"Diese Situation ist ein Ausnahmefall": Schüler protestieren gegen Abi-Prüfungen in der Coronazeit

Konstantin Delles
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Abitur in Darmstadt: In Hessen wurden die Prüfungen unter verschärften Hygienebestimmungen bereits abgehalten (Bild: Thomas Lohnes/Getty Images)
Abitur in Darmstadt: In Hessen wurden die Prüfungen unter verschärften Hygienebestimmungen bereits abgehalten (Bild: Thomas Lohnes/Getty Images)

Die Kultusminister der Bundesländer haben sich festgelegt: Obwohl wegen der Coronakrise die Schulen geschlossen wurden, sollen bis auf Weiteres das Abitur und andere Abschlussprüfungen abgelegt werden - zumindest, solange es der Infektionsschutz zulässt.

Verschiebungen sind bisher lediglich in manchen Ländern um wenige Wochen oder auch nur Tage geplant, in Hessen wurden nun bereits die letzten Prüfungen unter verschärften Hygienevorkehrungen geschrieben.

In anderen Bundesländern regen sich indes Proteste gegen die Prüfungen unter derart erschwerten Bedingungen. In Hamburg haben sich etwa Schülerinnen und Schüler mehrerer Schulen zusammengeschlossen und unter anderem Petitionen gestartet und einen offenen Brief an den Regierenden Bürgermeister Peter Tschentscher und Schulsenator Ties Rabe verfasst.

Eine von ihnen ist Omeima Garci, für die die ungleichen Voraussetzungen bei der Prüfungsvorbereitung zuhause eine große Rolle spielen. Schließlich sind neben der Schule auch Bibliotheken und andere Lernräume geschlossen, auf die manche Schüler stärker angewiesen sind als andere. “Das Abitur legt einen wichtigen Baustein für unsere Zukunft. Diesen Baustein legen zu können, ist ohnehin für die einen einfacher und für die anderen eine größere Anstrengung. Weil die einen aus einem Haushalt kommen, der ‘bildungsferner’ ist, und die anderen aus einer Akademiker-Familie”, erklärt Garci Yahoo Nachrichten.

“Nun spitzt sich die Lage noch mehr zu und Chancenungleichheit ist zum Greifen nahe. Das definiert dann auch die Qualität des Bausteins. Ich habe kein eigenes Zimmer und auch sonst nicht wirklich eine ruhige Ecke zum lernen. Viele haben auch keinen Laptop, um vernünftige Recherchen zu tätigen”, schildert die Gymnasiastin einige der Probleme, unter denen sie selbst und viele Mitschüler gerade haben. “Weder ich kann was dafür, dass ich kein eigenes Zimmer habe, noch können andere etwas dafür, dass sie keinen Laptop haben. Jetzt soll soziale Ungleichheit, die unsere Vergangenheit bestimmt hat, nun durch erschwerte Bedingungen für die Vorbereitung auf unser Abitur, auch noch unsere Zukunft bestimmen? Ein Teufelskreislauf.”

In ihrem offenen Brief warnen die Schüler auch vor der traumatisierenden Wirkung der Krise und der ständigen Nachrichten über die Pandemie und fordern bessere psychologische Betreuung. Die bisherigen Angebote seien nicht ausreichend: “Es wird uns angeboten, uns mit unseren Sozialpädagog*innen kurz zu schließen”, erzählt Garci. “Ich bin nicht überzeugt davon, dass ein Telefonat mit meiner Schul-Sozialpädagogin mir psychische Sicherheit geben kann. Auch gibt es Schüler*innen unter uns, die durch die Quarantäne mehr häusliche Gewalt erleben. Auch die sind nicht in der besten Verfassung, um jetzt das Abitur zu schreiben.”

Viele Schüler haben zuhause keine guten Voraussetzungen, um zu lernen (Symbolbild: Getty Images)
Viele Schüler haben zuhause keine guten Voraussetzungen, um zu lernen (Symbolbild: Getty Images)

In der Hamburger Petition “Abi 2020 umdenken”, die bisher von etwa 135.000 Menschen unterschrieben wurde, wird statt der Prüfungen ein Durchschnittsabitur gefordert. Das bedeutet, die Abiturnoten würden anhand der eingebrachten Leistungen aus den vorhergehenden Semestern festgelegt - eine Lösung, die auch einige Lehrerverbände für denkbar halten. “Das ist eine Option, die praktisch am unkompliziertesten wäre, auch wird in den Abi-Schnitt ohnehin die einzelnen Semester-Noten mit eingerechnet”, erklärt Garci. “Es gibt für mich aber nicht ausschließlich diese Option, das einfache Verschieben der Prüfungen wäre auch eine Entlastung für uns.”

Eine Verschiebung wurde in Hamburg auch angekündigt - allerdings nur um fünf Tage, die Prüfungen sollen nun am 21. April beginnen. “Ich spreche hier nur für mich, aber dieser Schritt macht die Situation nicht wirklich besser”, sagt Garci dazu. “Hinzu kommt, dass dadurch einige Prüfungen näher aneinander liegen. Also noch mehr Stress.” Ähnlich beurteilen das die Verfasser einer weiteren Petition, die eine Verschiebung um mindestens ein bis zwei Wochen mit einer entsprechenden Entzerrung der Prüfungstermine fordern.

Mit den bisherigen Reaktionen aus der Politik sind die Schüler alles andere als zufrieden. “Wir haben uns an den Hamburger Schulsenator Ties Rabe gewandt, in der Hoffnung dass man uns zuhört”, sagt Garci. “Wie man seiner Antwort entnehmen kann, ist dies nicht passiert. In einer Pressemitteilung hat er geschrieben, dass die Abitur-Prüfungen stattfinden werden, weil ‘vergleichbare Maßstäbe über die Jahrgänge hinweg’ gebraucht werden. Das ist in meinen Augen ein Widerspruch in sich, denn die vergleichbaren Maßstäbe sind nicht gegeben, diese Situation ist ein Ausnahmefall.”

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