"Drachenlord": Vom verhassten YouTuber zum verurteilten Schläger

·Lesedauer: 5 Min.

Am Donnerstag wurde der umstrittene YouTuber "Drachenlord" wegen gefährlicher Körperverletzung und anderen Straftaten zu zwei Jahren Haft verurteilt. Doch die Taten kamen nicht aus dem Nichts, denn seit Jahren wird Rainer Winkler, so der bürgerliche Name des 32-Jährigen, im Netz massiv angefeindet und beleidigt - woran er selber jedoch auch nicht ganz unschuldig ist.

Der wegen Körperverletzung verurteilte Youtuber
Der wegen Körperverletzung verurteilte Youtuber "Drachenlord". (Foto: Daniel Karmann/dpa)

2011 öffnete Rainer Winkler einen Kanal auf der Video-Plattform YouTube. In den Clips, die er doch hochlud sprach er über verschiedene Themen, die ihn interessieren, wie Metal, Animes oder Nordische Mythologie und berichtete in Vlogs über seinen Alltag.

Viele seiner Videos wurden kritisiert, sei es aufgrund ihrer schlechten Qualität, den teils extremen Ansichten, die Winkler darin kundtat oder auch schlichtweg wegen seiner Person, seinem Aussehen, seinem Gewicht und seinem Dialekt. Auf den Hass reagierte Winkler selbst wiederum mit drastischen Worten und bald wurde das Thema zum Hauptmotiv seiner Videos.

"Er fordert es heraus"

Immer wieder widmet er sich aufmerksamkeitserzeugend seinen Hatern und ihrer Kritik - und sorgte damit für noch mehr Ablehnung. Einer seiner Gegner, der am Donnerstag im Gerichtssaal saß, begründet seine Abneigung so: "Er fordert es heraus." Er sei respektlos, rede mit den Leuten von oben herab. Ein anderer zählt auf, was der "Drachenlord"" in der Vergangenheit so alles von sich gegeben habe - und gibt dann zu: "Es sind alles Nichtigkeiten, aber wenn die alle zusammenkommen..."

Er habe sich, durch Influencerinnen und Influencer, die auf ihn reagierten, die mediale Berichterstattung, die Zuschauenden und nicht zuletzt durch ihn selbst, eine Art negative Marke aufgebaut, erklärt Medienwissenschaftler Christian Gürtler von der Universität in Erlangen. Zusätzlich sei der Fall Rainer Winkler auch "ein absolut herausragendes Beispiel von Hass im Netz weil dieser auch offline weitergeht."

Prozess unter anderem wegen gefährlicher Körperverletzung

Denn 2014 goß der "Drachenlord" noch einmal Öl ins Feuer, als er seine private Adresse veröffentlichte. Gleichzeitig forderte er seine Gegner auf, ihm persönlich einen Besuch abzustatten, damit er ihnen eine Lektion erteilen könne. Seitdem ist das beschauliche 40-Einwohner-Dörfchen Altschauerberg, in dem Winkler wohnt, alles andere als beschaulich: Mehrmals täglich muss die Polizei wegen Ruhestörung, Hausfriedensbruch und anderer Anzeigen ausrücken.

Regelmäßig tauchen Schaulustige vor dem Haus des Videobloggers auf, um einen Blick auf ihn zu erhaschen, Selfies zu machen - und um ihn zu provozieren. Weil er in mehreren Fällen nach gegenseitigen Beschimpfungen handgreiflich wurde, stand der 32-Jährige jetzt unter anderem wegen gefährlicher Körperverletzung in Nürnberg vor Gericht.

Nacheinander verlas die Staatsanwältin sieben Anklageschriften für Vergehen von 2019 bis 2021, die der Youtuber in großen Teilen einräumte: Es treffe zu, dass er einen Mann vor seinem Haus mit einer Taschenlampe attackiert und an der Stirn verletzt habe, sagte der 32-Jährige. Einen anderen habe er in den Schwitzkasten genommen und geschlagen. Auch Polizisten habe er beleidigt.

"Drachenlord" Täter und Opfer zugleich

Nun ist das Urteil gefallen: Der "Drachenlord" muss für zwei Jahre in Haft. Doch die zuständige Richterin betont am Donnerstag bei der Urteilsverkündung in Nürnberg: "Dieses Verfahren ist ein trauriges Beispiel dafür, welche Folgen Hass und Mobbing im Internet haben". Der Angeklagte sei Täter und Opfer zugleich.

Denn auch wenn es Winkler ist, der nun in Haft muss und auch, wenn er polarisiert und auch provoziert hat, muss man sagen, dass der Hass gegen ihn wirklich besorgniserregende Ausmaße angenommen hat. Die Schaulustigen, die bei ihm zuhause auftauchten, sind dabei tatsächlich nur die Spitze des Eisbergs.

Hass-Kultur um den "Drachenlord"

Um Rainer Winkler hat sich eine regelrechte Hass-Kultur gebildet, die selbsternannten "Haider", eine Anspielung auf die oft falsche Aussprache von Winkler selber. In Internetforen und auf Social Media, wie Twitter oder YouTube sammeln sich hunderte Menschen, um sich seit Jahren regelmäßig über den 32-Jährigen lustig zu machen. Doch das reicht einigen Hatern anscheinend nicht, denn es kam bereits zu mehreren Straftaten gegen Winkler, wie das Portal "pluspedia" zusammenfasst. Unter anderem wird über Schädigung des Grabes seines Vaters, Vandalismus, üble Nachrede oder Hausfriedensbruch berichtet, und selbst Polizei und Stadtverwaltung waren teilweise mit der Situation überfordert.

Außerdem wurde der Drachenlord 2015 zum ersten deutschen Opfer des sogenannten "Swatting", wie "Vice" berichtet. Während eines Live-Streams stürmte plötzlich die Feuerwehr sein Haus - denn ein Hater hatte einen Notruf vorgetäuscht. Auch wenn der Fall noch glimpflich ausging, denn es kann durchaus passieren, dass aufgrund des falschen Notrufs die herbeigerufenen Kräfte Opfer des "Swattings" verletzen, wurden die Täter hart bestraft: Der 24-jährige Hauptverantwortliche wurde zu drei Jahren und fünf Monate Gefängnis verurteilt.

Aktives Mobbing gegen Winkler im und außerhalb des Netz

Neben tatsächlich strafrechtlich relevanten Taten, kam es auch zeitweise zu menschlich sehr zweifelhaften Aktionen der "Haider". So hielt Winkler zum Beispiel 2015 in einem Live-Stream um die Hand seiner Online-Freundin an - die die Beziehung jedoch nur vorgespielt hatte und den "Drachenlord" öffentlich bloßstellte.

Im Sommer 2018 dann kamen mehrere Hundert Menschen zu einer Hass-Demo gegen den YouTuber zusammen. Zuvor hatten meist anonyme Nutzer in den sozialen Medien zu der Veranstaltung aufgerufen. Die Polizei musste einschreiten, sie sprach 300 Platzverweise aus. Ein Polizist sei bespuckt und beleidigt worden, einzelne Teilnehmer hätten Böller geworfen, so dass die Feuerwehr einen kleinen Wiesenbrand löschen musste. Zudem habe es Schmierereien an einem Bushäuschen gegeben.

Wiederholt wurde Rainer Winkler auch fälschlicherweise als Täter von Straftaten, wie dem Anschlag im Olympia-Einkaufszentrum in München oder erst kürzlich der Gewalttat im norwegischen Kongsberg dargestellt. In beiden Fällen schaffte es die Falschmeldung inklusive Bilder von Winkler in einige internationale Berichterstattungen über die Taten.

Künftig will Winkler weniger aktiv im Netz sein

Trotz all dem: Die Finger gänzlich vom Internet lassen, das kommt für den "Drachenlord" nicht infrage. Im Prozess kündigt er an, dass er sein Haus inzwischen verkauft habe und aus Altschauerberg wegziehen werde. Er plane aber, künftig weniger aktiv im Internet zu sein. Das Urteil könnte seine YouTube-Karriere vorerst beenden. Es ist jedoch noch nicht rechtskräftig.

(mit dpa)

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