Einmal drei Pfund Identität und ein Gramm Heimat zum Mitnehmen, bitte!

Jan Rübel
Freier Journalist
Jakob Augstein dient sich der SPD als Wahlkampfberater an (Bild: Getty Images)

Jakob Augstein schreibt Kolumnen im „Spiegel“. Große Themen verfrühstückt er da in kurzen Sätzen. Diesmal kam heraus: eine große Portion Mist.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Schon schwierig, die große Welt auf kleinen Plätzen zu beschreiben. In meinen Kolumnen scheitere ich das eine oder andere Mal daran, aber ich bin in guter Gesellschaft: Wie Jakob Augstein in seinen Kolumnen „Im Zweifel links“ auf „Spiegel Online“ regelmäßig argumentativ auf der Nase landet, machen ihm nur wenige nach.

Gründlich verhoben hat er sich beim aktuellen Versuch, ganz große Brötchen zu backen. Augstein wollte wohl der SPD vorschreiben, wie sie die kommende Bundestagswahl im Herbst gewinnt, und er als alter Weiser vom Berg ließ dazu einiges in seinem Stück vom vergangenen Wochenende raunen. Sein Tipp: Die Sozialdemokraten sollten sich der Themen „Heimat“ und „Identität“ stärker annehmen.

Das ist an sich erstmal nicht unweise. Man gewinnt Wahlen, wenn genügend viele Wähler sich einem anvertrauen, in dieser oder jener Partei etwas Positives sehen, eine vereinende Kraft ausmachen – und Heimat ist ein durch und durch positiv besetzter Begriff; je mehr darüber nachgedacht und gesprochen wird, desto wärmer strahlt er. Identität dagegen ist der persönliche Ausdruck dieser Heimat. Wer darüber hinweg sieht, schaut weniger auf die eigene Seele. Das geht auf Dauer nicht gut.

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Augstein aber benutzt diese beiden Begriffe auf mir unerklärliche Weise als Gegenpositionen. Er schreibt nicht, was Heimat oder Identität sein könnten, was man mit ihnen erreichen kann. Sondern er benennt, was angeblich gegen beides spricht, es angreift – er bemüht einen Anti-Typus, und das geht bei ihm so: „Die soziale Gerechtigkeit muss gegen Kapital und Konzerne errungen werden – aber die Identität gegen die Migration. Das Thema ist für die Linken gefährlich: In der Theorie soll doch der Ausländer ein Freund sein. Aber in der Wirklichkeit ist die Einwanderung ein Quell der Sorge. Wenn die Aufgabe einer linken Regierung die Solidarität mit der arbeitenden Bevölkerung ist, dann gehört dazu auch der Schutz der Heimat.“

Wenn Sätze zu Ende gedacht werden

Eine Dummheit wird nicht besser, wenn man zu ihr andere gesellt. Augstein vergleicht die Rolle der Migration beim Erreichen von Identität mit, er meint wohl „Arbeitgebern“, die im Zweifel nicht so links denken wie Augstein für sich vorgibt, sondern an sich selbst – und deren Egoismus Grenzen gesetzt werden muss. Dieser Vergleich ist absurd: Migranten als Gewerkschaftsschreck, auf solch schräge Idee muss man erstmal kommen. Es verdreht übrigens auch die Größenverhältnisse, aber das ist eine bekannte Masche.

Dummheit Nummer Zwei: Inwiefern bedroht Migration die Identität? Wo erfahre ich von was weniger, wenn um mich herum Leute sind, die andere Kulturerfahrungen mit sich tragen? Was beeinträchtigt mich? Augstein könnte hier Farbe bekennen, aber er trabt weiter. Meint er etwa, es sei zum Bespiel normal, ein flaues Gefühl in der Magengrube zu haben, wenn man an einer Moschee vorbeiläuft – wie mir einmal vor ein paar Jahren ein NPD-Funktionär über sich erzählte?

Aber wahrscheinlich bin ich einer von diesen nicht Hinguckenden aus dem linken Wolkenkuckucksheim, die von Augstein hinaus in die Wirklichkeit geführt werden müssen, denn Dummheit Nummer drei: Das Thema sei „gefährlich“, und für Linke sei der „Ausländer ein Freund“. Komisch, für mich war der Ausländer immer erst einmal ein Mensch. Menschen können nerven und reizen, man kann mit ihnen sympathisieren oder sie zum k… finden. Ich sehe auch keine Gefährlichkeit. Behandelt irgendjemand, ob links oder rechts, die Frage der Aufnahme von Menschen aus anderen Ländern als eine Art Voldemort-Thema, als etwas, worüber man besser nicht spricht? Ich kenne eigentlich nur die verzweifelten Versuche von Rechten, diese Themen als angebliche Tabuthemen zu deklarieren – obwohl wir alle sehr lebhaft darüber diskutieren. Dass Augstein an dieser Mythenbildung teilnimmt, macht sie nicht richtiger.

Und ist der Ruf erst ruiniert…

Einmal in Rage geschrieben, ist dem Autor der eine oder andere Logikfehler auch egal. Zuerst führt er eine Kronzeugin ein, vielleicht traut er der eigenen Stärke nicht. Über Sahra Wagenknecht von der Linken sagt er: „Als sie gesagt hat, auch ein Flüchtling könne durch sein Verhalten sein Gastrecht verwirken, warf man ihr AfD-Rassismus vor. Unsinn. Ein Problem verschwindet nicht, indem man nicht hinsieht. Es ist eine Tatsache, dass viel Zuwanderung erst mal viele Probleme schafft.“

Also, wenn man Wagenknecht Rassismus vorwirft, schaut man angeblich nicht hin. Ich dachte, dass man dann eher genau hingeschaut hat. Jedenfalls hat das eine mit dem andern nichts zu tun: Ob man sich über Wagenknecht aufregt oder nicht, sagt nichts darüber aus, wie stark man in welche Richtung geschaut hat. Augstein stolpert über seine Argumentationskette, die sich als Diffamierungsband enttarnt, und also nach den Dummheiten Vier und Fünf nun die sechste: Bestreitet irgendjemand, dass viel Zuwanderung erst einmal viele Probleme schafft? Dass Deutschland so viele Leute seit 2015 aufgenommen hat, war und ist eine große Nummer. Da geht man nicht so einfach zur Tagesordnung über. Aber die Probleme haben sich bisher als lösbar erwiesen.

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Und vielleicht wäre es für die Identität von Augstein ganz gut, in den Leuten, die bei ihm Migranten sind, keine Bedrohung für seine eigene zu sehen. Deutschland wird Deutschland bleiben. Es wird keine Islamisierung geben, und die Bratwurst stirbt auch nicht aus. Wir werden weiterhin Fachwerk schön finden und unseren Kindern Schlumpfcomics vorlesen – da können noch so viele Flüchtlinge um die Ecke kommen. Augstein kann sich locker machen. Oder zugeben, dass seine Vorschläge an die SPD eine Quelle haben: zynisches Kalkül.

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