Drama-Start von "Queen of Drags": So verunsichert hat man Heidi Klum noch nie gesehen

Maximilian Haase
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Drama-Start von "Queen of Drags": So verunsichert hat man Heidi Klum noch nie gesehen

Glitzer, Tränen - und jede Menge Drama: Die erste Folge der neuen ProSieben-Show "Queen of Drags" hatte es in sich. Neben den grandios schrillen Outfits der zehn Drags gab es aber auch Politisches zu sehen - und eine ungewohnt verunsicherte Heidi Klum.

Es war bunt, es war schrill, es war dramatisch - und vor allem bestimmt von wahnsinnig aufwendigen, faszinierenden Outfits: Die erste Folge der neuen ProSieben-Show "Queen of Drags" hat die Erwartungen (und so manches Klischee) vollends erfüllt. Dabei hatte die erste große Mainstream-Castingshow für Drag Queens in der queeren Community im Vorfeld für große Debatten gesorgt. Stein des Anstoßes war Jury-Mitglied Heidi Klum, die nach Ansicht einiger Drags und Queers als Hetero-Frau, die normalerweise bei GNTM junge Mädchen nach den Maßgaben der Schönheitsindustrie castet, für ein solches Format die Falsche sei. Doch die Sendung zeigte sich politisch sensibel, offen für die Kritik - und Heidi überraschend unsicher.

Gemeinsam mit Bill Kaulitz, dem Bruder ihres Ehemannes Tom, und Ex-ESC-Gewinnerin Conchita Wurst traf Heidi auf zehn wahnsinnig unterhaltsame Kandidatinnen, die in der ersten Folge vor allem erst einmal dem Publikum, der Jury und einander vorgestellt wurden. Dafür ging es zunächst, wie in GNTM, in eine Luxus-Villa im Kalifornischen, in der die überaus unterschiedlichen Drags sich über mehrere Wochen hinweg dem Zusammenleben, aber auch wiederkehrenden Mode-Challenges stellen müssen. "Wir haben keinen Aufzug", so die erste Ernüchterung beim Einzug, der für die mit dutzenden Koffern beladenen Bewohnerinnen, nicht einfach wurde. Drag ist harte Arbeit, wie die erste Folge zeigte, aber vor allem viel Party, Glitzer und Spaß: "Es wurde unglaublich viel geflirtet", ließ Bill Kaulitz schon vor der Premiere durchblicken - es sei wohl "das schwulste Set, das es jemals gab".

"Vorne klingeln kann jeder - wir gehen durch den Hintereingang", kündigte Conchita dann auch direkt den Überraschungsbesuch bei den Kandidatinnen an, deren "Verwandlung" am Anfang der Sendung in hübschen Vorher-Nachher-Aufnahmen für Staunen sorgte. Im Haus gab sich Heidi Klum zunächst angesichts des Chaos streng: "Ich habe vier Kinder zu Hause und in deren Zimmern sieht es aufgeräumter aus". Kandidatin Bambi Mercury, die mit Bart und Königinnenkostüm "noch schwuler als Freddy Mercury" wirken will: "Wenn ich ehrlich bin, habe ich vor Heidi ein bisschen Angst." Auch andere äußerten ihren "unfassbaren Respekt", schließlich sei es auch ein "Mädchentraum", die Moderatorin zu treffen.

Doch dann die Überraschung: Heidi Klum gab sich, anders als sonst, sichtlich nervös und unsicher - die Kritik im Vorfeld schien sie sich zu Herzen genommen haben. Nach politischem Empowerment ("Es wird Zeit, dass auch Deutschland mal etwas moderner wird") fragte die GNTM-Chefin in die Runde: "Was ist, wenn ich mir meine Augen mal etwas anmale?". Sie wolle schließlich nicht, dass die Community verärgert reagiert. Nach einer scherzhaften Antwort ("Dann sagen alle: Die ist ne Schlampe") beruhigten die Drags Heidi: "Ich finde es nicht schön, dass sich die Community so angestellt hat", hieß es. Man solle nicht mit Steinen werfen, wo man schon eine kleine Minderheit sein. Die noch immer grassierende Ablehnung der Drag Queens, auf der Straße und im Netz, war immer wieder Thema der Show: "Wir haben sehr viel dafür gekämpft", sagte die älteste und erfahrenste Teilnehmerin Catherrine Leclery (48) , die sich an "starken schwarzen Frauen" orientiert und meint: "Du musst Eier haben."

Erste Dramen

Wie man letztere sowie andere primäre männliche Geschlechtsmerkmale für die betont femininen Drag-Kostüme am besten versteckt (mit einem besonderen Slip nämlich), erfuhr man in der ersten Show ebenso wie die zum Teil hochdramatischen Familiengeschichten der Queens. So etwa jene der überaus selbstbewussten Katy Bähm ("Zähle mich zu den drei schönsten Drag Queens Deutschlands"), die laut Eigenaussage als "türkischer Junge" aufwuchs. Der Vater habe sich seit dem Outing vollends entfernt: "Das tut einem schon weh". Denn: "Man will nur akzeptiert werden." Bei anderen, wie der sich düster inszenierenden Aria Adams (eine Mischung aus Arya Stark aus "Game of Thrones" und der Adams-Family), besuchte der Sender für die Show sogar die Familie.

Und dann wurde es ernst: Nicht nur folgte das erste Drama um die Zimmerbelegung ("Sie ist sehr unsensibel"), sondern auch das gegenseitige Abchecken der Tanz- und Styling-Skills im großen Saal der Villa: "Ich kann mich gar nicht bewegen", ärgerte sich Bambi Mercury, während sich die brasilianischstämmige Catherrine freut: "Die sind gut. Aber ich bin sehr gut". Dahingegen die in Spanien geborene Janisha Jones, die in einer WG mit kleinen Kätzchen lebt: "Ich probe gar nicht, weil ich schüchtern bin". Alles in allem stand für so manchen fest: "Die Krallen sind ausgefahren. Wir suchen anscheinend keine Freunde hier." Das zeigte sich auch beim abendlichen Barbecue ("Es gab nur Salat, obwohl wir Männer sind, die Fleisch wollen"), als Katy Bähm der Dienstältesten etwas zu direkt mitteilte: "Catherrine ist halt alt. Da weiß man nicht: Kannst du dich überhaupt noch bewegen?" - Kurzer Schock und Konflikt, dann war es wieder gut.

Streit gab es auch am nächsten Tag bei der stundenlangen Vorbereitung im glamourösen Schmink- und Ankleideraum: Katy warf ein Glitzerfässchen um, was so mancher gar nicht toll fand: "Du verschüttest den Scheiß, und ich muss es wegmachen." Andere nahmen es lockerer: "Schwuppen, die sich über Glitzer streiten ..." - und die anscheinend allgemeingültige Weisheit: "Es gibt die größten Dramen zwischen Drag Queens". Der Zuschauer konnte noch viel mehr lernen - etwa: "Augenbrauen sind die Nippel des Gesichts" oder "Drag hurts. Es tut wirklich weh." Und es wurde wieder gesellschaftskritisch: So mancher würde die Drag Queens als "geistig gestört" ansehen, sagten die Kandidatinnen im Gespräch mit Bill Kaulitz. Und doch weigere man sich, sich "limitieren zu lassen". Bill konnte mitfühlen: Auch er kenne die Vorurteile aus eigener Erfahrung. Manche der Drags hatte sich sogar von der androgynen Art bei Tokio Hotel inspirieren lassen.

Auf der Bühne

Und dann standen die zehn Kandidatinnen doch noch auf der Bühne im nett arrangierten, Varieté-artigen "Club". Bevor die nächsten Sendungen unter verschiedenen Überschriften Vorgaben liefern, durften sich die Queens in Folge 1 unter dem Motto "The Art of Drag" völlig frei ausleben. Unter strenger Beobachtung natürlich: Stargast der ersten Sendung war mit Olivia Jones Deutschlands wohl bekannteste Drag Queen, die nicht nur einige der Teilnehmerinnen persönlich kannte, sondern sich auch als unterhaltsamstes und schlagfertigstes Jury-Mitglied mit den spitzesten Kommentaren erwies. "Ich bin eine strenge Mutti", kündigte die Hamburger Legende an.

Doch auch Heidi ließ Strenge walten: "Mut zur Hässlichkeit" attestierte sie der ersten Kandidatin Aria Adams, deren "ganz wunderbare Eröffnung" im Gothic-Look Olivia Jones zwar lobte, dann aber feststellte: "Ein bisschen mehr geht schon noch. Es war so DDR-Fernsehballett-mäßig". Ganz im Gegensatz zur Performance von Yoncé Banks, die mit ihrem heißblütigen Auftritt zu den Favoriten der Jury zählte: "Du zeigst, was du hast", freute sich Conchita - wobei es natürlich wieder um das vieldiskutierte "Abkleben" diverser Körperteile ging. Olivia Jones dazu trocken: "Ein Kitzler wie ne Bratwurst, wie ich immer sage".

Die von vielen als "Schüchternste" eingeschätzte Samantha Gold wiederum performte als Einzige der Teilnehmerinnen nicht unter Playback, sondern mit Live-Gesang. Ihr im gigantischen Dress vorgetragenes "Für mich soll's rote Rosen regnen" von Hildegard Knef wurde geehrt: "Ich finde es sehr mutig", lobte Jones, aber: "Du kannst ruhig noch ein bisschen mehr aus dir rauskommen". "Ich hab mich nicht getraut", so Samantha. Heidi riet: "Du muss die hohen Töne raushauen", Beim nächsten Auftritt indes stimmte nicht mal die Synchro: Im hautengen gelben Anzug performte Hayden Kryze zu Trapmusik Breakdance. Doch: "Ein absolutes No-Go, wenn man sein Playback nicht kann", kritisierte Olivia Jones.

Hühnerbeine und Plastikpuppen

"Ich habe Angst, auf der Bühne Scheiße zu bauen", gestand Janisha Jones, die sich kaum vorbereitet hatte. "Du hast deine Tricks zu schnell verschossen", wusste dann auch Conchita nach der eher improvisierten Tanzeinlage. "Als du rauskamst, fühlte ich mich ein bisschen bedroht, aber das fand ich gerade geil", lobte Olivia Jones. Die Kritik von Heidi: "Da hätten noch mehr Sachen kommen müssen". Und dann flossen die ersten Tränen: "Ich habe mich selber enttäuscht", weinte Janisha hinter der Bühne. Selbstbewusster gab sich Candy Crush, die eine erotische Couchnummer bot. Während Heidi den "lustlosen Gesichtsausdruck" kritisierte, fand das Bill mit dem fragwürdigsten Lob aller Zeiten "gerade gut": "Das sieht so nach Plastik aus, für mich war das wie eine aufblasbare Puppe." Frau Jones mochte das Gesicht, fand die Beine aber etwas "hühnerbeinmäßig".

Umjubelt indes der Auftritt von Catherrine mit toll auftoupierten Haaren zum Klassiker "I will survive". "Meine absolute Lieblingsperformance heute Abend", lobte Heidi Klum und: "Das ist old-school-geil". "Du lässt niemals einen Zweifel daran, dass du die Königin hier bist. Und das bist du auch", schwärmte Conchita. "Geisterbahn goes Muppetshow", kommentierte Olivia Jones im Anschluss den horroresk-hübschen Auftritt von Vava Vilde, die sich katzenartig im Ganzkörperanzug bewegte. Olivias Kommentar: "Aber wie kommst du da wieder raus - mit der Geflügelschere?" Mit Katy Bähm folgte schließlich vielleicht nicht die Beste, aber definitiv die Selbstbewussteste: "Ich wäre doof, wenn ich direkt 100 Prozent zeige", sagte sie vor der Show - und danach zu ihren perplexen Mitstreiterinnen: "Als ich herein kam, haben alle gesagt, dass ich die Schönste bin". So ganz stimmte das nicht: "Ich bin gespannt, was wir noch erwarten dürfen", was das größte Lob der Jury.

Tatsächlich begeistert waren Olivia, Heidi, Bill und Conchita indes von Bambi Mercurys Auftritt im gigantischen befellten und besamteten Königinnengewand samt per Blumentopf selbst hergestellter Krone: Mit Regenbogen- und Transflagge in der Hand verbreitete die bärtige Queen zum emotionalen Abschluss zu Queens "Who wants to live forever" Gänsehaut und eine politische Botschaft. "Mein Lieblingskostüm heute", sagte Heidi Klum, während Olivia Jones erkannte: "Man darf eines nicht vergessen: Drag ist auch gesellschaftskritisch." Der Auftritt sei wichtig gewesen und habe sie "richtig gekriegt". "Du hast mich berührt", gestand auch Conchita. Was Bambi selbst durch den Kopf ging, erklärte sie unter Tränen: "Meine gesamte Jugend und dass ich nicht fallen möchte und dass diese Scheiß-Krone so schwer ist."

Die anschließende Punktevergabe erzeugte Spannung wie beim ESC - wobei nach jeder Runde, in der ein Jury-Mitglied einen bis zehn Punkte auf die Kandidatinnen verteilen durfte, die aktuell Letztplatzierte in die Mitte rücken musste. Bevor die Verliererin der Woche und die Drag Queen of the Week jedoch endgültig feststanden, vertröstete ProSieben das Publikum mit einem Cliffhanger auf nächste Woche. Erster Eindruck: Unterhaltsamer war eine Casting-Show noch nie. Weiter geht es am Donnerstag, 21.11., 20.15 Uhr, auf ProSieben.