Wie dramatisch ist die Lage auf Lampedusa? "Die meisten wollen in Nachbarländer"

Die Bilder sind in den vergangenen Wochen um die Welt gegangen: Einheimische auf der italienischen Insel Lampedusa machen mobil gegen Massenankünfte von Geflüchteten. Das zwischen Tunesien und Malta gelegene Eiland ist ein vorrangiges Ziel vieler Schutzsuchender, die über den Seeweg in die Europäische Union gelangen wollen.

Aber die Inselbevölkerung hat mehrere Gesichter. Das unterstreichen Nichtregierungsorganisationen und andere privat organisierte Vereinigungen, die auf der Insel arbeiten.

Felice Rosa von der italienischen Vereinigung "Meldusa" sagte im Euronews-Interview: "Die Reaktion der Bevölkerung von Lampedusa war eine unmittelbare Solidarität. Sie zielte darauf, die Bedürfnisse der Menschen, die gerade angekommen waren, zu erfüllen oder zumindest zu versuchen, ihnen gerecht zu werden. Und zwar unabhängig davon, ob sie sich in einem Umfeld wie dem des Hotspots oder sogar außerhalb befanden und mit sehr schwierigen Lebensbedingungen konfrontiert waren."

Frankreich sperrt sich - zu Recht?

Die Emotionen verstärkten sich nach den Äußerungen des französischen Innenministers Gerald Darmanin in der vergangenen Woche. Darmanin erklärte, dass keiner der Geflüchteten nach Frankreich gebracht werden würde. Worte, die in ganz Italien politische Reaktionen auslösten, aber Experten auf diesem Gebiet glauben, dass eine einseitige Entscheidung von Paris nicht unbedingt umsetzbar ist.

Zu ihnen zählt Michele Levoy, Direktorin der "Platform for International Cooperation on Undocumented Migrants" (PICUM): "Rechtlich gesehen ist es höchst unwahrscheinlich, dass dies möglich ist, es sei denn, es gibt spezielle Vereinbarungen, die Frankreich mit diesen speziellen Ländern getroffen hat. Aber es gibt Standards, informelle Prozesse für die Rückführung von Menschen, die auch den höchsten Menschenrechtsstandards entsprechen sollten."

"Die meisten wollen in Nachbarländer"

Trotz allem sind die in Europa ankommenden Migrantinnen und Migranten nur ein kleiner Teil aller Menschen, die ihre Länder verlassen, und nicht alle streben auf den "alten Kontinent".

Diese Auffassung vertritt Camille Le Coz, Ko-Direktorin des "Migration Policy Institute Europe": "Die Menschen werden weiterhin ihre Heimat verlassen. Aber wir müssen auch begreifen, dass die meisten Menschen nicht nach Europa kommen. Die meisten Menschen gehen in ein Nachbarland. Ein paar wenige kommen nach Europa. Deshalb müssen wir als Europäer darüber nachdenken, wie wir das System besser organisieren können, wenn die Menschen nach Europa kommen, damit wir die Art von politischer Krise, die ständige politische Krise, die wir immer wieder erleben, vermeiden."