Rettung aller Fluchtwilligen wegen Chaos am Kabuler Flughafen immer unwahrscheinlicher

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Die gefährliche Lage am Kabuler Flughafen erschwert zunehmend die Rettungsaktionen Deutschlands und anderer westlicher Staaten. Im massiven Gedränge vor dem Flughafen kamen nach Angaben des britischen Verteidigungsministeriums bereits mehrere Menschen ums Leben. Verteidigungsminister Ben Wallace nannte es am Sonntag unmöglich, alle Schutzbedürftigen rechtzeitig auszufliegen. Über die Lage in Afghanistan nach der Machtübernahme der radikalislamischen Taliban beraten am Dienstag die Staats- und Regierungschefs der G7.

Der Einsatzleiter der Bundeswehr in Kabul schilderte per Telefon am Sonntag die Lage vor Ort als "dramatisch". Die Schließung von Zugangstoren am Samstag habe unter den vor dem Flughafen ausharrenden Menschen zu Panik und "heillosem Chaos" geführt, sagte Brigadegeneral Jens Arlt. Vor dem südlichen Flughafen-Eingang seien die vorn stehenden Menschen "gedrängt, gequetscht, zum Teil heruntergetrampelt" worden.

Das britische Verteidigungsministerium meldete am Sonntag mindestens sieben Todesfälle in der Menge vor dem Flughafen. Der Sky-Reporter Stuart Ramsay sagte, Menschen würden dort "erdrückt". Viele in der Menge seien zudem "dehydriert" und hätten "große Angst".

Großbritanniens Verteidigungsminister Wallace sagte der "Mail on Sunday", dass "keine Nation dazu in der Lage sein" werde, bis zur von den USA erklärten Frist am 31. August alle Schutzbedürftigen zu retten.

Ähnlich pessimistisch äußerte sich der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell. Bis Ende des Monats 60.000 Menschen auszufliegen, wie die USA dies planten, sei "mathematisch unmöglich", sagte er der Nachrichtenagentur AFP. "Wenn die Amerikaner am 31. August abziehen, haben die Europäer nicht die militärische Kapazität, den Militärflughafen zu besetzen und zu sichern, und die Taliban werden die Kontrolle übernehmen."

Die USA wollen ihren Truppenabzug aus Afghanistan bis Ende August abschließen. Präsident Joe Biden hat allen US-Bürgern in Afghanistan eine Rettung zugesagt. Nach Angaben des Weißen Hauses befinden sich jedoch noch bis zu 15.000 US-Bürger und bis zu 60.000 afghanische Mitarbeiter von Nato-Staaten in Afghanistan. Die Bundeswehr flog nach eigenen Angaben inzwischen mehr als 2100 Menschen aus Afghanistan aus.

Die US-Botschaft in Kabul warnte ihre Bürger am Wochenende ausdrücklich davor, zum Flughafen zu kommen. Grund seien "Sicherheitsbedrohungen". Ein US-Regierungsvertreter sagte später, Biden sei darüber informiert worden, dass die Sicherheitslage am Flughafen unter anderem durch mögliche Anschläge der Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) bedroht sei.

Die Taliban warfen ihrerseits den USA vor, für das Chaos am Flughafen verantwortlich zu sein. "Im ganzen Land" herrschten "Frieden und Ruhe" - "nur am Flughafen Kabul herrscht Chaos", sagte der ranghohe Taliban-Vertreter Amir Chan Mutaki.

Seit ihrer Machtübernahme vor einer Woche geben sich die Taliban betont moderat. Viele Afghanen befürchten allerdings eine Rückkehr zur Schreckensherrschaft der Islamisten der Jahre 1996 bis 2001. Seit Samstag führt der Taliban-Mitbegründer Mullah Abdul Ghani Baradar in Kabul Verhandlungen über eine Regierungsbildung. An den Gesprächen beteiligt sind auch Vertreter des berüchtigten Hakkani-Netzwerks, das von den USA als "Terrororganisation" eingestuft wird.

Über die Lage in Afghanistan wollen die G7-Staaten am Dienstag auf einem Online-Gipfel beraten, wie Großbritanniens Premierminister Boris Johnson verkündete. Der G7 gehören neben Großbritannien auch Deutschland, die USA, Kanada, Japan, Frankreich und Italien an.

Während die Taliban einen Großteil Afghanistans kampflos einnehmen konnten, halten die Gefechte im nördlich von Kabul gelegenen Pandschir-Tal an. Ein Sprecher der Anti-Taliban-Bewegung NRF sagte AFP, die Bewegung stelle sich auf einen "langfristigen Konflikt" ein. Die NRF sei aber auch zu Verhandlungen mit den Taliban über eine inklusive Regierung bereit, die "soziale Gerechtigkeit, Gleichheit, Rechte und Freiheit für alle garantiert".

EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen forderte alle Mitgliedsländer zur Aufnahme schutzbedürftiger Afghanen auf. Die EU-Kommission werde finanzielle Unterstützung für Aufnahmeländer zur Verfügung stellen, versicherte sie beim Besuch eines Erstaufnahmelager in Spanien.

isd/jes

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