Diese Oscar-Verleihung macht Hoffnung für die Zukunft des Kinos

Sven Hauberg
·Lesedauer: 4 Min.
Beste Nebendarstellerin, bester Nebendarsteller, beste Hauptdarstellerin: Yuh-Jung Youn (links), Daniel Kaluuya und Frances McDormand gewannen bei den 93. Oscars. (Bild: att Petit/A.M.P.A.S. via Getty Images)
Beste Nebendarstellerin, bester Nebendarsteller, beste Hauptdarstellerin: Yuh-Jung Youn (links), Daniel Kaluuya und Frances McDormand gewannen bei den 93. Oscars. (Bild: att Petit/A.M.P.A.S. via Getty Images)

Divers und relevant: Auch im 93. Jahr zeigen die Oscars, welche Kraft das Kino entfalten kann.

"Bitte sehen Sie sich unseren Film auf der größtmöglichen Leinwand an und nehmen Sie, eines baldigen Tages, jeden den Sie kennen, in ein Kino, in diesen dunklen Raum, Schulter an Schulter, und schauen Sie sich jeden Film an, der hier heute Nacht vorgestellt wurde": Es war Frances McDormand, die in der vergangenen Nacht in Los Angeles mit großen Worten noch einmal die Kraft des Kinos heraufbeschwor, bevor sie auf der Bühne in der Union Station begann, wie ein Wolf aufzuheulen.

Viele Unkenrufe und Abgesänge waren zu hören gewesen in den Tagen und Wochen vor dieser 93. Oscarverleihung, vom Ende des Kinos war da die Rede und vom Siegeszug der Streamingdienste, vom Bedeutungsverlust des wichtigsten Filmpreises der Welt. Jetzt, da die Verleihung vorüber ist, bleibt aber vor allem eines: Hoffnung.

Natürlich, 2020 war kein einfaches Jahr für das Kino. Um 72 Prozent sind die Umsätze weltweit eingebrochen, die Zahlen der Streamingdienste schossen gleichzeitig in die Höhe. Die Pandemie brachte Netflix fast 40 Millionen neue Abonnenten, Amazon Prime Video rund 50 Millionen Neukunden. Es war dann aber noch nicht der Netflix-Film "Mank", der mit zehn Nominierungen ins Rennen gegangen war und schließlich nur zwei Preise in kleineren Kategorien gewann, der als großer Gewinner aus diesem Oscar-Abend hervorging. Und auch nicht die Amazon-Produktion "Sound of Metal", die ebenfalls nur in Nebenkategorien bedacht wurde. Sondern "Nomadland", ein unglaublich berührendes Roadmovie, das in den USA ganz klassisch in die Kinos kam und nur pandemiebedingt gleichzeitig auch bei einem Streamer abrufbar war. Drei Preise gab es für "Nomadland", als besten Film, für Hauptdarstellerin Frances McDormand und für Regisseurin Chloé Zhao.

Die in Peking geborene Filmemacherin Chloé Zhao wurde für die beste Regie geehrt, und ihr Werk "Nomadland" gewann den Preis für den besten Film. (Bild: Matt Petit/A.M.P.A.S. via Getty Images)
Die in Peking geborene Filmemacherin Chloé Zhao wurde für die beste Regie geehrt, und ihr Werk "Nomadland" gewann den Preis für den besten Film. (Bild: Matt Petit/A.M.P.A.S. via Getty Images)

Oscars 2021: Kein Sieg des klassischen Hollywood

In Deutschland soll "Nomadland" in die Kinos kommen, sobald diese öffnen. Überhaupt können die gebeutelten Kinobetreiber Hoffnung schöpfen aus den diesjährigen Oscars, sind doch fast alle Gewinnerfilme hierzulande noch nicht angelaufen. Wenn die Lichtspieltheater hoffentlich bald wieder Besucher empfangen dürfen, haben sie reichlich Oscar-Material zur Verfügung: neben "Nomadland" das Drama "The Father" (Oscar für Anthony Hopkins als bester Hauptdarsteller, ab 13. Mai), die Familiengeschichte "Minari - Wo wir Wurzeln schlagen" (Oscar für die beste Nebendarstellerin Yuh-Jung Youn, ab 8. Juli), den besten internationalen Film "Der Rausch" (ab 15. Juli) und wohl auch "Judas and the Black Messiah" (Oscar für Nebendarsteller Daniel Kaluuya, noch ohne Termin).

Wer die großen Gewinnerfilme sehen will, der muss ins Kino. Und dann werden die Oscars wohl auch an den Kinokassen ihre Strahlkraft zeigen, als Qualitätssiegel für gute Filme. Dass die Einschaltquoten der Verleihungszeremonie seit Jahren rückläufig sind - egal. Der Marke Oscar schadet das nicht.

Ein Sieg für das klassische Hollywood war der Abend, der im Zeichen der Pandemie in die Union Station im Zentrum von Los Angeles verlegt worden war, dennoch nicht. Der Abräumerfilm "Nomadland" ist keine jener sündhaft teuren Hollywood-Produktionen wie Christopher Nolans "Tenet", sondern kostete nur rund fünf Millionen Dollar. Vor allem aber - und auch mit dieser unrühmlichen Tradition brach die Academy - wurde mit Regisseurin Chloé Zhao eine Frau ausgezeichnet, erst zum zweiten Mal in der langen Geschichte der Preise. Zhao, geboren in Peking, steht auch für die asiatischstämmigen und schwarzen Filmschaffenden, die geehrt wurden. Daniel Kaluuya wurde als bester Nebendarsteller ausgezeichnet, für seine Rolle als Black-Panther-Aktivist in "Judas and the Black Messiah", die Südkoreanerin Youn Yuh-jung als beste Nebendarstellerin für "Minari - Wo wir Wurzeln schlagen." Auch die Hauptfigur in "Soul", ausgezeichnet als bester Animationsfilm, ist schwarz.

"Nomadland" mit Frances McDormand gewann drei Preise - für den besten Film, die beste Regie und die beste Hauptdarstellerin. (Bild: Disney)
"Nomadland" mit Frances McDormand gewann drei Preise - für den besten Film, die beste Regie und die beste Hauptdarstellerin. (Bild: Disney)

Ernüchterndes Finale

Dass mit dem 83-jährigen Anthony Hopkins auch ein echter Hollywood-Veteran gewann (zum bereits zweiten Mal), mag vielleicht nichts ins Bild passen, war aber dennoch mehr als gerechtfertigt - auch wenn sich in den sozialen Netzwerken wenig überraschend ein Shitstorm entlud, weil der im vergangenen Jahr verstorbene Chadwick Boseman ("Ma Rainey's Black Bottom") übergangen wurde.

Der Sieg von Anthony Hopkins war dennoch einer der Tiefpunkte des Abends. Denn nicht den Preis für den besten Film stellte Steven Soderbergh, Produzent der diesjährigen Gala, an das Ende der Show, sondern die Auszeichnung für den besten Hauptdarsteller. Vielleicht ja, weil Soderbergh darauf gehofft hatte, mit einer posthumen Ehrung von Chadwick Boseman einen emotionalen Schlusspunkt setzen zu können. Stattdessen aber gewann mit Hopkins ein Schauspieler, der weder in der Union Station in Los Angeles anwesend noch per Video zugeschaltet war. Ein ernüchterndes Ende für eine ansonsten große Kino-Nacht.

Anthony Hopkins, als bester Hauptdarsteller in "The Father" ausgezeichnet, blieb der Verleihung fern. (Bild: Tobis Film)
Anthony Hopkins, als bester Hauptdarsteller in "The Father" ausgezeichnet, blieb der Verleihung fern. (Bild: Tobis Film)