Eckart von Hirschhausen: "Nachhaltigkeit ist kein Modethema, sondern eine Überlebensfrage"

Steht unsere Gesellschaft am Abgrund? In scheinbar düsteren Zeiten startet Eckart von Hirschhausen das ARD-Magazin "Team Hirschhausen! Einfach besser leben", das Menschen am Nachmittag zeigen will, wie man sein Leben gesünder und im Einklang mit unserer Natur und Umwelt gestalten kann. (Bild: ARD / Max Kohr)
Steht unsere Gesellschaft am Abgrund? In scheinbar düsteren Zeiten startet Eckart von Hirschhausen das ARD-Magazin "Team Hirschhausen! Einfach besser leben", das Menschen am Nachmittag zeigen will, wie man sein Leben gesünder und im Einklang mit unserer Natur und Umwelt gestalten kann. (Bild: ARD / Max Kohr)

Ab Montag, 25. Juli, möchte Eckart von Hirschhausen den Nachmittag im Ersten mit Relevanz füllen. Sein neues Magazin "Team Hirschhausen! Einfach besser leben" will den Menschen zeigen, was ihre eigene Gesundheit mit Umweltschutz und Nachhaltigkeit zu tun hat. Kann der Gedankensprung gelingen?

Eckart von Hirschhausen, 54., ist die Allzweckwaffe des "Ersten". Der studierte Arzt, ehemalige Clown, Quizmaster und engagierte Dokumentarfilmer gehört bekanntlich zu jenen prominenten TV-Gesichtern, die davon überzeugt sind, dass Unterhaltung und Zerstreuung nicht alles sind. In seiner neuen wochentäglichen Magazinsendung "Team Hirschhausen! Einfach besser leben" (ab Montag, 25. Juli, 15.10 Uhr, Das Erste) möchte er zeigen, dass Fernsehzuschauende auch am Nachmittag Lust darauf haben, sich mit relevanten Themen wie Gesundheit, Umweltschutz und nachhaltigem Leben auseinanderzusetzen. Und das nicht alleine, sondern im Team und Austausch mit anderen Menschen, wie schon das Konzept seines sommerlichen Format-Testballons zeigt.

teleschau: Ihre neue Magazin-Sendung soll die Menschen "resistenter gegen all den Bullshit machen, der auch gerade im Netz und den sozialen Medien unterwegs ist", sagen Sie. Welche Art von Bullshit ist gemeint?

Eckart von Hirschhausen: Wir haben eine Rubrik in der Sendung, die heißt: "Das können Sie sich sparen". Da testen wir Medizinprodukte, die niemand braucht. Zum Beispiel ein Detox-Fußbad, das angeblich Gifte entzieht. Tatsächlich wird das Wasser während der Behandlung auch schön braun. Wir machen das mit einer Zuschauerin, lassen aber ein zweites Fußbad parallel ein, jedoch ohne Füße. In diesem Becken wird das Wasser allerdings genauso braun (lacht). So etwas ist noch harmlos, aber viele Menschen geben in ihrem Wunsch nach Gesundheit und Heilung tatsächlich unfassbar viel Geld aus für absolut sinnloses Zeug. Und es ist nicht nur das Internet, das dafür wirbt. Auch Fernsehzeitschriften sind unter anderem voll mit Anzeigen für diesen Unsinn - von Haifischknorpel bis Magnetsohlen und Aufklebern gegen Handystrahlung. Ich finde, es ist eine Aufgabe von öffentlich-rechtlichem Fernsehen, hier für mehr Aufklärung zu sorgen. Wer nicht werbefinanziert ist, kann so etwas ja auch sagen.

teleschau: Geht der "Bullshit", gegen den Sie vorgehen, auch über Produkte hinaus? Wie sieht es zum Beispiel mit Fake News und Verschwörungstheorien aus?

von Hirschhausen: Wir haben Katharina Adick im "Team Hirschhausen" - eine Wissenschaftsjournalistin, die auch für "Quarks" und meinen Podcast arbeitet. Mit Ihr rede ich darüber, was man tun kann, wenn ein Freund oder Verwandter in Verschwörungstheorien abgleitet. Auch ein Thema, das durch Corona enorm an Bedeutung zugelegt hat. Wir reden in "Team Hirschhausen" über viele relevante Themen - natürlich abseits der Tagespolitik. Wir sprechen mit Verena Bentele, wie die Inflation die Rentner betrifft, mit einer Ärztin, die selbst an Long Covid erkrankt ist oder mit Sven Plöger über die Gesundheitsgefahren durch die Klimakrise.

Drei Wochen lang testet Eckart von Hirschhausen eine neue Magazinsendung am Nachmittag, die montags bis freitags das Publikum in "besserem Leben" beraten will.

 (Bild: ARD / Max Kohr)
Drei Wochen lang testet Eckart von Hirschhausen eine neue Magazinsendung am Nachmittag, die montags bis freitags das Publikum in "besserem Leben" beraten will. (Bild: ARD / Max Kohr)

"Wer die Leute YouTube überlässt, schickt sie in eine Echokammer"

teleschau: Ist es ein TV-Mythos, dass sich Menschen am Nachmittag nicht mit ernsten Themen beschäftigen wollen?

von Hirschhausen: Da bin ich selbst neugierig. Ich bin grundsätzlich der Meinung, dass Quoten als Gradmesser für Relevanz und unseren gesellschaftlichen Auftrag überschätzt werden. Vielleicht wollen Menschen am Nachmittag nur Fiktives und Antikes sehen, aber ich traue Zuschauern mehr zu. Bei "Hirschhausens Quiz des Menschen" reden wir ja auch am Samstagabend zur Primetime zwischen den Spielen und Fragen auch über Epilepsie, Endometriose, Leben mit Behinderung oder Hitzeschlag. Da sind wir weltweit wahrscheinlich die einzigen in dieser Bandbreite. Ich versuche Menschen mit meiner Popularität und über Jahrzehnte aufgebauten Glaubwürdigkeit immer wieder auch mit anspruchsvollen Gesundheitsthemen zu erreichen. Das ist ein Geschenk und auch eine große Verpflichtung, diese Chance zu nutzen - für etwas Wichtiges, wie zum Beispiel die Bedrohung unserer Gesundheit durch die Klimakrise.

teleschau: All Ihre Formate haben etwas Aufklärerisches. Sie wollen den Menschen helfen, die Welt ein Stück besser machen. Wissen die Menschen heute tatsächlich mehr über die Welt als früher?

von Hirschhausen: Es wäre schön, wenn es so wäre. Den Menschen an sich gibt es nicht. Trotzdem muss man sich darüber Sorgen machen, dass sich so viele Leute vom wissenschaftsbasierten Denken verabschieden. Ich finde, dass man dieser Entwicklung viel entschiedener entgegentreten muss. Auch deshalb, weil sie für unsere Entscheidungen, unsere Demokratie und auch für unsere Gesundheit verheerend ist. Es gibt ein Recht auf eigene Meinung, aber kein Recht auf eigene Fakten.

teleschau: Doch wie tritt man dieser Entwicklung entschiedener entgegen?

von Hirschhausen: Ein Weg wäre, wie ich das jetzt mit "Team Hirschhausen" mache, die Menschen ernst nehmen. Auch in ihrem Wunsch nach Orientierung. Wer die Leute YouTube überlässt, schickt sie in eine Echokammer, in der immer mehr vom Gleichen präsentiert wird. Der Vorteil einer Magazinsendung wie unserer ist, dass man Dinge sieht und mitbekommt, ohne dafür gezielt eingeschaltet zu haben. Man hat Streugewinne, wenn man es so nennen will. Wenn ich mich für Hautpflege, Partnerwahl oder Essen interessiere, bekomme ich trotzdem nebenbei mit, dass es noch andere Themen gibt. YouTube tut genau das Gegenteil. Es zeigt dir immer mehr von dem, was du schon vorher geschaut hast.

In der Rubrik "Das können Sie sich sparen" möchte Eckart von Hirschhausen Produkte enttarnen, die keinerlei Nutzen haben. (Bild: ARD / Max Kohr)
In der Rubrik "Das können Sie sich sparen" möchte Eckart von Hirschhausen Produkte enttarnen, die keinerlei Nutzen haben. (Bild: ARD / Max Kohr)

"Da frage ich mich schon, warum das praktisch nie in der Tagesschau vorkommt"

teleschau: Also ist das Internet demokratiegefährdend?

von Hirschhausen: Ja, weil es den lauten und extremen Meinungen mehr Reichweite bietet. Wer die Welt den Schwurblern und Algorithmen überlässt, wird zwingend zum Schluss kommen, dass die ganze Welt so tickt, wie man selbst. Und dass die Dinge, die man "herausgefunden" hat, tatsächlich so sind, weil alle weiteren Videos, die man da empfohlen bekommt, einen darin bestätigen. Deshalb braucht es freie Presse, öffentlich- rechtliche Medien und Seiten wie "Correctiv" oder das Science Media Center.

teleschau: Wird unsere Gesellschaft in den öffentlich-rechtlichen Medien realistisch abgebildet?

von Hirschhausen: Heute mehr als früher. Bei "Team Hirschhausen" stellen wir ungewöhnliche Konstellationen auf. Der Entertainer Oli P und sein Sohn besuchen zum Beispiel ein Mehrgenerationen-Wohnprojekt. Unsere Stimme der Älteren im Team, Johanna Höfel, 86 Jahre, bringen wir mit der Influencerin Louisa Dellert zusammen - und wir sprechen über Fluch und Segen von Social Media. Oder mit Roman und Heiko Lochmann, wie man in den 50er Jahren seine Eltern mit langen Haaren noch schockieren konnte, oder mit Elvis. Mit einer queeren Journalistin geht es ums Gendern. Ich mag diese Gespräche, bei denen dann ganz viel spontan passiert unter der Rubrik "Enkel:in-Deutsch/Deutsch Enkel:in".

teleschau: Welche Themen, die wirklich relevant sind, kommen im Fernsehen kaum vor?

von Hirschhausen: Die häusliche Pflege! Ein Thema, das nach wie vor medial kaum diskutiert wird. Dass Menschen ihre Verwandten zu Hause pflegen, macht zahlenmäßig mittlerweile die größte "Berufsgruppe""aus, die wir im Gesundheitswesen haben. Ohne pflegende Angehörige wäre unser Gesundheitswesen längst bankrott. Da frage ich mich schon, warum das praktisch nie in der Tagesschau vorkommt. Obwohl fast jeder in der Familie einen chronisch kranken Menschen hat, der über privates Engagement, übers persönliche Aufopfern betreut wird. Warum reden wir nicht offener darüber?

Mit der TV-Ärztin Dr. Yael Adler wird Eckart von Hirschhausen, selbst studierter Arzt, regelmäßig über Gesundheitsthemen sprechen.

 (Bild: ARD / Max Kohr)
Mit der TV-Ärztin Dr. Yael Adler wird Eckart von Hirschhausen, selbst studierter Arzt, regelmäßig über Gesundheitsthemen sprechen. (Bild: ARD / Max Kohr)

"Gesunde Menschen gibt es nur auf einer gesunden Erde"

teleschau: Welche Themen werden uns die nächsten Jahre - aus Ihrer Sicht - gesellschaftlich am meisten beschäftigen?

von Hirschhausen: Die Krise der Pflegeberufe, die Klimakrise mit mehr Extremwetterereignissen und Hitzetoten. Und natürlich die Energiekrise und die Notwendigkeit, möglichst schnell zu erneuerbaren Energien zu wechseln. Kohle-Verstromung setzt jedes Jahr in Deutschland sieben Tonnen hochgiftiges Quecksilber in der Luft frei. Das nehmen wir einfach still in Kauf und denken, es müsste so sein. Muss es aber nicht! Solar- und Windenergie machen auch die Luft viel sauberer. Mich wundert es, wenn wir über die Energiewende so reden, als wäre sie nur ein Thema für Ingenieure und Wirtschaft. Die Energiewende betrifft jeden, der gerne atmet, sehr direkt. Wir können es viel schöner haben. Und gesünder. Gesunde Menschen gibt es nur auf einer gesunden Erde.

teleschau: Gegenwärtig sind die Menschen mit zahlreichen Krisen parallel konfrontiert. Kann man all die Negativ-Information überhaupt noch verkraften?

von Hirschhausen: Das fällt mir momentan selbst oft schwer. Aber ich bin ein Fan von konstruktivem Journalismus. Also nicht: "Ach, es ist alles so furchtbar!" Sondern: "Wir können eine Menge toller Dinge tun. Für uns, die Gesundheit, die Gesellschaft und eine enkeltaugliche Zukunft." Wir leben nicht im düsteren Zeitalter, in dem verschiedene Plagen zufällig gleichzeitig über uns niederkamen. Die Corona-Pandemie ist durch unseren Umgang mit Wildtieren entstanden. Weil wir ihre Lebensräume immer weiter einengen. Auch wegen unseres Fleischkonsums, wegen des Abholzens des Regenwaldes, durch Soja-Plantagen und Futtermittel-Industrie. Trotzdem tun wir so, als wäre das Virus vom Himmel gefallen. Dabei zwingen wir die Tiere in die Notwehr - und daraus entsteht dann eben eine Pandemie, verschärft noch durch die Überhitzung der Erde. Positiv formuliert: Tierschutz und Klimaschutz ist Gesundheitsschutz.

Eckart von Hirschhausen spricht mit Katharina Adic, der Wissenschaftsjournalistin im "Team Hirschhausen". (Bild: ARD / Max Kohr)
Eckart von Hirschhausen spricht mit Katharina Adic, der Wissenschaftsjournalistin im "Team Hirschhausen". (Bild: ARD / Max Kohr)

"Jeder kann Teil der Lösung werden"

teleschau: Kann der Mensch denn aushalten, dass er schlecht ist? Und kann diese Erkenntnisse auch positive Kräfte freisetzen?

von Hirschhausen: Ach, der Mensch ist so vieles. Auf jeden Fall sind wir nicht nur "schlecht". Wir sind Opfer und Täter, aber im besten Falle Gestalter von Veränderung. Wir haben das Potenzial, einen Riesenschritt nach vorne zu machen, wenn wir uns ein bisschen anstrengen. Aber um das zu schaffen, muss man alle gesellschaftlichen Gruppen ins Boot holen. Es braucht nicht nur die jungen engagierten Fridays for Future-Aktivisten, sondern es braucht auch Menschen, die nachmittags um 15.10 Uhr hoffentlich den Fernseher einschalten. Und Herz und Hirn.

teleschau: Aktuell hat man den Eindruck, dass sich die Deutschen deutlich bedrohter fühlen, als es jahrzehntelang der Fall war: Kriegsgefahr, Energiekrise, massive Verteuerung des Lebens, Verlust des Wohlstandes. Wird Nachhaltigkeit darüber vergessen werden?

von Hirschhausen: Das darf nicht passieren. Es wäre sehr, sehr dumm. Mit meiner Stiftung "Gesunde Erde-Gesunde Menschen" habe ich den Slogan entwickelt: Das Teuerste, was wir jetzt machen können, ist nichts. Was wird uns die nächste Generation weniger verzeihen: vorübergehend gestiegene Spritpreise oder für immer gestiegene Meeresspiegel? Das Leid und die Kosten, die entstehen, wenn wir weiter so träge sind, übersteigen jede Vorstellung. Aber Sie haben schon Recht. Die spalterischen Kräfte lachen sich ob des Krieges und seiner Folgen ins Fäustchen. Dabei schaffen wir das gemeinsam oder gar nicht. Und wenn ich mit einem kleinen neuen Format meinen Teil zum Gemeinschaftssinn beitragen kann, ist das besser als Zynismus und reine Ablenkung. Für mich ist Nachhaltigkeit kein Modethema, sondern eine Überlebensfrage. Und jeder kann Teil der Lösung werden.

Der Hamburger Koch Philipp Zitterbart (rechts, mit Eckart von Hirschhausen) hat sich den Kampf gegen Lebensmittelverschwendung auf die Fahnen geschrieben. (Bild: )
Der Hamburger Koch Philipp Zitterbart (rechts, mit Eckart von Hirschhausen) hat sich den Kampf gegen Lebensmittelverschwendung auf die Fahnen geschrieben. (Bild: )
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