Dokumentation über Mossul: Chaos nach dem Krieg

Jungs fahren auf einem Pferde-Anhänger durch Trümmerschluchten. Vielerorts ist Mossul noch vollständig zerstört. Foto: Screenshot / ARTE

Vor fast genau zwei Jahren wurde Mossul vom Islamischen Staat befreit. Damit endeten neun Monate andauernde Kämpfe. Heute ist die zweitgrößte irakische Stadt zumindest offiziell wieder unter Kontrolle der Regierung. Doch die Auseinandersetzungen haben tiefe Spuren hinterlassen. Bis heute sind zudem viele Fragen unbeantwortet: Wer kümmert sich um den Wiederaufbau? Wer hat eigentlich die politische Führung inne? Wer restauriert das zerstörte Kulturerbe? „Mossul, nach der Schlacht.“

Neun Monate wurde in Mossul unerbittlich gegen den Islamischen Staat gekämpft. Der hatte die Zwei-Millionen-Stadt für die symbolische Ausrufung seines Kalifats missbraucht. Am 10. Juli 2017 wurde der IS besiegt, doch die „schwerwiegendsten Kampfhandlung seit dem Zweiten Weltkrieg“ haben Verwüstungen in der ganzen Stadt hinterlassen. Sichtbare und unsichtbare.

Seither versuchen internationale wie nationale Organisationen, Politiker und Einwohner Mossul wiederaufzubauen. Die Dokumentarfilmerin Anne Poiret hat dabei ein Jahr lang zahlreiche Menschen begleitet. Und daraus den eindrücklichen Film „Mossul, nach der Schlacht“ gemacht.

Wer hat das Sagen in der Stadt?

Die Dokumentation beginnt mit zwei Männern, die durch „Jahrhunderte in Schutt und Asche“ laufen. Straßen, die sich durch Trümmerberge drängen, überall Steine zu Staub zermahlen. Verwesung und Tod liegen in der Luft, auch Monate später noch, sagt einer der Männer. Es ist Anfang des Jahres 2018.

Um ein IS-Mitglied zu töten, töteten sie 100 Zivilisten, sagt der andere. Er hält Ausweis-Papiere in die Kamera. Das war meine Frau, sagt er. Das war mein Liebling, sie sind alle tot. Ich wäre am liebsten mit ihnen gestorben. Wer kümmert sich um uns? Wo ist der Staat? Bei einer Katastrophe kommt man den Menschen zu Hilfe.

"Sie war mein Liebling", sagt ein Mann und zeigt Ausweispapiere zahlreicher Opfer, die vom IS getötet worden waren. Foto: Screenshot / ARTE

Ein Monat später: Weiter geht es mit einer Auseinandersetzung um Chirurgen Muzahim Al-Khyat, er ist zudem Präsident der Universität Ninive und eine angesehene Persönlichkeit. Er sagt, für den Wiederaufbau fehlt jegliche Transparenz und Systematik. Ihm gegenüber steht Nawfal Al-Sultan, Gouverneur der Stadt und unter Verdacht, korrupt zu sein. Al-Khyat sagt, der Gouverneur würde Aufträge willkürlich verteilen, um Geld abzuzweigen. Der wiederum sagt, nur mit ihm würde die Stadt wiederaufgebaut.

Die beiden ringen darum, Ansprechpartner für internationale Geldgeber, wie die UNESCO zu sein, um Geld nach Mossul zu lenken – das dringend benötigt wird für Schulen, Krankenhäuser, Universitäten, Wohnungen. Oder: für die eigene Tasche. Doch die Interessenlagen sind schwer zu vereinen: Die UNESCO möchte die geschichtsträchtigen und jahrhundertealten Gebäude wiederaufbauen, möchte den Stil der Stadt wahren. Doch Entwürfe für neue Bauten entsprechen nicht den Vorstellungen. Zudem ist nicht sicher, wer das Sagen in der Stadt hat. Auf wen hören die Einwohner, wem vertrauen sie und wem trauen sie den Aufbau zu?

Noch immer Morde und Attentate

Auch wenn die Schlachten in Mossul beendet sind, droht doch immer neue Gewalt: Zwischen Schiiten und Sunniten, es gibt bewaffnete Milizen. Zudem lauern Schläfer-Zellen in der Stadt, IS-Kämpfer haben sich vor der Niederlage unter die Flüchtlinge gemischt und leben seither inmitten der Bevölkerung. Es gibt Attentate, Morde.

Nawfal Al-Sultan, der Gouverneur der Stadt, wurde nach Beendigung der Dokumentation seines Amtes erhoben. Foto: Screenshot / ARTE

Eine verschleierte Frau, Anhängerin des IS, sagt, natürlich werden sich ihre Kinder rächen für die Niederlage. Der Hass wächst mit ihnen heran. Der Dschihad werde wiederkommen. Sie wünsche sich, dass der IS zurückkommt.

Noch immer werden unzählige Menschen vermisst. Frauen, Mütter, Kinder, Väter, Brüder suchen nach ihnen. Oft am Gerichtsgebäude von Mossul, dort hängen Listen mit Namen. Darunter Verschollene, Tote. Ein Junge sagt: Ich bin hier wegen meines Vaters. Am 21. Januar 2017 wurde er vom IS verhaftet. Seither habe ich nichts mehr von ihm gehört. Ich hoffe, dass wir ihn wiederfinden.

Unübersichtliche Gemengelage in Mossul

Es gibt ein Sondergericht für Verschleppung und Märtyrertod – dort können Hinterbliebene Anzeige erstatten gegen die Taten des IS. Meine Söhne wurde im Januar 2017 vom IS gefangen, sagt eine Mutter. Später sagt sie: Wenn ich ein Vogel wäre, könnte ich losfliegen und sie suchen. Ich habe niemanden mehr. Meine Eltern sind gestorben, mein Mann auch. Meine Söhne sind weg. Das ist mein einziger Wunsch, sie wiederzufinden.

Ein Militär bewacht Abgesandte der UNESCO. Die fordert, dass für die Wiederaufbau die originalen Steine der jahrhundertealten Gebäude benutzt werden. Foto: Screenshot / ARTE

Zuletzt sind Kinder zu sehen, die auf den Schuttbergen der Stadt herumklettern. Sie suchen zwischen Müll und Leichen nach irgendwas, was sich zu Geld machen lässt. Viele rauchen. Ein Mann sagt: Hier werden keine Kinder mehr ausgebildet, keine Frauen mehr emanzipiert. Das Leid der Einwohner von Mossul wird so bald kein Ende finden.

Die Dokumentation ist dicht und nah inszeniert. Viele der Protagonisten bekommen keine Namen, sie sagen, was sie zu sagen haben, stehen stellvertretend für Unzählige. Es gibt zudem keinen Sprecher, der erklärt. Das ist bisweilen kompliziert, nimmt dem Gesehenen aber weiter Distanz. Politiker, internationale Vertreter, Opfer, Täter – alle Seiten und Interessen kommen zu Wort und lassen eine unübersichtliche Gemengelage in Mossul zutage treten.

Wenig war in den letzten Monaten über Mossul, seitdem nicht mehr gekämpft wird, zu sehen und zu hören. Doch die Kämpfe werden noch Jahre oder gar Jahrzehnte nachwirken – das macht der Film von Anne Poiret auf brutale Weise klar.