Die #MeToo-Debatte ist längst nicht beendet

Die #MeToo-Debatte geht weiter. (Bild: Damian Dovarganes/AP/dpa)

Eine Kolumne von Carlos Corbelle

Das ging ja schnell. Kaum ist #MeToo auch jenseits von Hollywood und Harvey Weinstein zu einem beherrschenden Thema geworden, werden immer mehr Stimmen laut, die bereits jetzt genug davon haben. Dabei hat die längst überfällige, öffentlich geführte Debatte um sexuelle Gewalt, wie unter anderem die Vorwürfe gegen Regisseur Dieter Wedel erahnen lassen, auch in Deutschland gerade erst begonnen.

Dennoch wäre die #MeToo-Diskussion bei uns schon längst wieder beendet, ginge es nach dem Willen mehr oder weniger prominenter Persönlichkeiten wie Sophia Thomalla (“Diese ganze Kampagne ist eine Beleidigung für die wahren Vergewaltigungsopfer”), Markus Lanz (“Plötzlich sind Männer einfach tendenziell immer böse und Frauen einfach tendenziell immer Opfer”) oder der Rechtswissenschaftlerin Monika Frommel (“Frauen müssen einfach als Frauen lernen, eine Körpersprache zu entwickeln und ein Reaktionsrepertoire zu haben, das solche Sachen beendet”).

Geht #MeToo zu weit?

Und wenn man gerade denkt, dass die Argumente der #MeToo-Gegner kaum stumpfer werden könnten, hat man plötzlich die Grazia auf dem Schreibtisch liegen. Ausgehend von der französischen Erklärung 100 prominenter Frauen wie Catherine Deneuve, die in der #MeToo-Bewegung den Flirt bedroht sehen, stellt das Mode-Magazin in einer seiner letzten Ausgaben die Frage: Geht #MeToo zu weit? “Nein”, sagt die Textvolontärin Lara Golombek, die zu Recht anmerkt, dass es bei der Debatte keineswegs um eine “Flirtkultur” gehe, sondern darum, uns die Verknüpfung von Macht und Sex vor Augen zu führen. Das sieht Janina Darm, Editor-at-Large bei Grazia, allerdings anders. Sie beantwortet die Frage mit einem deutlichen “Ja” und schreibt zunächst gönnerhaft: “Die #MeToo-Debatte war wichtig, sie musste geführt werden.” Was dann folgt, liest sich jedoch im Grunde wie ein einziges “Und jetzt aber Schluss mit dem albernen Gejammer!”

Es entstünde der Eindruck einer Welt voller Männer, schreibt sie, “die nichts anderes im Kopf hätten, als Frauen zu belästigen – und voller Frauen, die ausschließlich Opfer sind.” Obwohl im Zuge der #MeToo-Debatte niemand ernsthaft behauptet, dass ALLE Männer böse und ALLE Frauen Opfer seien, hört man das Argument immer wieder bei Kritikern von #MeToo. Markus Lanz lässt grüßen. Und auch ein wenig Thomalla schwingt bei der Grazia-Autorin mit, wenn sie im Zuge ihrer Argumentation gegen #MeToo von Frauen spricht, die “Männer zu Unrecht an den Pranger stellen.” Das wären dann wohl diejenigen hypothetischen Frauen, die dazu beitragen, dass #MeToo “eine Beleidigung für die wahren Vergewaltigungsopfer” ist.

Große Verunsicherung?

Fest steht: Aufgrund der #MeToo-Debatte ist ein Klima entstanden, in dem sich immer mehr Frauen und auch Männer trauen, an die Öffentlichkeit zu gehen, um über grauenhafte Erfahrungen zu sprechen, die sie vorher aus verschiedensten Gründen niemandem mitteilen konnten. Stellt man die Glaubwürdigkeit der mutmaßlichen Opfer allein aufgrund der überwältigenden Anzahl von vornherein in Frage, verkennt man das Problem eines strukturell bedingten Machtgefälles, das nach wie vor zum Gedeihen, Verdrängen und Verschleiern von sexueller Gewalt beiträgt.

“Eine große Verunsicherung bei beiden Geschlechtern” habe #MeToo angeblich angerichtet, fabuliert Janina Darm gegen Ende ihres ebenso kurzen wie ärgerlichen Beitrags. Warum eigentlich? Fürchtet sie etwa, dass sich bald niemand mehr traut, zu flirten und Sex zu haben, so dass am Ende die menschliche Spezies ausstirbt? Ich lehn mich jetzt mal ganz weit aus dem Fenster und behaupte: Sollte die Menschheit irgendwann aussterben, wird es ganz sicher nicht an mangelnden Flirts liegen.

Nicht die #MeToo-Diskussion sollte uns verunsichern. Sondern die Möglichkeit, dass die Debatte verebbt, bevor sich wirklich etwas verändert hat.

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