Dokumentation und „scobel“ über die Angst vor den Fremden

Mila Lemke
Freie Autorin
Die Wissenschaftsdokumentation “Furcht vor den Fremden” dreht sich um die Frage: Was können wir gegen die Angst vor Anderen tun? Foto: 3sat Screenshot

Fremden- und Judenhass scheinen in Europa zuzunehmen. Von einem neuen Antisemitismus und einer Zunahme des Rassismus ist die Rede. In Deutschland sitzt die AfD in allen Landtagen, Muslime und Juden werden angefeindet, die Gewalttaten gegen Minderheiten steigen. Doch woher kommt unsere Angst? Und was können wir dagegen tun? Die Dokumentation „Furcht vor dem Fremden“ erklärt anschaulich, warum bestimmte Gruppen zum Feindbild werden und wie wir Vorurteile überwinden können. Anschließend diskutiert Gert Scobel in der Gesprächssendung „scobel“ über den neuen Antisemitismus. Nur leider wird in der Talkshow genau das, was die Gäste kritisieren, betrieben: Ausgrenzung. Dabei wäre es wichtig, das Thema für alle zugänglich zu machen.

Warum grenzen wir aus?

Das Gehirn sortiert die Welt automatisch. Es ordnet Menschen entweder der eigenen oder einer fremden Gruppe zu. So wird ein Wir-Gefühl kreiert. Deutsche vs. Ausländer. Christen vs. Juden. Man konzentriert sich auf die Anderen und übersieht, dass manche Ausländer oder Juden einem selbst vielleicht näher sind als manche Deutsche. Denn in jeder Gruppe gibt es Unterschiede – andere Haarfarben, andere Hobbys oder eine andere Bildung. Die Historikerin Miriam Rürup erklärt bei scobel: „Ich sehe nicht den Antisemitismus als Problem, sondern die Gesellschaft, die nicht damit umgehen kann, dass wir keine homogene Gruppe sind.“

Woher kommt unsere Angst?

Schon der Homo sapiens war in Gruppen unterwegs und beäugte alles Fremde misstrauisch. Früher hing davon das Überleben ab, denn Fremde stahlen oft lebensnotwendige Ressourcen oder übertrugen Krankheiten, die das eigene Immunsystem nicht abwehren konnte. Der niederländische Evolutionsforscher Mark van Vugt erklärt in der Doku: „Nur in der eigenen Gruppe war man sicher. Das Misstrauen war von existenzieller Bedeutung.“ Und die Furcht vor dem Fremden ist bis heute geblieben. Sie gehört zu den Urängsten, die Rechtspopulisten systematisch ausnutzen, indem sie einen bestimmten Teil in unserem Gehirn ansprechen.

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Wie das funktioniert, erklärt die Psychologin Beate Küpper anhand von zwei Versuchsgruppen. Sie zeigt jeweils unterschiedliche Bilder von Griechenland – einmal ein idyllisches Bild, einmal eines von einer Demonstration während der Finanzkrise  und fragt: „Wie sind die Griechen?“ „Entspannt“, sagt die eine Gruppe, „angespannt, wütend, kämpferisch“, die andere. Küpper erklärt: „Das Gehirn ruft Dinge ab, die mit negativen oder mit positiven Sachen zusammenhängen.“ Und bei Parolen von Pegida werden eben unsere Urängste abgerufen. Vorurteile sitzen tief, sie lassen sich nicht durch Fakten oder Aufklärung ausräumen. Doch kann man dann überhaupt etwas gegen Fremdenhass tun? Oder werden wir schon mit der Angst vor den Anderen geboren?

Michel Friedman, Miriam Rürup und Armin Nassehi diskutieren mit Gert Scobel über den neuen Antisemitismus. Foto: 3sat Screenshot

Werden wir schon ängstlich geboren?

Manche Kinder sind ängstlicher als andere. Sie haben keine sichere Bindung zu ihrer Mutter und werden schneller aggressiv, so der Sozialwissenschaftler Klaus Wahl. Eine Studie mit fremdenfeindlichen Gewalttätern zeigt, dass sich die Aggression von Kindern im Jugendalter gezielt gegen Ausländer richtet. Kinder merken früh, dass Erwachsene unterschiedlich bewerten. Beispielsweise, wenn die Mutter abwertend über das spricht, was die Nachbarn da kochen oder feststellt, dass muslimische Frauen alle ein Kopftuch tragen. Die Kinder übernehmen die Kategorien. Mit fünf Jahren bewerten sie ihre Gruppe bereits anders.

Wahl erklärt auch, dass vielen fremdenfeindlichen Gewalttätern die Fähigkeit, Emotionen von Anderen richtig zu interpretieren, fehlt. Sie sehen in allem eine Bedrohung, auch in Menschen, die ganz normal aussehen, und gehen sofort in Verteidigungshaltung. Um Sicherheit zu bekommen, bilden sie Gruppen, in denen sie sich vermeintlich mit Gleichgesinnten wiederfinden. Pegida ist eine davon.

Welche Auswirkungen hat die Angst?

In Europa ist Fremden- und Judenhass wieder salonfähig. In Ungarn ehrte die Koalition unter Premierminister Viktor Orbán den Verantwortlichen für die Deportation Hunderttausender Juden, Miklós Horthy. In Polen dürfen Museen nicht über die eigene Mitschuld an der Judenvernichtung berichten. In Deutschland sitzt die AfD in allen Landtagen. Die Demokratie bekam einen Knacks, die Menschenrechte sind nicht mehr unantastbar. Bei scobel sagt der Jurist Michel Friedman: „Beim Judenhass wird die Entrechtung des Menschen gleich mitgeliefert.“

Rechtsextreme sehen Juden oder Muslime nicht als Menschen. Und in der Ideologie von rechten Parteien finden sie eine Legitimation für ihre Gewalttaten. Sie wähnen sich im Recht, je mächtiger die Fraktionen sind. So gab es in Berlin einen Zuwachs von vierzehn Prozent bei antisemitischen Vorfällen. Doch vor allem die Art des Antisemitismus hat sich geändert. Er ist jetzt gewalttätiger, direkter. Doch die Historikerin Miriam Rürup warnt bei scobel, dass man die Statistik nicht isoliert betrachten darf. Die Gewaltbereitschaft steige allgemein – zum Beispiel auch gegen Obdachlose.

Was kann man gegen die Angst vor dem Fremden tun?

Damit Kinder später weniger aggressiv werden, hat eine Bremer Grundschule ein Programm aus Kanada eingeführt. Neun Mal kommt eine Mutter mit ihrem Baby vorbei, um so die Empathie der Kinder zu stärken. Neugierig krabbelt das Baby auf die Kinder zu und grabscht einem Jungen ins Gesicht. „Glaubt ihr, dass das Baby euch wehtun will?“, fragt die Gruppenleiterin Jacqueline Genssler. „Ne, es will nur wissen, wer man eigentlich ist“, meint eine Schülerin. Dass „Roots of Empathy“ – „Wurzeln zur Empathie“ Kinder einfühlsamer werden lässt, wurde wissenschaftlich bewiesen.

Besuch in einer Bremer Grundschule: Der sechsmonatige Jessi lehrt die Schüler emotionale Kompetenz. Foto: ZDF und Spiegel TV

Menschen haben vor allem dann Vorurteile, wenn sie isoliert von anderen Gruppen leben. Sobald sie Erfahrungen mit Juden oder Ausländern machen, revidieren sie ihre Ansichten. „Deshalb ist der Kontakt immer noch der Premiumweg zur Prävention“, glaubt der Entwicklungspsychologe Andreas Beelmann. „Rent a Jew – Mieten sie einen Juden“, wirbt deshalb die Europäische Janusz Korczak Akademie provokant. Und tatsächlich für mehrere Stunden kann man einen Juden kostenlos zu sich einladen. Der Akademie geht es darum, über ihre Kultur aufzuklären und Vorurteile auszuräumen. Der Soziologe Armin Nassehi äußert sich bei scobel über diesen Weg allerdings kritisch: „Damit wird man eher bestätigt, wenn da jemand auftaucht, der als Fremder definiert ist.“ Auch er findet den Kontakt untereinander wichtig, aber nicht indem man als „der Andere“ auftritt.

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Viel wichtiger ist es, dass jeder sein Verhalten reflektiert und auf andere zugeht, denn nur so können Vorurteile abgebaut werden. Wir sind unseren Gefühlen nicht hilflos ausgeliefert. Das ist die zentrale Botschaft der Dokumentation, die einen zum Nachdenken bringt. Denn selbst wenn man glaubt, keine Vorurteile zu haben, sind sie doch unsichtbar vorhanden. Leider war die anschließende Gesprächsrunde eher eine Auffrischung von Fachbegriffen anstatt eine Diskussion darüber, was sich gegen den neuen Antisemitismus unternehmen lässt. Mit vielen Worthülsen wurde ständig das Gleiche gesagt. Und Gert Scobel verpasste es, die Satzkonstrukte zu entkleiden und in einer einfachen Sprache zusammenzufassen. So passierte genau das, was die Gäste kritisierten: eine Ausgrenzung von Gruppen. Und zwar, indem Informationen einem nicht-studierten Kreis nur schwer zugänglich gemacht wurden. Dabei sollte die Botschaft, was jeder gegen Fremden- und Judenhass tun kann, alle erreichen. Denn wie es in der Dokumentation und in scobel abschließend heißt: Eine Gesellschaft ohne Vorurteile ist vielleicht nicht möglich, aber eine Gesellschaft mit weniger Vorurteilen schon.

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