"Ein schwarzer Tag für uns alle"

Itzehoe (dapd). Mit hängenden Köpfen und Tränen in den Augen strömen die Beschäftigten von Europas größtem Tiefdruckunternehmen Prinovis aus dem Haupteingang des Werks im schleswig-holsteinischen Itzehoe. Sirenen heulen, und es gibt ein Trillerpfeifenkonzert. Vier der Mitarbeiter tragen einen schwarzen Sarg. Die Enttäuschung über das Aus ihres Standorts ist ihnen ins Gesicht geschrieben. "Es ist einfach nur traurig", sagt ein Mitarbeiter in einem Blaumann und dicker Winterjacke. "Ein schwarzer Tag für uns alle", sagt ein anderer.

Die Männer kommen gerade von der Betriebsversammlung, bei der ihnen das Aus ihrer Firma mitgeteilt wurde. Die Versammlung selbst verlief chaotisch. Immer wieder unterbrachen Angestellte die Rede von Prinovis-Chef Bertram Stausberg. Als der Sarg in den Raum getragen und zudem ein schwarzes Kreuz am Werksgebäude herabgelassen wurde, beendete Stausberg seine Rede und setzte sich auf seinen Stuhl.

Bereits am Abend zuvor hatte die Konzernleitung das Aus für den Standort in Itzehoe nordwestlich von Hamburg beschlossen. Bis August 2014 werde noch weiter gearbeitet, sagt Betriebsratsmitglied Jens Kitzmann. Danach werde das Werk geschlossen.

Die Geschäftsleitung begründet die Entscheidung damit, dass Itzehoe eine deutlich geringere Wettbewerbsfähigkeit in Bezug auf die Personalkostenstruktur und die Effizienz des Maschinenparks habe. Dies führe zu den insgesamt mit Abstand höchsten Stückkosten aller Prinovis-Standorte. Zudem solle die Auslastung der anderen drei deutschen Standorte erhöht werden.

"Der Standort in Itzehoe ist ein Opfer für Prinovis", sagt Kitzmann. Insgesamt sind von der Schließung etwa 1.000 Mitarbeiter betroffen, davon 750 Festangestellte. "Es ist kaum in Worten zu fassen", gesteht ein Angestellter.

Der Fachbereichsleiter für Medien der Gewerkschaft ver.di, Martin Dieckmann, spricht von einer "Zäsur", von "einem Schnitt". "Wir reden hier nicht mehr von Wirtschaftlichkeit bei Bertelsmann und Springer", sagt Dieckmann. Zugleich kündigt er an, den Protest gegen die Schließung zu den Verlagshäusern nach Hamburg und Gütersloh zu bringen. In der Firma Prinovis hatten Bertelsmann und Axel Springer vor Jahren ihr Tiefdruckgeschäft gebündelt. Mehrheitseigentümer ist Bertelsmann.

"Die Region wird zusammenbrechen"

Doch nicht nur für die Belegschaft hat das Aus fatale Folgen. "Die Entscheidung ist eine Katastrophe für die Stadt Itzehoe und für die gesamte Region", sagt Bürgermeister Andreas Koeppen. Betriebsratsmitglied Kitzmann befürchtet: "Die Region wird zusammenbrechen. Hier ist doch sonst nichts mehr." Die meisten Angestellten bei Prinovis stammten aus Itzehoe oder der näheren Umgebung. Hier fänden sie keine Arbeit mehr, sagt Kitzmann.

Neben all der Trauer kocht an diesem Mittwoch auch Wut hoch, die Prinovis-Belegschaft ist sauer. "Wir wurden verarscht. Erst gab es noch Gespräche, die Belegschaft hat auf Lohn, Weihnachtsgeld und Urlaubsgeld verzichtet für eine Beschäftigungsgarantie bis 2015. Und jetzt das", schimpft Betriebsratsmitglied Heiko Witt.

Nach Angaben des stellvertretenden Betriebsratsvorsitzenden des Standorts Itzehoe, Torben Mey, waren die Gespräche zwischen der Geschäftsleitung und dem Betriebsrat "sehr ernüchternd". Während der Betriebsrat Wege aus der Misere finden wollte, habe die Geschäftsleitung stets Gründe dagegen gefunden.

"Wir hatten keinen Bruchteil lang das Gefühl, dass die Geschäftsleitung an einem Fortbestand des Standorts und einer Weiterbeschäftigung der Mitarbeiter interessiert ist", sagt Mey. Dabei sei der Betriebsrat anfangs noch "frohen Mutes" in die Gespräche gegangen. Der Verlauf der Verhandlungen sei "ein Schlag ins Gesicht" gewesen.

Das Werk am Standort Itzehoe war jahrzehntelang unter dem Namen Gruner Druck für die Produktion der Magazine "Der Spiegel" und "Stern" bekannt. 2005 wurde Prinovis gegründet - als Joint Venture von Bertelsmann und Springer.

dapd

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