Diesel-Skandal bei Illner: Geisterfahrer, ein reumütiger VW-Boss und viel dicke Luft

Mila Lemke
Freie Autorin

Maybrit Illner fragt: „Politische Geisterfahrt – wer zahlt für den Diesel-Skandal?“ Es geht um die Zukunft der Autoindustrie, um enttäuschte Autobesitzer, um Fahrverbote.

Der Diesel-Skandal war das Thema bei Maybrit Illner (Bild: ZDF)

Sie diskutierten:

Cem Özdemir (Grüne), Vorsitzender des Verkehrsausschusses im Bundestag.

Herbert Diess, VW-Chef

Helge Braun (CDU). Der Chef des Bundeskanzleramtes will, dass manipulierte Autos kostenlos nachgerüstet werden, bis sie wieder überall fahren dürfen.

Claudia Traidl-Hoffmann, leitet in München ein Institut für Umweltmedizin. Sie glaubt: Die Schadstoffe machen uns alle krank.

Matthias Schmitz, VW-Geschädigter – und mittlerweile Stammgast. Er war schon bei Illners letztem Diesel-Talk vor drei Wochen dabei. Von VW ist er bitter enttäuscht.

Cerstin Gammelin, Wirtschaftsjournalistin bei der „Süddeutschen Zeitung“. Überzeugte Nicht-Autobesitzerin…

Cem Özdemir plädierte nicht für weniger Autos, sondern für saubere Technik (ZDF)

Die dickste Luft herrschte zwischen…

… dem Grünen Cem Özdemir und Kanzleramtschef Helge Braun. Sie gerieten sich gleich mehrmals in die Haare, – wohl auch mit Blick auf die Wahl in Hessen am Sonntag wirkten beide stets bemüht um die Gunst der Autofahrer unter den Wählern.

„Fahrverbote müssen verhältnismäßig sein“, forderte Braun.

„Hören Sie auf mit den Nebelkerzen!“ legt Özdemir los. Er habe längst aufgehört, all die Dieselgipfel der Regierung zu zählen  „Sorgen Sie dafür, dass die Autos sauberer werden! Investieren Sie auch in andere Verkehrsmittel!“ Die Technik sei längst da, um gefährliche Schadstoffe kleinzuhalten. Seine Devise: Fortschritt statt Fahrverbot. Punkt für ihn, die Zuschauer klatschen brav Beifall.

Der Geläuterte…

… ist Herbert Diess, Vorstandsvorsitzender bei Volkswagen. Seit dem Frühjahr 2018, liegt es an ihm, den Konzern zu verteidigen, zu beschwichtigen, sich zu entschuldigen. Was er in der Talkrunde bei Illner erstmal los wird: Die Debatte ist für ihn mittlerweile „überzogen und emotional“, fern von jeglicher Rationalität.

Wie glaubwürdig seine reumütige Entschuldigung an den „Geschädigten“, den VW-Fahrer Matthias Schmitz, nun gewirkt hat – das muss jeder für sich entscheiden: „Es tut uns leid, was wir Ihnen antun“, gab Diess kleinlaut zu Protokoll. Jetzt liege es an ihnen, „es wieder gut zu machen.“

VW-Chef Herbert Diess gab sich geläutert (Bild: ZDF)

Schwacher Trost…

…für Dieselfahrer wie Matthias Schmitz, der gegen VW klagt. 36.000 Euro legte er auf den Tisch, für seinen VW Tiguan und das Versprechen, ein „sauberes“ Fahrzeug zu kaufen. Sein Vertrauen in die Autoindustrie hat – nachvollziehbarerweise – massiv gelitten. Nachrüstungen? Würden das Problem nicht lösen. Er rechnet vor: Beim Kauf waren die Stickoxid-Emissionen mit 130 Milligramm pro Kilometer angegeben. Tatsächlich war der Ausstoß aber viermal so hoch. Das daraufhin installierte Software-Update machte das Auto um etwa 30 Prozent sauberer. „Doch dann reden wir immer noch über 360 Milligramm, rechtlich zulässig sind für die Art meines Fahrzeugs nur 180 Milligramm“, sagt Schmitz. Hilft also gar nichts. Nun sieht er nicht ein, dass er für eine Hardware-Nachrüstung zahlen müsste, weil sein Auto die Abgasgrenze immer noch nicht schafft.

Peinlich…

…wird es dann, wie VW-Chef Diess den geprellten und enttäuschten Kunden noch als Musterbeispiel heranziehen will. „Sie werden bestätigen: Das funktioniert, der Verbrauch ist sehr vergleichbar“, wirbt er für die Software-Updates. „Und damit haben wir wirklich was gekonnt, und das Fahrzeug ist jetzt absolut legal.“ Rechnen kann der Mann offenbar nicht, zuhören auch nicht. Sein Beschwichtigungsversuch verkommt zur Farce. Menschen wie Schmitz kann er so gewiss nicht trösten.

Beistand und Verständnis…

…kommt hingegen vom Kanzleramtsminister Braun, der an die Verantwortung der Autobauer appelliert: „Wir fordern die Industrie auf, dass sie uns hilft, den Dieselfahrern zu helfen, deren Autos formal völlig in Ordnung sind, die aber jetzt durch Fahrverbote in den Innenstädten bedroht sind.“ Applaus…

Doch danach geht Braun ganz schön plump auf die Jagd nach Anerkennung. Schließlich gebe es eine Reihe von Erfolgen: „Saubere Busse, saubere Innenstädte, Park–and–ride–Systeme – dafür möchte ich auch mal gelobt werden!“

„Mit Steuergeldern“, wirft Illner nur trocken ein.

Und überhaupt: Warum müsse immer der Steuerzahler blechen für Probleme, die durch die Autoindustrie entstanden seien, fragt auch die Wirtschafsjournalistin Cerstin Gammelin. Illner gab die Frage weiter – an Özdemir. Seine Anregungen: Die Kfz-Steuer für große Autos wie SUV gemäß dem Schadstoff-Ausstoß erhöhen, die Subventionen für den Diesel herunterschrauben. „Wir subventionieren derzeit Diesel und zugleich Elektroautos – absurd.“

Allergien, Asthma, Ausschlag…

…und Diabetes, das alles droht uns, wenn es nach der Umweltmedizinerin Claudia Traidl-Hoffmann von der Technischen Universität München geht. Durch all die Schadstoffe, die aus unseren Autos so puffen, werden mehr und Menschen krank – vor allem natürlich in den Städten. Durch die Emissionen, die durch die Haut dringen, werde der Körper anfälliger. Allein in Deutschland sterben laut einer Studie jährlich 6000 Menschen an den Folgen der hohen Stickoxid-Belastung. Düstere Aussichten…