"Ein neuer Blick auf diesen alten Schinkel"

München (dapd). Dunkle Rauchwolken hängen bedrohlich über den Türmen des Moskauer Kremls, am Horizont flackert Flammenlicht, Menschen sind auf der Flucht: Zu Fuß oder auf Pferden ziehen sie über eine Brücke auf die andere Seite der Moskwa. Lärm von Pferden und Wagen ist zu hören. Karl Friedrich Schinkels optisch-mechanisches Schaubild "Der Brand von Moskau" - mit Toneffekten und beweglichen Figuren - sorgte zum Jahreswechsel 1812/1813 für Begeisterung bei Berlins Bevölkerung.

200 Jahre später ist das außergewöhnliche Kunstwerk in einer Rekonstruktion erstmals außerhalb Berlins zu sehen - wie auch sein Schöpfer zum ersten Mal auch jenseits der Hauptstadt in einer umfassenden Ausstellung gewürdigt wird. Die Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung in München vermittelt von Freitag (1. Februar) an mit mehr als 300 Gemälden, Zeichnungen und Objekten einen Überblick über Leben und Werk Schinkels (1781 bis 1841).

Die liebevoll arrangierte Schau stellt den preußischen Architekten, Stadtplaner, Maler und Interieurdesigner als Universalgenie vor. Ziel sei, ihn von gängigen Klischees zu befreien, einen "neuen Blick auf diesen alten Schinkel" zu werfen und die Gleichrangigkeit seiner vielfältigen Tätigkeitsfelder zu dokumentieren, sagt der Ausstellungskurator und Direktor des Berliner Kupferstichkabinetts, Heinrich Schulze Altcappenberg. Schinkel solle nicht nur als Preuße und klassizistischer Architekt, sondern "in seiner ganzen Breite" vorgestellt werden.

Zwar wurde Schinkel vor allem durch seine berühmten Berliner Bauten wie das Schauspielhaus und das Alte Museum bekannt, die in der Ausstellung ausführlich gewürdigt werden. Die Schau bemüht sich aber um eine europäische Perspektive, zeigt Schinkel als weitgereisten Künstler, der beispielsweise italienische, englische, schottische und böhmische Landschaften und Bauwerke zeichnete.

Eine Sektion befasst sich mit seinen utopischen Baufantasien wie den Plänen für einen Palast für Otto von Griechenland auf der Athener Akropolis und für ein Zarenschloss auf der Krim. Großprojekte, die nie realisiert wurden. Unter dem Motto "Bühne und die Welt" werden Schinkels Entwürfe für traumhafte Bühnendekorationen präsentiert, mit denen er die Zuschauer zu exotischen Orten entführte - zum Beispiel nach Ägypten, Mexiko, Kaschmir und Jerusalem.

Schlösser wie Babelsberg, Glienicke und Charlottenhof hat Schinkel nicht nur entworfen, sondern für sie auch die gesamte Innenausstattung gestaltet. Die Ausstellung zeigt neben seinen Entwürfen für Interieurs auch Prunksessel, einen Garten- und einen Salonstuhl. Der Produktdesigner Schinkel ist mit Pokalen, Bilderrahmen und einem Kerzenleuchter vertreten. Gleich zu Beginn werden die Besucher in der Kunsthalle in sein Leben eingeführt, unter anderem mit Exponaten wie einem Jugenskizzenbuch und einem selbst verfassten Lebenslauf, einer Brille und einem Teesieb, seinem Krankenbericht und Totenbild.

In Zusammenarbeit mit dem Kupferstichkabinett, in dem die Ausstellung in etwas anderer Form in den vergangenen Monaten zu sehen war, hat die Hypo-Kunsthalle eine wunderbar abwechslungsreiche und herrlich gestaltete Schau konzipiert. Raum für Raum lernen die Besucher eine andere Facette des Universalgenies kennen.

Aufgabe von Ausstellungsmachern sei, die Besucher mit Überraschungen zu konfrontieren, sagt der neue Direktor der Kunsthalle, Roger Diederen. Und er hat völlig recht, wenn er sagt: "In dieser Ausstellung ist das wunderbar gelungen."

Die Ausstellung "Karl Friedrich Schinkel - Geschichte und Poesie" ist in München bis 12. Mai zu sehen.

( http://www.hypo-kunsthalle.de/ )

dapd