Einheimische protestieren - Mallorca-Deutscher über Touri-Wut: „Ein völlig schräges Bild, was da entstanden ist“

Maurice Klingenschmitt lebt auf Mallorca und sagt über Menschen, die gegen Touristen demonstrieren: "Das sind Leute, die keine Ahnung haben“.<span class="copyright">dpa/privat</span>
Maurice Klingenschmitt lebt auf Mallorca und sagt über Menschen, die gegen Touristen demonstrieren: "Das sind Leute, die keine Ahnung haben“.dpa/privat

Massendemos, besetzte Strände, Wut auf Touristen: Die Lage auf der Lieblingsinsel der Deutschen ist angespannt. Maurice Klingenschmitt von S.A.E Real Estate Mallorca (31) lebt seit 15 Jahren auf Mallorca und erklärt, ob Touristen auf der Insel überhaupt noch willkommen sind.

FOCUS online: Herr Klingenschmitt, Sie leben seit 15 Jahren auf Mallorca. Fühlen Sie sich aktuell auf der Insel noch wohl?

Maurice Klingenschmitt: Warum denn nicht? Mallorca ist wunderschön, deshalb wollen ja auch so viele hierher.

So viele, dass es mittlerweile schwer zu sein scheint, die Insel zu genießen.

Klingenschmitt: Da muss ich ganz klar widersprechen. Ich weiß, dass das in den Medien so rüberkommt, aber das ist aufgebauscht. Es werden immer nur Ausschnitte gezeigt und wenn man die zusammenschneidet, wirkt es dramatisch. Wenn ich will, kann ich selbst im Hochsommer weiterhin entspannt an den Strand gehen.

Nehmen wir die Playa del Palma. Da gibt es volle und auch sehr volle Abschnitte, das stimmt. Aber oft muss man nur 100 Meter weitergehen und es entspannt sich total.

Wie ist es in den Bergen, im mallorquinischen Hinterland, das so toll zum Wandern sein soll?

Klingenschmitt: Im Moment ist dort nichts los, es ist zum Wandern zu heiß. Im Frühling und Herbst ist es natürlich anders. Allerdings trifft man dann vor allem Einheimische. Die machen den mit Abstand größten Teil der Wanderer auf der Insel aus. Ich selbst bin da als Deutscher eher die Ausnahme. Ich wandere viel und gern.

Müllproblem auf Mallorca? „Darüber kann ich nur lachen“

In Ruhe baden gehen, wandern wie die Einheimischen – das klingt alles nicht gerade nach Ballermann.

Klingenschmitt: Ballermann ist ein winziger Teil von Mallorca. Nur aus der Ferne denken die Leute: So ist es auf der Insel, ringsum. Mallorca ist rund 100 Kilometer lang und 60 Kilometer breit. Wer die Ruhe sucht, findet hier ein Plätzchen. Das ganze Jahr über.

Ein sauberes Plätzchen? Das Müllproblem soll enorm sein.

Klingenschmitt: Darüber kann ich nur lachen. Mallorca dürfte eine der saubersten Inseln im ganzen Mittelmeerraum sein. Da Sie gerade den Ballermann angesprochen haben: In der Hochsaison fährt hier jede Nacht die Putzkolonne den Strand ab. Jeder Zigarettenstummel wird einzeln aus dem Sand geholt.

Ganz ehrlich: Dass jetzt so viele denken, die Insel sei überfüllt und dreckig, ärgert mich. Natürlich kann ich verstehen, dass man genervt ist, wenn man in der Altstadt von Palma wohnt und den ganzen Tag Rollkoffer hört. Oder wenn man seine Wohnung direkt am Ballermann hat und es bis tief in die Nacht dudelt.

Was soll man sagen? Shit happens. Andere haben neben einer Straße gebaut, die irgendwann zur Autobahn wurde.

Maurice Klingenschmitt von S.A.E Real Estate Mallorca<span class="copyright">privat</span>
Maurice Klingenschmitt von S.A.E Real Estate Mallorcaprivat

 

Nach dem, was man gerade so hört, bekommt man den Eindruck, die Mallorquiner hätten einen richtigen Hass auf Touristen.

Klingenschmitt: Das ist gewollt, dass das so rüberkommt. Die Leute im Ausland sollen denken: Die hassen uns - und dann nicht mehr kommen. Eines möchte ich hier in Richtung meines Heimatlands Deutschland gerichtet unbedingt klarstellen: Die Mallorquiner schätzen die Deutschen sehr. Das ist ein völlig schräges Bild, was da entstanden ist. Und das alles nur, weil eine kleine Minderheit Fridays for Future spielen will …

Wer protestiert auf Mallorca? „Leute, die keine Ahnung haben“

Was sind das eigentlich für Leute, die da protestieren?

Klingenschmitt: Mein Eindruck: Viele wohlhabende Erben. Leute, die keine Ahnung haben, was es bedeutet, dafür arbeiten zu müssen, dass das tägliche Brot auf den Tisch kommt. Das ist ja gerade der Witz: Die, die am lautesten schreien, sind vom Massentourismus in der dargestellten Form gar nicht betroffen.

Und was soll der Protest bewirken?

Klingenschmitt: Ganz klar: Den Erhalt der eigenen Komfortzone – oder sogar deren Erweiterung. Hier auf Mallorca gibt es viele, die 12, 15 oder 20 Immobilien besitzen und die sich sagen: Wir haben genug, so soll es bleiben. Genau so, wie der Vater oder der Großvater es aufgebaut hat. Damals, in der Nachkriegszeit. Es lohnt sich, sich das mal genauer anzuschauen. In der Regel sind die wohlhabenden Insulaner nämlich gar keine richtigen Mallorquiner - Ur-Mallorquiner, wie man hier sagt.

Sondern?

Klingenschmitt: Nachkommen von Festlandspaniern, die damals die Insel „gekauft“ haben. Andalusier, Katalanen, Madrilenen – so heißen die Menschen aus Madrid. Die kamen ab den 50ern, haben sich hier niedergelassen. Haben dann jahrzehntelang gescheffelt. Deren Kinder und Kindeskinder sind dann mit dem goldenen Löffel aufgewachsen, wissen wie gesagt oft nicht, was Arbeit ist. Der gewohnte Lebensstandard mit prall gefülltem Kühlschrank und Pool ist eine Selbstverständlichkeit für sie.

Noch mal, wenn so jemand jetzt gegen den Massentourismus protestiert, hat das für mich was Heuchlerisches. Ich meine, ich bin ja auch ein junger Kerl. Aber als ich vor knapp 15 Jahren hierherkam, wollte ich anpacken. Generation Y plus Wohnsitz Mallorca – für mich ist das eine extrem ungute Mischung.

„Beim Protest geht es um eigene Interessen“

Sie haben gerade davon gesprochen, dass der Protest eine „Komfortzone“ erhalten soll. Können Sie das genauer erklären?

Klingenschmitt: Letztendlich geht es nicht um Müll oder Nachhaltigkeit, sondern um eigene Interessen. Es ist ja unter anderem eine Begrenzung der Vermietungen im Gespräch. Das würde den großen Hoteliers in die Hände spielen: Es gäbe weniger Konkurrenz, das brächte mehr Geld in die eigenen Taschen.

Ich sage Ihnen: Unter den Protestlern sind einige Hoteliers. Ich meine nicht die kleinen, ich meine die großen. Wer wie ich ganz normal sein Geld verdient, wer auf der Insel eine Wirtschaftsleistung erbringt, der protestiert nicht.

Woher wissen Sie das?

Klingenschmitt: Aus zahlreichen Gesprächen und auch aus einer Straßenumfrage, die ich gemacht habe. Von zehn Leuten, die ich gefragt habe, ob sie den Massentourismus von Mallorca weg haben wollen, haben mindestens acht gesagt: Blödsinn.

Denken wir die Sache doch mal weiter: Was wäre Mallorca ohne Touristen? Ich sage Ihnen, wenn wir umsetzen, was die Protestler wollen, nagen wir morgen am Hungertuch. Bleiben wir bitte realistisch: Hier auf der Insel gibt es keine Produktion, keine Industrie. Mallorca lebt vom Tourismus.

Aber was spricht denn dagegen, den anders zu gestalten?

Klingenschmitt: Das hätte man früher angehen müssen. Damals, als der Tourismus hier so richtig an Fahrt aufgenommen hat. Man hätte von mir aus den Ballermann verbieten können. Aber jetzt ist er da und gehört dazu. Jeder, der einigermaßen klar denken kann, sieht das so.

Auch der Autohändler – ein Bekannter von mir, der zunächst auf den Protestzug mit aufspringen wollte. Der gebetsmühlenartig wiederholte, er lebe nicht vom Tourismus. Denk doch mal nach, habe ich zu ihm gesagt. Natürlich tust du das. Fast jedes Fahrzeug auf der Insel hat direkt oder indirekt mit dem Tourismus zu tun. Er musste mir recht geben. Inzwischen sieht er es auch so, dass der Protest instrumentalisiert ist. Konzentrieren wir uns lieber auf andere, wirklich wichtige Themen.

Auf welche?

Klingenschmitt: Auf das Thema Wohnungsbau zum Beispiel. Dafür sollten wir Inselbewohner einstehen. Der Wohnungsbau sollte dringend gefördert werden, auch der soziale Wohnungsbau. Hier hat die Vorgängerregierung gepennt; das Ergebnis ist fatal: Immer mehr Menschen können sich das Leben auf der Insel nicht mehr leisten.

Armut ist tatsächlich ein großes Problem. Zum Glück hat die aktuelle Regierung das erkannt und aufgegriffen. Es wurde unter anderem ein Dekret unterschrieben, das vorsieht, dass illegale Landhäuser gegen Bußgeld legalisiert werden können. Eine gute Idee.

Sorgen Sie sich in Anbetracht der Proteste über die Zukunft der Insel?

Klingenschmitt: Nicht wirklich. Ich sehe es eher so: Bereits 1998 gab es hier das erste Sangria-aus-Eimern-Sauf-Verbot. Und wie ist es heute? Genau, die Eimer sind immer noch da. Will sagen: Kontroversen hat es auf Mallorca schon immer gegeben.

Letztendlich wird der gesunde Menschenverstand siegen. Wir können hier nun mal nicht von Luft und Liebe leben - die politischen Entscheider wissen das. Es gibt Maßnahmen, die machen Sinn. Eine weitere Maßnahme, die diskutiert wird, ist die Beschränkung von Mietwägen. Sollte das Verkehrsaufkommen auf der Insel eines Tages so groß sein, dass die Autobahnen im Dauerstau versinken, bin ich dabei. Aber nur dann. Im Moment sieht nichts danach aus.