überzeugt, dass man sie im Iran verhaften würde, kehrte sie nach Großbritannien zurück, doch sie blieb weiterhin als Journalistin tätig. Sie führte Interviews mit den Familien jener, die bei politischen Demonstrationen getötet wurden, was es unmöglich machte, in ihr Land zurückzukehren, ohne eine Verhaftung oder Schlimmeres zu riskieren. Nicht einmal die Reformisten standen voll hinter ihr, als ihre Ziele über deren eigene hinausreichten.

Masih Alinejad spricht auf Tina Browns „Women in the World“-Konferenz 2016 in New York City. Montage: Alinejads Memoiren „Der Wind in meinem Haar“. (Bilder: Jemal Countess/Getty Images; Little, Brown)

„Die Reformisten wollten nicht das ganze Regime stürzen… Ich wurde von langjährigen Anführern der Reform ausgestoßen und allein gelassen. Jetzt erschien eine Rückkehr in den Iran noch unwahrscheinlicher“, schrieb Alinejad in ihren kürzlich veröffentlichten Memoiren „The Wind in My Hair“ (Dt. Der Wind in meinem Haar).

Doch so sehr sich das iranische Regime auch bemühte, es konnte Alinejads Einfluss nicht schmälern. Sie wurde eine Berühmtheit und eine Clearingstelle für Protestvideos. Wenn man bedenkt, wie oft ihre Videos angesehen werden, kann sie es in punkto Reichweite mit iranischen Medienhäusern aufnehmen.

„Seit 40 Jahren hat die iranische Regierung staatliche Medien, Fernsehen, Zeitungen. Sie hat Schusswaffen und Kugeln. Sie hat Geld, Macht, Gefängnisse. Sie hat alles“, so Alinejad. „[Dank] Mobiltelefonen und sozialen Medien wie Instagram, Twitter, Facebook können wir uns jetzt genauso viel Gehör verschaffen wie ein Präsident, wie unser Oberster Anführer, wie unser Außenminister.“

Jeden Dienstag, nachdem sie ihre Menschenrechtssendung für den persischen Sender von „Voice of America“, der durch die US-Regierung subventioniert wird, aufgenommen hat, bereitet sie sich auf ihre Nachtschicht vor, die um Mitternacht startet. Dann trudeln auf ihrem Mobiltelefon Videos und Fotos iranischer Frauen und Männer ein, die sich diese Woche der #WhiteWednesday-Kampagne angeschlossen haben. Die Demonstranten übermitteln ihre Videos und Nachrichten direkt an Alinejad. Diese leitet die Videos an ein Netzwerk aus Helfern weiter, die sie ins Englische übersetzen und falls nötig die Gesichter verpixeln, um die Identität der Abgebildeten zu schützen. Kurz nachdem sie ein Video postet, werden Hunderte Views und Kommentare generiert. Wir werden Zeuge, wie ein Video innerhalb weniger Stunden eine halbe Million Views und mehrere Tausend Kommentare sammelt. Das Video zeigte eine junge Frau, die für einen Hidschab-Verstoß in ein Polizeiauto gestoßen wird. Im Hintergrund gibt ihr die Stimme einer anderen jungen Frau Trost, die sagt: „Sie sind deine Tränen nicht wert.“ Zuletzt haben 2,6 Millionen Menschen das Video angesehen und der Beitrag erhielt mehr als 12.000 Kommentare. In der Woche von Sotoudehs Verhaftung erhielt Alinejad sogar noch mehr Videos als gewöhnlich.

Alinejad, rechts, mit Stephanie Sy von Yahoo Nachrichten. (Bild: Yahoo News Video)

Zum Tragen eines Hidschab gezwungen zu werden ist, „wie lebendig verbrannt zu werden“, erzählte eine Frau, die anonym bleiben wollte, Yahoo Nachrichten. Während sie mit uns über eine Video-Messenger-App sprach, saß die etwa 20-jährige Frau in einem Auto auf einer öffentlichen Straße in Teheran. Ihr Kopftuch lag in ihrem Schoß, während ihr eindrucksvolles Gesicht zwischen langen, üppigen braunen Locken direkt in die Kamera ihres Mobiltelefons blickte.

„Wir holen uns das von der Regierung zurück“, sagte sie entschlossen. „Sie können uns nicht aufhalten und sie können uns… nicht länger zum Schweigen bringen. Denn wir sind wach und wir wissen, was wir wollen und was wir zu tun haben.“

Die Frau war eine der ersten, die mit ihrem Video an der #WhiteWednesdays-Kampagne teilnahm und Alinejad ist sich bewusst, dass es die Ausdauer von Frauen wie ihr ist, welche die Bewegung vorantreibt. Laut Ghaemi gibt es „vermutlich Zehntausende“ Frauen im Iran, die dasselbe tun wie Alinejad und es sind andere, sich thematisch überschneidende Netzwerke entstanden, die sich für das Ende des Hidschabzwanges einsetzen.

„Die Sicherheitskräfte des Regimes waren sehr erfolgreich darin zu verhindern, dass sie sich zusammentun“, erzählt Ghaemi. „Doch alle Samen einer geschlossenen Bewegung sind gesät. Wenn sich die Tore öffnen, wird es eine Flut von Massenprotesten geben.“

Alinejad erhält Videos von Frauen jeder Altersgruppe. Es gibt sogar einen „Männer im Hidschab“-Protest, der von Männern initiiert wurde, die ihre Ehefrauen, Schwestern und Mütter im Protest gegen den Hidschab-Zwang solidarisch unterstützen. Die Bewegung wird im Stillen auch von iranischen Politikern und sogar von Geistlichen unterstützt. Ein weibliches Parlamentsmitglied, Nahid Tajeddin, schrieb Anfang März auf Twitter: „Die Girls of Revolution Street sind dieselben Mädchen, die aufgrund der Geschlechterdiskriminierung beim Aufnahmeverfahren an den Universitäten, am Arbeitsplatz, in der Politik, in der Bewerbung um Führungsposten in der Regierung, in Sportstadien, bei der Darbietung von Live-Musik auf der Bühne gegen eine Wand gelaufen sind.“


Anfang des Jahres veröffentlichte das Büro von Präsident Hassan Rouhani eine Regierungsumfrage aus dem Jahr 2014, die zeigte, dass beinahe die Hälfte aller Iraner der Ansicht waren, der Hidschab sollte aus freien Stücken und nicht verpflichtend getragen werden. Die Veröffentlichung des Berichts könnte bereits ein Indiz dafür sein, dass der relativ gemäßigte Rouhani zu Gesprächen über das Thema bereit ist.

Doch die Vertreter der harten Linie, darunter auch Alinejads Vater, bleiben standfest. Es ist ein heikles Thema und in der Regel weigerte sie sich bei unserem Interview, über ihre angespannte Beziehung zu sprechen. Sie erzählte uns allerdings von der Zeit, als ihr Vater sie auf der Straße ohne Tschador antraf und sie anspuckte, doch mehr sagt sie nicht. Obwohl sie die Erkenntnis schmerzt, dass er ihre Sichtweise vermutlich nie verstehen wird, verteidigt sie ihn aufs Äußerste.

„Mein Vater ist ein echtes Beispiel für die Leute, die von der islamischen Republik Iran einer Gehirnwäsche unterzogen [wurden]“, sagt sie. „Also gebe ich mein Bestes, ihn davon zu überzeugen, dass ich so sein will, wie ich wirklich bin. Ich liebe dich, aber ich will mein Leben nicht so führen wie du.“

Für ihre ungebrochene Teilnahme an der Bewegung erhielt Alinejad nicht nur Zuspruch, sondern manchmal auch Todesdrohungen. Eine besonders schaurige Drohung warnte sie kürzlich davor, dass die Basidsch „meine Zunge herausschneiden und meine Brüste zerschneiden und mich dann umbringen“ werden, erinnert sie sich. Das iranische Regime verbreitete boshafte Lügen über sie. In einem Propagandabeitrag behaupten die iranischen Behörden im staatlichen Fernsehen, Alinejad sei unter Drogeneinfluss von mehreren Männern vergewaltigt worden. Die Falschmeldung wurde platziert, nachdem Alinejad „My Stealthy Freedom“ gestartet hatte. Alinejad denkt, die Schmutzkampagne sei geplant worden, um sie zu beschämen und zu diskreditieren.

„Es ist eine Sache, an die wir beide glauben“, sagt Alinejads Ehemann, der Journalist Kambiz Foroohar. „Wir wissen, dass diese Drohungen zu dem Preis gehören, den wir bezahlen müssen.“

Alinejad folgte Foroohar, als sein Beruf ihn von Großbritannien in die USA führte und nun führt sie die wöchentlichen Revolutionen von ihrem Zuhause in Brooklyn durch.

„Ich bin enorm stolz auf das, was sie tut und auch beeindruckt davon, wie schlau sie die Stoßrichtungen der Kampagne plant, was die beste Möglichkeit ist, um die Bewegung anzukurbeln, wie sie die Kampagne ganz alleine und unabhängig antreibt“, erzählt Foroohar. „Was sie in den vergangenen vier Jahren erreicht hat, um auf diese bestimmte Sache aufmerksam zu machen, ist mehr, als in den vergangenen 40 Jahren im ganzen Iran erreicht wurde.“

Iranerinnen demonstrieren vor der iranischen Botschaft in Brüssel gegen den Hidschab-Zwang. (Bild: Romy Arroyo Fernandez/NurPhoto via Getty Images)

Alinejads Stärke lässt oft vergessen, wie traurig sie häufig war, seit sie ihre Familie vor neun Jahren im Iran zurückgelassen hat. Als wir durch die überfüllte U-Bahn-Station gehen, entdeckt Alinejad eine ältere Frau mit Hidschab und ruft: „Oh Gott, diese Frau sieht aus wie meine Mutter!“ Ohne zu zögern eilt sie auf die überraschte Frau zu und erzählt ihr, dass sie ihre Mutter seit Jahren lediglich in Videos gesehen hat. Die Frau, die sofort Sympathie mit Alinejad empfindet, lächelt und die beiden umarmen sich. Es ist deutlich, dass sie ihre Familie und ihr Land trotz aller Einschränkungen vermisst. Eine Frau mit Hidschab in New York zu sehen, löst völlig andere Gefühle aus als bei der omnipräsenten Kopfbedeckung im Iran.

„Ich mache Fotos, wenn ich hier Frauen mit Hidschab sehe, sende sie meiner Mutter und sage: ‚Zeig sie Papa. Sag ihm, dass die Frauen wählen dürfen, was sie tragen wollen.“ Sie ergänzt: „Wir kämpfen für die freie Entscheidung.“

Stephanie Sy