Unbeugsamer Richter wird zum Volkshelden

Der Brasilianer Joaqim Barbosa stammt aus einfachsten Verhältnissen und arbeitete sich hoch bis zum Obersten Gerichtshof des Landes – als erster Schwarzer überhaupt. Dort kämpft er gegen Korruption.

Sein Vater war Maurer, er selbst verdiente sich das Studium der Rechte mit Gelegenheitsarbeiten, so auch als Setzer bei einer Zeitung. Heute ist Joaquim Barbosa einer der angesehensten Richter Brasiliens, für seine unbeugsame Haltung in den jüngsten Korruptionsprozessen gilt er vielen Menschen im Lande als Volksheld.

Nach seinem Studium, das er nur an staatlichen Universitäten absolvierte, erhielt Barbosa ein Stipendium für einen Studienaufenthalt in Frankreich. Dort wurde er im Bereich Öffentliches Recht promoviert. Später folgten Studienaufenthalte und Lehraufträge in den USA, England, Österreich und Deutschland.

Geboren wurde Barbosa 1954 im Bundesstaat Minas Gerais als ältestes von acht Kindern. Mit 16 Jahren brachte er sich das Klavierspiel bei, später kam die Geige hinzu. Er spricht neben Portugiesisch fließend Französisch, Englisch, Deutsch und Spanisch.

Seit Juni 2003 ist Barbosa Mitglied des Obersten Gerichtshofs von Brasilien. Er ist der erste Schwarze, der so ein Amt jemals bekleidete. Vorgeschlagen worden war er vom damaligen Staatspräsidenten Lula.

Falls dieser aber gehofft haben sollte, damit einen ihm gewogenen, "handzahmen" Richter zu bekommen, irrte er gründlich: Barbosa stieg auf zum wichtigsten Verteidiger einer unabhängigen Justiz.

Im größten politischen Skandal des Landes, "Mensalao", verfolgte er auch konsequent politische Spuren, die immer stärker und eindeutiger in Richtung Lula selbst deuten.

Sieben Jahre dauerten die Ermittlungen und mehr als 600 Zeugen wurden verhört. 38 ehemalige Minister, Parlamentarier, Banker und Unternehmer standen vor Gericht. Dann konnte José Dirceu, jahrelang engster Mitarbeiter von Lula und in dessen Anfangsjahren sein Präsidialamtsminister, des systematischen Stimmenkaufs überführt werden.

Mit illegalen "Monatslöhnen" ("Mensaloa") von bis zu 8000 Dollar wurden Abgeordnete verschiedener Parteien zu einem Lula und seiner sozialistischen Arbeiterpartei (PT) genehmen Abstimmungsverhalten "animiert". Bis zu 50 Millionen Dollar sollen so "verschoben" worden sein.

Vielfältig war der Druck auf die Mitglieder des Obersten Gerichtshofs, das Verfahren "einschlafen" zu lassen. Aber allen voran Barbosa verteidigte eine konsequente Anwendung des Gesetzes: "Das ist nicht nur ein Angriff auf die öffentlichen Finanzen unseres Landes, sondern den brasilianischen Rechtsstaat."

Nicht wenige seiner Bewunderer wünschen sich Barbosa sogar als Präsidentschaftskandidat für das Jahr 2014. Der aber winkt ab und will sich weiterhin auf seine Aufgaben am Obersten Gerichtshof konzentrieren.

Offen spricht er hingegen das delikate Thema der Rassendiskriminierung in seinem Land an: "Ja, sie existiert in ganz Brasilien", bekräftigte er vor kurzem in einem Interview, "aber es wird nicht darüber gesprochen – was ich wiederum hiermit tue."

Die Brasilianer danken ihm seine radikale Offenheit und seine juristische Unerbittlichkeit mit wachsender Sympathie: Jetzt gibt es sogar eine Karnevalsmaske in Rio de Janeiro mit seinem Konterfei.

Das größte Problem Barbosas ist ganz anderer, gesundheitlicher Natur: Ein schweres Rückenleiden zwingt ihn dazu, bei seinen öffentlichen Auftritten im Gericht angelehnt an einen Stuhl zu sprechen, länger sitzen kann er nicht mehr. In diesen Tagen muss er sich deshalb einem schweren Eingriff unterziehen.

Seine Anhänger hoffen, dass er dabei gesundet, schließlich ist der Kampf gegen die Korruption in Brasilien aufs engste mit seiner Person verbunden.

Nach einer Umfrage von "Transparency International" in Brasilien glauben mehr als 60 Prozent der Befragten, dass die Korruption in den vergangenen Jahren immer weiter zugenommen hat. Vor Barbosa liegen also noch gigantische Aufgaben.

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