Im Stich gelassen? - Psychologe Stephan Grünewald analysiert bei „Markus Lanz“ das deutsche Wählerbefinden

Moderator Markus Lanz lud am Mittwoch wieder zum Talk. (Bild: ZDF/Juliane Werner)

Kurz vor der Bundestagswahl ist Deutschland gespalten – ein Teil blickt optimistisch in die Zukunft, ein anderer Teil ist frustriert und fühlt sich von der Politik vernachlässigt. Dieser Gruppe widmete sich die Sendung „Markus Lanz“ am Dienstag.

Einer, der das Befinden der deutschen Wähler seit vielen Jahren genau unter die Lupe nimmt, ist der Psychologe Stephan Grünewald. „Wir haben 50 Wähler auf die Couch gelegt und haben gemerkt, wie enttäuscht die Wähler von dem Wahlkampf sind“, erklärte er. „Sie haben Gefühl, es ist ein gigantisches Ablenkungsmanöver. Gerade wenn man sich die Plakate anguckt: Da wird viel schöngefärbt, aber wenn wir dann mit den Menschen gesprochen haben: Nach fünf Minuten spätestens war das Flüchtlingsthema am Tisch.“ Eben dieses Thema sei es auch, das stimmungsprägend für den Bundestagswahlkampf und ausschlaggebend für die Missstimmung unter vielen Wählern sei. „Sie hatten das Gefühl, das, was uns eigentlich seit zwei Jahren am meisten beschäftigt, ein Thema, das uns in ein ungeheures Dilemma gestürzt hat – das wird von der Politik eher stiefmütterlich behandelt.“

Fehlt eine klare Richtung?

„Man fühlt sich sozusagen von der Politik im Stich gelassen“, sagte Grünewald – Video-Einspielungen von Merkel-Gegnern aus Ostdeutschland untermauerten sein Statement später eindrücklich. „Diese innere Zerrissenheit, die wir jetzt wieder beobachtet haben, war schon mal vor zwei Jahren da. Wir hatten zuerst die Willkommenseuphorie, dann brannten die Flüchtlingsheime.“

Die Bundeskanzlerin, so Grünewald, bietet kein klares Bild: „Ist sie jetzt die Flüchtlingsmutter oder diejenige, die die Tür hermetisch abriegelt? Das kippt ständig hin und her“. Es bräuchte wieder eine klare Richtungsbestimmung, auch eine, die polarisiert. Genau dies versäumten die Großparteien aber. „Die Menschen fühlen sich im Stich gelassen. Dann reden sie auf einmal über Deutschland, und ihnen stößt jetzt nach vier Jahren ungeheuerlich viel auf. Sie erleben Deutschland als verwahrlostes Land: mit maroden Schulen, mit zu wenig Lehrern, mit No-Go-Areas, mit Wohnungen, die man nicht bezahlen kann, mit sozialer Ungerechtigkeit[…].“ Man erlebte Deutschland als Land, das „nicht gut umkümmert ist“, so der Psychologe – und trotz Wahlkampfversprechungen hätte der Wähler das Gefühl, dass sich nichts ändert.

Psychologe Stephan Grünewald beschäftigt sich seit Jahren mit der Stimmung unter Deutschlands Wählern. (Bild: InterTOPICS/STAR-MEDIA)

Ebenfalls im Studio zu Gast war Rentnerin Christel Paweski, die vor vier Jahren in Lanz’ Sendung der Kanzlerin die Frage stellte: „Wieso vergesst ihr uns da unten?“ Paweski, die viele Jahre als Kranken- und Altenpflegerin arbeitete, lebte lange Zeit von 649 Euro Rente – mittlerweile wurde der Betrag auf 818 Euro aufgestockt. Sie wohnt in einer 28 Quadratmeter großen Wohnung in Berlin-Lichtenberg. Aus einer größeren Wohnung musste sie ausziehen, um keine Schulden zu machen.

Paweski schätzte in der Sendung, pro Tag rund vier Euro zur Verfügung zu haben. Dementsprechend enttäuscht und desillusioniert zeigte sich die Rentnerin von der Politik. „Ich frage mich: Was Frau Merkel in zwölf Jahren nicht geschafft hat, das will sie jetzt in vier Jahren schaffen?“ Die Rentnerin ist der Meinung, dass Merkel abtreten müsste und ist überrascht, dass sich die Kanzlerin überhaupt zur Wiederwahl stellt.

“Es gibt keine Perspektive”

Kabarettist Sebastian Pufpaff hakte indes bei Grünewald nach: Wenn es sich bei seiner Studie um eine Querschnitt der Bevölkerung handelte, wie hätten dann die oberen drei Prozent die Lage des Landes evaluiert? Grünewalds Antwort: „Wenn man sie fragt, ist sich jeder selbst der nächste. Trotzdem gibt es eine große Sehnsucht danach, dass der Staat ein Regulativ darstellt.“

„Es gibt Menschen, die fühlen sich degradiert“, so der Psychologe weiter. „Es gibt keine Perspektive, sie fühlen sich nicht wertgeschätzt in ihrer Lebensleistung. Jetzt erleben sie: Mutter Merkel macht die Tür auf und lässt Flüchtlinge rein. Die Frage, die wir 2015 in unseren Studien festgestellt hatten, war: Wen liebt Mutter Merkel –die fremden Kinder oder die eigenen Kinder? Die Menschen hatten das Gefühl, Merkel tut mehr für die fremden Kinder. Das war der Nährboden dieser Kränkung, der Nährboden dieser Wut.“

„Wir müssen weg von den Gesichtern“, sagte Pufpaff – und stellt das theoretische Beispiel in den Raum, die Spitzenkandidaten würden bei einem Busunfall verunglücken. Nicht nur gäbe es niemanden, der den Wahlkampf führen könnte, auch gäbe es keine Nachfolger, die nächste Polit-Generation hätte man jahrelang vernachlässigt. Hier widerspricht Lanz – der sich sonst seinen Gästen gegenüber eher gewohnt affirmativ gab – dem Kabarettisten. Pufpaffs Fazit: Es gehe um Themen und Inhalte, auf diese müsse man fokussiert bleiben. „Wir sind auf der Suche nach dem guten König. Und das ist fatal.“

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