documenta in Kassel: Kunstausstellung im Schatten eines Antisemitismus-Streits

Einbrüche und Vandalismus, Rassismus- und Antisemitismus-Vorwürfe: Wenn an diesem Samstag die documenta in Kassel eröffnet, dann ist schon vorher eine Menge passiert. Die Ausstellung, die die nordhessische Stadt alle fünf Jahre in ein Mekka der Kunstszene verwandelt, steht in diesem Jahr tatsächlich unter einem besonderen Stern. Doch der Reihe nach:

Zum ersten mal seit dem Stadt 1955 wird die Ausstellung nicht von einer Einzelperson kuratiert, sondern von einem Kollektiv, und zwar der Gruppe Ruangrupa aus Indonesien. Die Gruppe traf gleich mehrere Entscheidungen: so spielen dieses Mal vor allem Künstler aus dem globalen Süden die Hauptrolle auf der documenta. Das bringt einen neuen Fokus in die Ausstellung, die ansonsten viele Künstler aus Europa und den USA zeigt.

Einen Schwerpunkt will das Künstlerkollektiv Ruangrupa auf die indonesische Lumbung-Architektur legen. "«lumbung" ist in dem Inselstaat das Wort für eine gemeinschaftlich genutzte Reisscheune, in der die überschüssige Ernte zum Wohle der Gemeinschaft gelagert wird. Diese Tradition des Teilens Ruangrupa auf die Weltkunstausstellung in Kassel übertragen. Die Generaldirektorin der documenta, Sabine Schormann, kündigte kürzlich an, die Besucherinnen und Besucher erwarte eine vielfältige, experimentelle, auf kollektiven Prozessen aufbauende Schau. "Man wird die documenta fifteen als einen sinnlichen Ausstellungsbesuch mit - unter anderem - Malerei, Installationen, Filmen oder auch Musik und Performance erleben können."

Insgesamt sind 32 Ausstellungsorte in den Kasseler Stadtteilen Mitte, Nordstadt und Bettenhausen sowie an und auf der Fulda mit angrenzenden Arealen wie Karlsaue oder Hafen geöffnet. Neben den klassischen Spielorten wie dem Museum Fridericianum und der documenta-Halle sind darunter ein Bootsverleih, ein ehemaliges Firmengelände sowie ein altes Hallenbad.

Soweit die Planung. Ende Mai dann, der Eklat. Unbekannte brachen in einem Ausstellungsort der documenta ein und hinterließen Schmierereien. Die Polizei ermittelte wegen Sachbeschädigung, die Veranstalter teilten mit, man nehme das Ganze sehr ernst.

Hintergrund war eine wochenlange Antisemitismusdebatte um die Ausstellung. Ruangrupa war vorgeworfen worden, dass auf der documenta auch Organisationen eingebunden seien, die den kulturellen Boykott Israels unterstützten oder antisemitisch seien. Das Kollektiv und andere Beteiligte wiesen die Anschuldigungen zurück. Dennoch schlugen die Wellen in der Diskussion hoch. Der Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, Volker Beck, forderte eine Stellungnahme von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier.

Und diese Stellungnahme wird es wohl geben. Steinmeier wird die Ausstellung am Samstag Vormittag eröffnen, die documenta-Halle besuchen und dort eine Rede halten. Der Bundespräsident hatte am Donnerstag während eines Staatsbesuchs in Indonesien angekündigt, in seiner Ansprache mit Blick auf die Antisemitismus-Debatte im Vorfeld der Schau die Grenzen der Kunstfreiheit aufzeigen zu wollen."Völlig klar ist: Kunst ist streitfrei nicht zu haben. Kunst darf und muss anstößig sein, muss Impulse geben in die Gesellschaft hinein. Kunst muss Dialoge und Diskussionen auslösen", hatte Steinmeier am Donnerstag betont. "Aber ebenso klar ist, dass Debatten, Beiträge und die Botschaften auch Grenzen haben können. Über diese Grenzen wird zu sprechen sein."

Zur documenta in Kassel werden bis zu eine Million Besucher erwartet. Die Schau geht bis zum 25. September.

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