Kanzleramtsminister Helge Braun kündigt bei "Maybrit Illner" Testoffensive an

Maximilian Haase

Welche Risiken birgt der Neustart nach dem Lockdown? Bei "Maybrit Illner" warnte unter anderem Ranga Yogeshwar vor den Gefahren. Kanzleramtsminister Helge Braun wiederum sieht die Situation unter Kontrolle - auch dank Massentests und geplanter App.

Kanzleramtsminister Helge Braun

Rasant nähert sich die Bundesrepublik einer neuen Normalität nach dem wochenlangen Corona-Lockdown. Für die einen kann es nicht schnell genug gehen - für andere kommen die Lockerungen, deren Details der Bund in großen Teilen den Ländern überlässt, zu schnell. Diskutiert wurde dies einen Tag nach dem Treffen der Kanzlerin mit den Ministerpräsidenten auch am Donnerstagabend bei Maybrit Illner unter dem Titel "Riskanter Neustart - wer trägt die Verantwortung?". Was auf den Beschluss "Gemeinsam reden, getrennt handeln" nun folge, fragte der ZDF-Talk mit einer witzig gemeinten Darstellung der "Landesfürsten" im Einspieler - und stellte fest: "Wir müssen reden."

Etwa mit einem jener Landesfürsten - dem niedersächsischen Ministerpräsidenten Stephan Weil (SPD). Der wollte vom Vorwurf des "überstürzten Wettlaufs" zwischen den Bundesländern als zugeschalteter Gast nichts wissen: "Ich habe nicht den Ehrgeiz, deutscher Lockerungsmeister zu werden", stellte Weil klar. Er wolle "aus dem Überbietungswettberwerb" aussteigen. Und doch: In seinem Bundesland vernehme er angesichts der gesunkenen Zahlen und der Lockerungen "Erleichterung querbeet".

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Doch was, wenn die Zahlen wieder steigen? "Ein gewisses Risiko einzugehen, ist unsere Pflicht", sagte die geladene Medizinethikerin Alena Buyx vom Deutschen Ethikrat. Man müsse ein "gewisses Restrisiko akzeptieren", wenn man mit der Pandemie leben wolle. Zumal es ja die vom Bund beschlossene "Notbremse" gäbe. Die sieht vor, dass wieder eingegriffen werden muss, wenn in einer Kommune 50 Neuinfektionen auf 100.000 Einwohner festgestellt würden. Ein Mechanismus, den naturgemäß auch Kanzleramtsminister Helge Braun lobte.

Den Ausdruck "Obergrenze" für die Not-Regelung fände er zwar nicht so gut, sagte der CDU-Mann, der bei Illner auch die neue Kontaktsperre ("Zwei Hausstände sind akzeptabel") verteidigte und die "große gemeinsame Verantwortung" betonte. Das System an sich jedoch schon. Das solle nämlich dafür sorgen, dass der Bund dann ins Spiel kommt, wenn es einem Gesundheitsamt zu viel wird: "Darum geht es: Überforderungssituationen zu vermeiden". Denn: "Dann kommen wir alle zum Helfen".

Ranga Yogeshwar sieht Gefahr der "Korrumpierung"

Mahnende Stimmen hatte Maybrit Illner auch eingeladen: "Wir dürfen nicht Opfer unserer eigenen Ungeduld werden", warnte Physiker und Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar. Es herrsche der "trügerische Schein", dass die Zahlen niedrig seien: "Die Zahlen sind wackelig". Dass man nun lokal schaue, "wo es Ausbrüche gibt", hält er zwar für richtig - doch sei man "immer noch am Anfang der Pandemie". Zudem warnte der langjährige "Quarks"-Moderator vor einem möglichen Mechanismus: Was, wenn die Motivation, viel zu testen, in den Landkreisen aufgrund des Drucks abnähme, niedrige Zahlen zu liefern? "Niemand ist bereit den Ast abzusägen, auf dem er sitzt", so Yogeshwar.

Ranga Yogeshwar

Der von Yogeshwar beschworenen Gefahr der "Korrumpierung" hielt Helge Braun entgegen: "Man kann auf Deutschland mehr vertrauen." Es handle sich nicht schließlich nicht um ein - Achtung, Anglizismus - "Blame-Game". Vorwerfen lassen musste sich Braun so einiges auch von der Leiterin des "Spiegel"-Wissenschaftsressorts Rafaela von Bredow. Die kritisierte die neue "Obergrenzen"-Zahl von 50: "Das ist fast frivol, eine solche Zahl zu erfinden." Ja, sie vermutete dahinter gar "einen Deal". Sie hielt es für einen Fehler, auf die erste Lockerungs-Welle gleich eine zweite folgen zu lassen - "ohne zu sehen, was die erste anrichtet". "Es geht bei jeder Woche um dramatische Folgen", entgegnete Ethikerin Buyx - und: "Wir müssen immer wieder neu begründen, warum wir diese Einschränkung behalten".

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Auf von Bredows Vermutung, das Virus werde sich bis zur zweiten Welle "unter der Decke" fortpflanzen, kündigte Helge Braun eine große Testwelle im Sommer an. 150.000 Menschen wolle man auf das Coronavirus testen: "Wir werden die Dunkelziffer aufklären können". Vielleicht ja auch mit Hilfe einer App? Als deren großer Verfechter erwies sich Yogeshwar, der zunächst das "unverschämte Glück" der Deutschen betonte, anschließend die "nicht kluge Politik" der USA kritisierte und die Maßnahmen etwa in Singapur lobte: Man müsse eine App einsetzen - "nicht, um Menschen zu überwachen". Sondern, um "eine empfindliche Stelle des Virus zu treffen".

Wann die geplante App hierzulande nun genau kommen soll, ließ sich Helge Braun aber kaum entlocken: "Wir sind ziemlich gut dabei", sagte er und sprach von "einem ganz großen Meilenstein". Jeder, der freiwillig mitmache, bekäme so etwas wie "ein eigenes Nummernschild". Ja, aber wann nur? "Mitte Juni?", fragte Maybrit Illner. "Warm", so die knappe Antwort des lächelnden Kanzleramtsministers.

Ministerpräsident Weil: "Geisterspiele sind wie Genuss von unaufgetauter Tiefkühlkost"

Ist unser aller Sommer also gerettet? Was ist mit dem Urlaub, zumindest im eigenen Land? Rafaela von Bredow warnte: Das Virus reise natürlich mit, und auch Helge Braun stellte fest: "Wenn wir das Reisen wieder aufnehmen, werden aus lokalen Ausbruchsgeschehen wieder deutschlandweite". Insgesamt gehe es nicht darum, "dass jeder Bürger in den Regeln neue Lücken entdeckt". "Wer sich nicht an Regeln hält, wird schnell merken, dass er von Lockerungen nichts hat", bemerkte Ministerpräsident Weil, der sich im Studiobildschirm bisweilen ignoriert zu fühlen schien. Er war es auch, der in der Talkrunde die wichtigste Nebensache der Welt zumindest kurz und süffisant kommentierte: Fußball-Geisterspiele seien "wie Genuss von unaufgetauter Tiefkühlkost".

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Überhaupt war da die Frage nach den Prioritäten bei den Lockdown-Lockerungen: "Wir sind im Lockerungstanz", nannte es Ethikerin Buyx - die Interessen lägen dabei "immer quer". Sie verstehe etwa die "starke Symbolkraft" der Wiederaufnahme der Bundesliga. Aber man müsse darüber diskutieren. Als Mutter hielte sie es zum Beispiel für besser, die Kinder "könnten wieder in die Grundschule und nicht in den Biergarten". Aber: "In diese Art von Debatten müssen wir rein". "Spiegel"-Frau von Bredow beurteilte die Situation düsterer: "Es ist kein Tanz, sondern ein Spiel mit dem Feuer" - wir seien viel zu nah dran am "Wiederaufflammen".

Ranga Yogeshwar weitete den Blick gen Ende noch aus: Krisen seien manchmal eine Chance - und man müsse überlegen, "ob wir nicht mal grundsätzlich Dinge ändern müssen". Er denke dabei mit Blick auf die Autoindustrie vor allem daran, dass nun "Gelder der nächsten Generation" in die Hand genommen würden, um "eine Technologie von gestern zu retten". Angesichts des "schwindenden Bewusstseins", was "ja auch menschlich sei", stellte der Wissenschaftsjournalist zudem eine wesentliche Grundfrage: "Sind wir noch mal bereit zurückzugehen?"

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