Diskussion um Impfstoffversorgung nach Astrazeneca-Lieferkürzung verschärft sich

·Lesedauer: 3 Min.
Astrazeneca-Impfstoff

Nach der Ankündigung erneuter Lieferkürzungen beim Corona-Impfstoff von Astrazeneca verschärft sich die Debatte um die Impfstoffversorgung innerhalb der EU. Österreich und vier weitere Staaten forderten Gipfelberatungen zu den "riesigen Ungleichheiten" bei der Impfstoffverteilung. EU-Vizekommissionspräsident Frans Timmermans räumte Versäumnisse bei der Impfstoffbeschaffung ein. Derweil setzte auch Irland die Impfungen mit dem Vakzin des britisch-schwedischen Herstellers wegen möglicher schwerer Nebenwirkungen aus.

Bei der Bestellung der Impfstoffe "sowohl in Brüssel als auch in den Mitgliedstaaten" seien Fehler gemacht worden, sagte Timmermans dem "Tagesspiegel am Sonntag". Er erklärte sich bereit, am Ende der Pandemie Bilanz zu ziehen. In der jetzigen Situation gehe es aber darum, "dass ganz Europa Impfstoff bekommt". Gleichzeitig verteidigte Timmermans die gemeinschaftliche Impfstoff-Bestellung durch die EU. Ein europäisches Vorgehen sei "auch im Interesse der reicheren Staaten" wie Deutschland erfolgt.

Unter Druck gerät die EU-Kommission inzwischen auch wegen der Verteilung der Impfstoffe. In einem Brief an die EU-Spitzen monierten die Regierungen Österreichs, Tschechiens, Sloweniens, Bulgarien und Lettlands "riesige Ungleichheiten" bei der Versorgung der einzelnen Mitgliedsstaaten durch die Pharmaunternehmen.

Sollten diese andauern, drohe eine Verschärfung der "Disparitäten zwischen den Mitgliedstaaten bis zum Sommer", heißt es in dem Schreiben an EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und EU-Ratspräsident Charles Michel. Einige Mitgliedstaaten würden dadurch in die Lage versetzt, binnen weniger Wochen Herdenimmunität zu erreichen, "während andere weit hinterherhinken".

Brüssel müsse deshalb "so bald wie möglich" ein Treffen der EU-Staats- und Regierungschefs einberufen, forderten die fünf Staaten. Ein EU-Sprecher betonte daraufhin, die "Koordination des Kampfes gegen die Pandemie" stehe bereits ganz oben auf der Agenda des EU-Gipfeltreffens Ende dieses Monats.

Zuvor hatte die EU bei der Versorgung mit Corona-Impfstoffen erneut einen herben Rückschlag hinnehmen müssen: Astrazeneca kündigte an, wegen Exportbeschränkungen bis zur Jahresmitte nur noch 100 Millionen Impfdosen an die EU-Staaten zu liefern, darunter 30 Millionen bis Ende März. Ursprünglich wollte Astrazeneca im ersten Quartal dreimal so viel Dosen liefern und 180 Millionen allein im zweiten Quartal. Die EU hat bis zu 400 Millionen Dosen bestellt.

Bereits zu Jahresbeginn hatte es zwischen Brüssel und dem Unternehmen Streit um gekürzte Impfstofflieferungen an die EU gegeben. Staaten außerhalb der EU wie Großbritannien wurden dagegen von Astrazeneca offenbar ohne Einschränkungen weiter beliefert.

Als Konsequenz drohte der Chef der Konservativen im EU-Parlament, Manfred Weber (CSU), Astrazeneca mit einem Exportstopp. "Es entsteht der Eindruck, dass andere Länder gegenüber der EU bevorzugt werden", sage Weber der "Welt am Sonntag". Solange Astrazeneca seine Zusagen nicht erfülle, "sollte die EU einen grundsätzlichen Exportstopp von in der EU produzierten Impfstoffdosen des Unternehmens verhängen".

Unterdessen setzen immer mehr EU-Staaten wegen möglicher schwerer Nebenwirkungen die Impfungen mit dem Vakzin von Astrazeneca aus. Auf Empfehlung der zuständigen Impfkommission stellte das irische Gesundheitsministerium die Impfungen mit dem Astrazeneca-Wirkstoff am Sonntag bis auf Weiteres ein. Es handelt sich demnach um eine Vorsichtsmaßnahme, die nach einem Bericht der norwegischen Arzneimittelbehörde über vier neue schwere Fälle von Blutgerinnseln bei Geimpften ergriffen wurde.

Zuerst hatte Dänemark am Donnerstag die Impfungen mit dem Astrazeneca-Vakzin ausgesetzt. Die dänische Gesundheitsbehörde verwies auf Berichte über schwere Fälle von Blutgerinnseln bei Geimpften. Es sei allerdings noch nicht abschließend geklärt, ob es einen Zusammenhang zwischen den Impfungen und den Gerinnungsstörungen gebe. Später verkündeten auch Norwegen, Island und Bulgarien die Aussetzung der Impfungen mit Astrazeneca. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und die Europäische Arzneimittelbehörde (EMA) halten den Impfstoff dagegen weiterhin für sicher.

ans/gt