Dirk Steffens: "Verzicht löst unsere Umweltprobleme allein nicht"

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Dirk Steffens ist wieder für "Terra X" unterwegs. Seine Mission: Aufklären über das Artensterben. (Bild: ZDF/Hein von Zijl)
Dirk Steffens ist wieder für "Terra X" unterwegs. Seine Mission: Aufklären über das Artensterben. (Bild: ZDF/Hein von Zijl)

Dirk Steffens weiß, wie es um die Welt und den dringend nötigen Umweltschutz bestellt ist. Der "Terra X"-Wissenschaftsjournalist warnt aber auch: "Wir dürfen nicht die ganze Zeit nur über Klima reden". Warum Verzicht allein keine Lösung und Artenschutz entscheidend sei, erklärte er nun im Interview.

Wie wichtig Klimaschutz ist, weiß kaum einer besser als Dirk Steffens. Seit Jahrzehnten beobachtet er bei seinen Reisen um die Welt die Folgen des Klimawandels - und klärt in seiner ZDF-Sendung "Terra X" (Sonntag, 14,, 21. und 28. November, jeweils 19.30 Uhr, ZDF) darüber auf. Und doch weiß der vielfach prämierte Wissenschaftsjournalist, dass das nicht alles sein kann: "Wir dürfen nicht die ganze Zeit nur über Klima reden. Das greift zu kurz", warnte Steffens nun in einem Interview mit der Nachrichtenagentur teleschau: "Denkt man nur an Klimaschutz, geht an anderer Stelle vielleicht mehr kaputt." Vielmehr müsste man "holistisch denken. Wir müssen die Erde als ein einziges, großes Natursystem denken, in dem alles mit allem zusammenhängt", so der 53-Jährige, der seit Jahren auf die Relevanz der Artenvielfalt hinweist.

"Wir konzentrieren uns so auf das Klima, dass wir das Gefühl bekommen: Wenn wir das lösen, ist alles wieder gut", befindet Steffens. "Das ist definitiv falsch. Klima ist nur ein Aspekt der großen globalen Ökokrise". Man müsse sich grundsätzlich fragen: "Was ist für uns das Wichtigste? Für uns Menschen ist das Wichtigste, dass wir ein gutes Leben führen können. Bei der Beurteilung dessen sollten wir nicht auf abstrakte Messwerte schauen." Denn theoretisch, so der ZDF-Journalist, könne "es menschliche Zivilisation ohne einen einzigen Gletscher auf dem Planeten geben". Aber: "Ohne Artenvielfalt kann kein einziger Mensch leben."

Ohne Biodiversität wäre menschliches Leben nicht möglich, stellt Steffens gegenüber der teleschau klar. Er fasse das Thema gern so zusammen: "Der Klimawandel stellt infrage, wie wir leben. Das Artensterben stellt infrage, ob wir leben". Es gebe eine Hierarchie des Lebensnotwendigen. Er wolle damit aber "den Klimawandel nicht kleinreden - er ist womöglich sogar noch bedrohlicher, als wir es gerade ahnen", so der Gründer der "Biodiversity Foundation": "Aber hinter diesem Monster sitzt ein Mega-Monster, wenn man so will." Schütze man die Biodiversität, sei der Klimaschutz fast schon ein Nebeneffekt davon.

"Es dauert, bis wir Wissenschaft in die Köpfe kriegen"

Doch warum bekommt dann der Klimaschutz so viel mehr Aufmerksamkeit als sein Lebensthema Artenschutz? Hier sieht Dirk Steffens die langsamen Mühlen gesellschaftlicher Debatten am Werk: "An der Klimaschutzdebatte sehen Sie, wie lange es braucht, bis grundlegende wissenschaftliche Erkenntnisse im gesellschaftlichen Diskurs ankommen." Das Artensterben sei als Forschungsthema noch viel jünger: "Es dauert, bis wir Wissenschaft in die Köpfe kriegen", so Steffens gegenüber der teleschau. Zum anderen sei das Artensterben weniger messbar: "Wenn von 50 Insektenarten, die einen Apfelbaum bestäuben, 20 aussterben, kann es sein, dass es keine Auswirkungen gibt - oder dass die Ernte verloren ist." Dies sei schwer vorherzusagen.

Im Interview mit der Agentur teleschau sprach Steffens zudem über das Thema Verzicht für den Umweltschutz. Auch hier fand er klare Worte: "Verzicht bringt keine großen Einsparungen und reicht nicht aus, um die Zukunft nachhaltig zu gestalten." Durch die Einstellung des gesamten Flugverkehrs und eines Teils des Berufsverkehrs sowie durch die reduzierte industrielle Produktion hätte man während der Pandemie etwa sieben Prozent an CO2-Emissionen eingespart: "Also viel zu wenig, um die Klimakrise zu stoppen. Selbst wenn wir alle ab morgen gemeinsam auf alles Mögliche verzichten würden: Verzicht löst unsere Umweltprobleme allein nicht." Dies sei "eine harte, bittere Erkenntnis aus der Krise - aber eine enorm wichtige."

Dies betreffe etwa auch Langstreckenflüge. Mit der Forderung von Organisationen wie "Fridays For Future", darauf zu verzichten, beschäftige er sich persönlich "natürlich viel, weil ich in meinem Beruf auf Fernflüge angewiesen bin", so Steffens. Man merke da, dass der Verzichtswunsch zu kurz greife. Das habe man etwa in Afrika gesehen: "Dort blieben während der Corona-Krise Millionen Touristen aus - und in der Folge brachen große Teile des dortigen Artenschutzes zusammen." Dies sei der Fall, "weil der Tourismus die Naturschutzgebiete finanziert, die Gehälter der Ranger, den Treibstoff für die Geländewagen". So habe man zwar Treibhausgase eingespart - "auf der anderen Seite aber einen riesigen ökologischen Schaden, der möglicherweise größer ist als der Nutzen durch CO2-Einsparung."

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