Die Nervengifttoten von Syrien sind kein Zufall

Jan Rübel
Freier Journalist
Aktivisten demonstrieren vor der russischen Botschaft in Berlin gegen den Einsatz von Chemiewaffen in Syrien (Bild: dpa)

Giftgaseinsatz – die Menschen im umkämpften Syrien leiden. Aber sei’s drum. Wir haben schon so viel weggeschaut, das wird auch diesmal wieder gut gelingen.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Das Nervengift fiel vom Himmel über Khan Schaikhun, einer Stadt in der nordsyrischen Provinz Idlib. Es überraschte die Bewohner und tötete Dutzende von ihnen. Und was nun?

Ist das eine erneute rote Linie, die überschritten wird in diesem Krieg? Wird es unser Verhalten gegenüber dem Gemetzel ändern? Ich glaube nicht, ich gieß mir noch eine Tasse Tee ein.

Noch ist unklar, wer für dieses Verbrechen verantwortlich ist. Doch bezeichnend ist, wer rasch mit Antworten auftritt und wie wenig die Opfer von Khan Schaikhun, einer Stadt, die sich schon vor 3000 Jahren mit Mauern gegen Feinde von außen zu verteidigen suchte, in diesen Antworten auftauchen. Es geht immer um andere.

Eine tödliche Botschaft

US-Präsident Donald Trump schiebt die Schuld auf seinen Vorgänger Barack Obama und seine Versäumnisse. Russlands Präsident Wladimir Putin sieht die Verantwortung bei den Rebellen. Deutschland zieht den Schwarzen Peter, weil es früher Syrien das Knowhow für die Herstellung von Giftgas lieferte; während der Westen im Chor den Assad-Blues singt, von dem sich der Herrscher in Damaskus recht unbeeindruckt gibt, und das ist auch Sinn des Ganzen.

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Denn das Timing ist kein Zufall. Offiziell betrachtet Russland seine bewaffnete Mission in Syrien als beendet. Die türkische Regierung ebenfalls. Die USA kümmern sich nur noch um die Terrorschergen des IS und ziehen die syrische Zivilbevölkerung in stärkere Mitleidenschaft. Und nun, wo mal wieder eine internationale Konferenz zu Syrien zusammenkommt, diesmal in Brüssel, setzt Baschar al-Assad ein Semikolon.

Natürlich muss nun gründlich untersucht werden, wie das Giftgas über die Leute von Khan Schaikhun kam. Russlands Erklärung indes, dass eine Rebellenfabrik für Giftstoffe bei einem konventionellen Angriff der syrischen Luftangriffe getroffen worden sei, klingt wenig plausibel. Zum einen wurden die ersten Toten Stunden vor dem von Russland bestätigten Angriff gemeldet. Und zum anderen ist für Experten schwer vorstellbar, wie die Giftkampfstoffe bei einer bloßen Explosion solch eine tödliche Wirkung entfalten konnten – sie müssen als feine Tröpfchen in der Luft entfaltet werden. Außerdem hat Assads Regime schon früher Giftgas eingesetzt und Zweifel, dass es danach sein Arsenal vernichtet hat, nie zerstreuen können.

Außerdem nutzen die Toten dieser Stadt Assad am meisten. Seit der Einnahme Aleppos sieht es gut aus für den Diktator. Die Rebellen weichen zurück, und er kann die verbleibenden „untreuen“ Regionen in die Kneifzange nehmen. Wer nicht kapituliert, soll dafür bezahlen.

Syrien ist weit genug weg

Wir selbst werden uns weiterhin unbeeindruckt davon zeigen. Ist ja hinreichend weit weg. Die AfD wird auch heute und morgen den jungen Syrern, die nach Deutschland geflüchtet sind, Feigheit vorwerfen. Es kann ja nicht jeder so todesmutig sein wie die strammen Jungs von der Alternative für Deutschland. Trump mag innerlich toben. Was er mit Assad vorhat, bleibt aber unklar. Und Europa findet immer noch nicht zu einer einheitlichen Stimme.

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Europa könnte Assad wehtun, und seinen Verbündeten in Moskau, Teheran und Beirut. Europa könnte den islamistischen Verbrechermilizen auf der Gegenseite wehtun, und ihren Verbündeten in Riad und Doha. Europa könnte in Ankara anrufen und fragen, was die Türkei mit den Kurden vorhat. Europa könnte mehr tun als man denkt. Aber das ist jetzt schon zu viel gedacht. Es stört nur. Lieber noch eine Tasse Tee.

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